Suche

Tadah

Stina Schwarzenbach: Mutter hinter dem Abendmahltisch.

Zwischen Gottesdienst und Kinderzimmer hat Stina ihr Glück gefunden. Aus dem Leben einer ganz normalen Pfarrersfamilie, die an Ostern Schoggihasen isst und zum Essen Tischgebete singt - dies aber nicht etwa aus sehr frommem Aspekt, sondern ganz einfach weil Töchterchen Meret es will.
TADAH_Ostern_Sina_Schwarzenbach_02

Stina Schwarzenbach ist Pfarrerin in Maur ZH. Die 43-Jährige wohnt mit ihren vier Kindern und ihrem Ehemann am Greifensee und hält am Ostersamstag den Gottesdienst zur Osternacht.


Tadah
: Ostern bei einer Pfarrersfamilie. Erzähl, wie feiert Ihr?

Wie jede andere Familie auch. Mit Schoggihasen und Ostereiern.

Und einem Ostergottesdienst?
Nein. Ich leite den Gottesdienst in der Osternacht, die Kinder müssen da aber nicht mitkommen. Zudem es ja auch erst um 9 Uhr abends ist. Ich zwinge niemanden in die Kirche, nie. Sie sollen sich nicht von der Kirche abwenden, weil ich darauf bestanden habe, dass sie dahin kommen müssen. Was sie aber lieben, sind die Kindergottesdienste «Fiire mit de Chliine».

Wenn es einen Gott gibt, wieso lässt er dann all das Leid auf der Erde zu? Eine Frage, die Du Deinen Kindern beantworten kannst?
Eine Frage, die ich mir selber nicht immer beantworten kann. Das ist eine der Grundfragen, an der wir Theologen uns immer wieder aufreiben. Schlussendlich ist meine Antwort immer die gleiche: Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, uns zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Durch diesen Willen wird der Mensch frei. Und manche Menschen missbrauchen diese Freiheit und schaffen Leid. Es obliegt also unserer eigenen Verantwortung, dass wir die Welt zu einer guten machen.

Und: Mami warum schenkt mir Gott kein Velo?
Lacht. Da wird es dann weniger philosophisch, sondern sehr viel pragmatischer und weltlicher.

TADAH_Ostern_Sina_Schwarzenbach_01

Wie finden es die Kinder denn, dass Mami Pfarrerin ist?
Ich glaube, für sie ist das nichts Besonderes. Sie kennen es ja nicht anders. Irgendwann haben sie mir mal gesagt: Hei Mami, Du bist ja uh berühmt. Dich kennen alle..

Wie wurde denn Mami überhaupt Pfarrerin?
Ich habe Germanistik und Italienisch studiert und doktoriert. Ich hätte gerne den akademischen Weg eigeschlagen, aber mein Professor verliess die Uni und so wurde es für mich schwierig. Ich beschloss also, Geld zu verdienen und habe einen Kommunikationsjob bei Farner angenommen. Dann kam 9/11 und die Kommunikationsbranche ist zusammengefallen. Es waren keine Budgets mehr da und, wie soll ich sagen, mir wurde schlicht langweilig. Ich war es gewohnt viel zu leisten, dies aber nach meinem eigenen Fahrplan. Ein Wechsel stand bevor.

Und du bist in der Kirche gelandet.
Nein. Noch nicht. Ich hatte – schon bevor ich den Farner-Job angenommen hatte – ein Assessment zu einem Traineeship der Zurich Financial Services bestanden. Ich habe mich dafür entschieden, diese Chance wahrzunehmen. Ich komme aus einer Lehrerfamilie und wir standen solchen Grosskonzernen immer skeptisch gegenüber. Das war ein weiterer Grund, warum ich da hin wollte: Vorurteile abbauen.

Und?
Ach. Es haben sich alle Vorurteile bestätigt. Zudem war es eine Zeit der Umwälzung. Ich versuchte es ein Jahr lang – aber das war einfach nicht meine Welt. Ich landete also beim RAV. Und wusste: Stina, jetzt musst du echt überlegen, was du willst.

 

Der Beruf war genau das, was ich gesucht hatte. Er befasst sich mit allen Aspekten des Lebens. Von der Geburt bis zum Tod.

 

Du hast geheiratet.
Ja, auch. Aber das hatte nichts mit der Situation zu tun. Es war hingegen tatsächlich wegweisend für mich. Und das nicht nur privat, sondern vor allem beruflich.

Inwiefern?
Wir wurden von einer Freundin getraut. Durch den engen Kontakt rund um die Hochzeit haben wir uns wieder besser kennengelernt und ich habe mich näher mit dem Beruf der Pfarrerin auseinander gesetzt. Ich habe mich gefragt: Was kann ich gut, was möchte ich gerne? Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich könnte Pfarrerin werden.

Bist du den gläubig?
Ich bin gläubig, ja. Aber ich bin nicht fromm. Ich vertrete und lebe eine liberale Theologie und die Offenheit im Glauben ist mir sehr wichtig. Gott hat in meinem Leben immer einen Platz gehabt. Ich habe mich aber schon auch gefragt, ob das reicht. Aber der Beruf war genau das, was ich gesucht hatte. Du hast mit Menschen zu tun, er ist akademisch und intellektuell, philologisch und zudem sehr sozial. Er befasst sich mit allen Aspekten des Lebens. Von der Geburt bis zum Tod. Und durch die vertiefte Auseinandersetzung mit der Theologie im Studium und auch im Austauch mit späteren BerufskollegInnen wurde mir klar, dass mein Glaube eine gute Grundlage für den Beruf als Pfarrerin ist.

