Zum Vatertag für einmal ein Father we love: Autor Thomas Meyer hat seinen eigenen wiedererkennbaren Schreibstil, der ihm 2012 fast den Schweizer Buchpreis eingebracht hätte. Und einen ebenso eigenen Erziehungsstil. Er öffnete für uns Tür, Buch und Herz und erzählt, warum ihn der kleine Meyer so glücklich macht.

Thomas Meyer ist Autor. Und zwar ein sehr erfolgreicher. Mit seinem ersten Buch «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» wurde er für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im Juni erscheint sein drittes Buch «Trennt Euch!».
thomasmeyer.ch
Tadah: Diese Woche ist Vatertag, lieber Thomas. Was hat sich mit dem Vatersein in Deinem Leben verändert?
Meine Lebensfreude. Die war schon vorher nicht so schlecht, aber da ist nochmals viel Glück dazugekommen. Ich hab noch viel mehr Freude am Leben, seit mein Bub da ist. Und die Prioritäten sind ganz anders. Levi und sein Wohlergehen sind das Wichtigste geworden für mich.
Du bist ebenso lange Vater wie Du auch Schriftsteller bist. Wie erklärst Du Deinem Sohn, was du machst?
Richtig, mein erstes Buch ist zwei Wochen nach der Geburt meines Sohnes erschienen. Seither bin ich hauptberuflich Autor. Meinem Sohn sage ich: Alle Bücher hat mal jemand geschrieben, auch deine Bilderbücher, und ich schreibe ebenfalls welche. Ich habe ihn auch schon zu Lesungen mitgenommen. So kann er sich schon ganz gut vorstellen, was ich mache. Aber es interessiert ihn mässig, weil keine Polizeiautos und keine Drachen drin vorkommen.



Und wie erklärst Du uns, worüber Du schreibst?
Meine Bücher habe ich nach persönlichem Interesse geschrieben. Bei Wolkenbruchs wunderlicher Reise in die Arme einer Schickse wollte ich beispielsweise wissen, woher die jüdischen Namen wie Rosenfeld kommen. Ich fand heraus, dass die Juden, die aus dem Osten nach Österreich-Ungarn einwanderten, gezwungen wurden, einen deutschen Namen anzunehmen. Ich habe mir überlegt: Welchen hätte ich mir ausgesucht? So bin ich auf Wolkenbruch gekommen. Kurz darauf kam die Idee des orthodoxen Juden, der sich in die falsche Frau verliebt. Das zweite Buch, Rechnung über meine Dukaten, hatte ich eigentlich vor Wolkenbruch angefangen, nach der Lektüre des sehr lustigen «Lexikons der Exzentriker». Dort war dieser König beschrieben, der für seine Leibwache riesige Männer entführen liess. Auch das faszinierte mich. Und Faszination ist die Grundlage für ein Buch.



Findest Du die Ruhe zu schreiben, wenn Levi bei Dir ist?
Nicht richtig. Mittlerweile kann ich ihm zwar sagen: «Schau, ich muss schnell etwas machen, lass mich bitte in Ruhe.» Und er versteht, dass dies nicht gegen ihn ist, dass ich ihn nicht weghaben will, sondern etwas erledigen muss. Ich habe ihm schon früh vermittelt, dass er mich manchmal auch stört. Dass man nicht Leute unterbricht, wenn sie reden, zum Beispiel. Es ist ja nicht so, dass er als Person stört, aber sein Verhalten, und das sage ich ihm. Viele Eltern unterlassen solche Erklärungen leider und erziehen ihre Kinder damit nicht. Gewisse Dinge muss man tatsächlich tausendmal sagen, bis sie sitzen. Aber das bringt es eben mit sich, wenn man einen jungen Menschen zu Anstand erziehen will.
Levi ist sehr oft bei Dir. Ihr lebt also kein klassisches Papi-hat-einen-Papitag-Modell.
Erzähl uns von Deinem.
Levi ist vier Nächte bei mir und drei bei seiner Mutter. Meine Selbstständigkeit kommt dem natürlich sehr entgegen: Wenn Levi Schulferien hat, nehme ich mir Zeit für ihn, mache also auch Ferien, soweit möglich. Seine Mutter und ich teilen das Sorgerecht und die Aufsicht, und da wir in der Nähe voneinander und des Kindergartens wohnen, funktioniert das ausgezeichnet.







Was rätst Du Männern, die keinen oder nur einen Tag mit ihren Kindern verbringen?
Das kommt natürlich drauf an, ob die Eltern noch zusammen sind. Wenn dem Vater nach der Trennung alle zwei Wochen ein Nachmittag zugestanden wird, finde ich das schlicht eine Katastrophe. Dass dies ermöglicht und sogar gefördert wird, ist sexistisch und unemanzipiert. Wie soll man so zum Kind eine Beziehung aufbauen? Da würde ich nicht dem Vater etwas raten, sondern der Rechtssprechung, die das so zulässt. Aber auch sogenannt intakte Familien stehen vor Hindernissen, weil das Teilzeitmodell in der Schweiz überhaupt nicht funktioniert. Zahllose Mütter mit akademischer Bildung finden nur schwer einen Teilzeitjob, und dann meist einen weit unter ihrer Qualifikation, während Väter, die nicht 100% arbeiten wollen, rasch als unbelastbar gelten und ebenfalls auf dem Abstellgleis landen. Somit bringt am Ende doch weiterhin der Vater das Geld nach Hause, während die Mutter zu den Kindern schaut. Der Staat muss meiner Meinung nach nicht die Kita finanzieren, sondern die Wirtschaft in die Pflicht nehmen, damit die bei der Teilzeitarbeit endlich mal im 21. Jahrhundert ankommt.
Und was ist mit Männern, die schlicht kaum Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen und lieber ausgehen und ausschlafen?
Denen kann man nichts raten, denen möchte ich eher meine Betroffenheit ausdrücken. Ein Freund sagte mir kürzlich: «Du bist der einzige, den ich kenne, der mit Freude und Liebe von seinem Kind redet.» Das hat mich erschüttert. Aber dieses Desinteresse ist kein Männermonopol. Auch viele Mütter reden lieblos und genervt über ihre Kinder – oft in deren Gegenwart.






Man sagt, man schreibe besonders gut, wenn man leidet. Stimmt das?
Das klingt natürlich sehr gut. Aber damit ich schreiben kann, muss es mir gut gehen. Ich kann nicht schreiben, wenn ich nicht bei mir bin. Dennoch sind solche Phasen immer sehr lehrreich, und das beeinflusst das Schreiben ja wiederum positiv. Ich weiss einfach: Wenn ich nicht schreiben kann, stimmt etwas in meinem Leben nicht, und dann muss ich nicht nach Inspiration suchen, sondern nach Heilung.
Apropos Heilung. Dein neues Buch trägt den Titel «Trennt Euch!» Trennt man sich in deinen Augen also zu zögerlich?Viel zu zögerlich! Man hört zwar immer wieder, man trenne sich heute viel zu schnell und investiere nicht in die Beziehung. Aber ich sehe rundherum, dass viel zu lange herumgedoktert und herumdiskutiert wird, obwohl allen klar ist, dass es nicht passt. Und der zermürbende Machtkampf, der daraus resultiert, und der darauf abzielt, den Partner in passende Form zu bringen, misslingt jedesmal. Ich sage trennt euch, weil mich dieses Leiden sehr betroffen macht.
Ist es nicht etwas heikel, die Schweizer Männer dazu aufzufordern, ihre Familien zu verlassen?
Warum Männer? Und warum Familie verlassen? Was ist das für eine unemanzipierte Weltsicht? Es geht doch nicht darum, die Familie hockenzulassen. Sondern nur darum, eine Paarbeziehung zu beenden, die nicht dazu taugt. Man kann trotzdem – oder vielleicht gerade erst dann – freundschaftlich miteinander auskommen und sich konstruktiv und harmonisch um die Kinderbetreuung kümmern. Ich und meine Expartnerin haben das auch geschafft. Als Paar haben wir nicht funktioniert, wir hatten zu verschiedene Vorstellungen davon und ständig Diskussionen, und ich wollte meinen Sohn nicht in dieser gestörten Energie aufwachsen lassen. Heute sind seine Eltern beide zufrieden und kümmern sich beide liebevoll um ihn, in zwei Wohnungen. Das Gegenteil – eine Wohnung, in der ständig gestritten wird – kann für ein Kind nicht förderlich sein.

Wie fest Thomas ist Levi und umgekehrt?
Mein Sohn hat mir heute morgen zu verstehen gegeben, dass ich aus der Badewanne kommen soll, indem er seinen Zahnbecher mit kaltem Wasser gefüllt und über meinem Kopf ausgeleert hat. Das hätte ich auch so gemacht. Er hat ständig Unfug im Kopf – gemäss meinen Eltern hat er das nicht geklaut.
Du hast deinen eigenen Schreibstil. Hast Du auch Deinen eigenen Erziehungsstil gefunden?
Ja. Er gründet auf etwas ganz Einfachem: Es gibt Regeln, und zu diesen gibt’s keine Ausnahmen. Zähneputzen, zum Beispiel, oder zuhören, wenn ich etwas sage. Jenseits davon ist vieles möglich. Ich bin viel toleranter geworden, wenn Levi etwas kaputt macht, ja, ich bin sogar sehr unmaterialistisch worden durch ihn. Manchmal geht halt was in die Brüche.
Alleinsein ist sehr erbaulich und das wäre es wohl für alle.
Wird Dir manchmal alles zuviel?
Nein. Erstens bin ich drei Tage kinderlos, da kann ich alles aufräumen, ohne dass mein kleiner Mitbewohner währenddessen neues Chaos produziert. Und zweitens arbeite ich selbständig und kann meine Zeit frei einteilen. Und meine Arbeit empfinde ich sowieso als Genuss und nicht als Last. Ich bin sehr privilegiert.
Wo tankt Herr Meyer Ruhe und Energie?
Hier. Bei mir zuhause, mit mir selbst. Und es ist egal, was ich dabei mache, meditieren oder aufräumen oder den Balkon bepflanzen. Alleinsein ist sehr erbaulich und das wäre es wohl für alle. Viele verbieten es sich aber, weil sie denken, es sei schrullig und egoistisch. Oder sie halten es mit sich selbst nicht aus. Oder es wird ihnen vom Partner nicht zugestanden, weil der sich dann zurückgesetzt fühlt. Dabei müsste jeder von uns eine Stunde pro Tag allein sein.






Zu guter Letzt. Du kannst es besser: Schreib uns einen schönen Abschluss-Satz.
Ich finde, dieses Gespräch ist noch nicht fertig.