 

Das erste Kind war perfekt getimt – wenn man das denn kann.  Der Mutterschaftsurlaub fiel in die Semesterferien.

 

Der Entscheid Pfarrerin zu werden, bedeutete also ein weiteres Studium.
Ja. Ich habe erst nebenbei wieder zu studieren begonnen. Habe nur Hebräisch belegt – aber es war schnell klar: Das ist es! Ich habe also alles auf eine Karte gesetzt und habe diese fünf Jahre Studium durchgezogen.

Und Kinder bekommen.
Lacht. Ja, und Kinder bekommen. Das erste war perfekt getimt – wenn man das denn kann.  Der Mutterschaftsurlaub fiel in die Semesterferien. Das zweite Kind kam im Februar, das ging nicht mehr ganz so gut auf. Zudem er auch gesundheitlich angeschlagen war. Seine Niere war nicht ganz funktionstüchtig, er schrie die ersten vier Monate lang wie am Spiess. Dann wurde es besser.

TADAH_Ostern_Sina_Schwarzenbach_05
StinaSchwarzenbach_05
TADAH_Ostern_Sina_Schwarzenbach_04

Wo waren denn die Kinder, während du an der Uni warst?
In der Krippe. Ohne diese unglaublich tolle Unterstützung wäre es nicht gegangen. Auch weil es ja nicht selbstverständlich war, dass sie dieses doch schwierige Baby genommen haben. Aber die Krippenleiterin hat mir gesagt: Das wird schon klappen, wir schaffen das. Dafür werde ich ihr ein Leben lang dankbar sein.

 

Ich habe meine Liz-Arbeit am Morgen abgegeben, am Nachmittag sind wir in den Urlaub geflogen. Nichts war gepackt, die Wohnung sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich weiss bis heute nicht, wie wir es geschafft haben.

 

Gab es da nicht Momente, in denen Du einfach nicht mehr konntest?
Oh doch, natürlich gab es die. Ich kann mich beispielsweise sehr gut an unseren Urlaub nach meiner Liz-Arbeit erinnern. Wir sind nach Thailand geflogen. Ich habe meine Arbeit am Morgen abgegeben, am Nachmittag sind wir auf den Flug. Nichts war gepackt, die Wohnung sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich weiss bis heute nicht, wie wir es in diesen Urlaub geschafft haben. Das sind Momente, die will ich nicht noch einmal erleben. Auch die Zeit danach war heavy.

Du sprichst vom Praktikumsjahr?
Ja. Nach dem Liz kam das Staatsexamen. Dann musst du ein Jahr Praktikum machen. Wenig Lohn und das Ganze ist auch nur 100% möglich. Dann bist du auch noch wochenweise in Weiterbildungen weg von zuhause. Mein Mann und meine Familie haben das mitgetragen.

Hattest Du nie ein schlechtes Gewissen?
Nein. Ich habe diesen Druck der Gesellschaft nie gespürt. Und wäre ich 100% Mami gewesen, hätte ich das, was ich am allerschlechtesten kann, zu einer meiner Haupttätigkeiten gemacht: Hausfrau sein.

Heute hast du vier Kids, ein Haus, einen Mann, einen Job… Tönt nach unglaublich viel Arbeit?
Unsere dritte Tochter kam kurz nach meiner Ordination zur Welt. Nummer 4 dann während der Zeit, in der ich schon als Pfarrerin arbeitete. Ich hatte erst eine Stelle in der Enge, diese wurde wegrationalisiert. Dann wurde ich Pfarrerin in Maur.

Da wohnt Ihr jetzt auch?
Wir müssen. Als Pfarrer hast du Residenzpflicht.

Das tönt aber nicht gerade so, als würde Dir das sehr gefallen.
Ach. Es ist eine Pflicht, es ist aber auch ein Privileg. Wir wohnen in einem wunderschönen und riesigen Haus gleich neben der Kirche. Aber es ist halt Maur. Ein Dorf. Wir kommen von einer sehr belebten Siedlung mitten im Zürcher Kreis 6. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich vermisse die Stadt nicht.

 

Wir singen zum Essen ein Tischgebet – aber dies nicht nur aus religiösem Gedanken, sondern vor allem weil die Kleinste es so gerne mag.

 

Hast Du denn überhaupt Zeit für deine vier Kinder?
Mit dieser Stelle hier in Maur geht es super. Ich arbeite von zuhause und die Kinder schätzen das unglaublich. Sie wissen genau, wann ich arbeite und stören mich dann auch nicht. Aber sie wissen halt auch: Ich bin da. Wir haben die Kinderbetreuung durch ein Au-pair abgedeckt. Sie kocht mittags und ich stosse dann zum Essen dazu.

Wie wichtig ist denn die Religion bei Euch in der Familie?
Natürlich ist es ein Thema. Wir haben Kinderbibeln und die Kinder mögen die Geschichten sehr. Auch singen wir zum Essen ein Tischgebet – aber dies nicht nur aus religiösem Gedanken, sondern vor allem weil Meret, unsere Kleinste, es so gerne mag.

Das Leben bei der Pfarrersfamilie Schwarzenbach ist also gar nicht so anders.
Wohl nicht, nein. Den grössten Stress habe ich sicherlich an den Feiertagen. Das sind auch die Tage, an denen ich mir manchmal denke: Es wäre jetzt auch einfach schön, nicht arbeiten zu müssen. Weihnachten zum Beispiel. Wenn ich am Weihnachtsabend um 21:00 Uhr einfach gehen muss, weil ich in die Kirche muss. Das stinkt mir dann ein wenig. Aber wem stinkt sein Job nicht ab und zu.


Bilder von tadah.ch