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Tadah

Steffi Hidber: über geschminkte und ungeschminkte Wahrheiten.

Steffi hat das Selbstbewusstsein von 20 Magermodels zusammen. Als erfolgreichste Schweizer Beauty-Bloggerin und Mama zweier Töchter schminkt sie sich also nicht, weil sie sich nicht wertig fühlt. Im Gegenteil. Welchen (immer schön geschminkten, bunten) Blätz wir uns von Steffi abschneiden können, lest Ihr am besten selbst.

Bilder von Sarah Steiner.

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Steffi Hidber ist mit Hey Pretty die erfolgreichste Beautybloggerin der Schweiz. Sie wohnt mit ihrem Mann Nik und ihren beiden Töchtern Mia (15) und Lily (13) im Zürcher Seefeld.
heypretty.ch

Man kennt Dich von Deinem Blog Hey Pretty. Aber auch vom Tagi-Artikel «Ich bin ein dickes Vorbild für meine Töchter». Hat das Wellen geschlagen?
Oh ja. Aber bei den Richtigen. Nämlich bei den 15-Jährigen. Das fand ich super. Denn auch wenn ich damit nicht gerechnet hatte, war es eigentlich genau diese Zielgruppe, die es zu erreichen galt.

Das Thema Dick oder Dünn ist bei Dir also brandaktuell?
Der Auslöser zur Debatte, die schlussendlich in einem Artikel im Mama-Blog des Tagis mündete, war Lily, meine 13-Jährige Tocher. Denn als eine meiner Freundinnen zu ihr gesagt hat: Du hast ganz schön geschlankt, da bin ich durchgedreht. Ich fand einfach nicht richtig, dass man das einem Teenager so sagt. Also habe ich in die Tasten gehauen.

Was hat Lily dazu gesagt?
Ich habe es ihr natürlich zum Lesen gegeben. Und sie fand es super. Meine andere Tochter Mia war zu der Zeit gerade im Skilager und so kam ich nicht dazu, ihr den Artikel ebenfalls zu zeigen. Am nächsten Abend, als der Blog dann online war, hatte ich ein Telefon von ihr: Mami, der Artikel! Und ich dachte: Oh Gott, was kommt jetzt?

Was kam?
Sie erzählte mir, dass sie eine Riesendiskussion über das Thema geführt hätte. Und dass es alle super fänden, was ich da geschrieben habe.

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Du hast ein grosses Selbstbewusstsein. Wie bist Du dazu gekommen?
Ein Teil davon bin wohl einfach ich. Ein Teil davon, hat Amerika aus mir gemacht. Ich bin bis 12 in den USA aufgewachsen. Ich ging gerne zur Schule. Die Lehrer sind da etwas übertrieben und geben dir dauernd das Gefühl, hochbegabt zu sein, in dem Bereich, in dem du gut bist. Das hilft.

 

In Amerika wurde uns immer gesagt: Du geht’s aufs College und kannst Schriftstellerin werden. Hier hiess es: Wenn du Glück hast, wirst du Floristin.

 

Half das auch bei der Rückkehr in die Schweiz?
Ich bin eine Rampensau. Als ich hier ankam, in meiner neuen Klasse stand und sagte: Hi I'm Steffi and I'm from California, da haben mich wohl alle für nicht ganz 100 gehalten. Ich war laut, selbstbewusst, sprach kaum Deutsch, war schlecht in Mathe und wollte vor allem eines: zurück nach Hause.

Es war schwierig?
Sehr. Wir sind in die Schweiz gekommen, weil mein Vater von der ETH eine Professur angeboten wurde. Innert recht kurzer Zeit sind wir also umgezogen und das war für mich ein Trauma. Ich musste die 6. Klasse wiederholen, habe dann die Sekundarschule besucht und war ganz fest überzeugt, dass das alles nur vorübergehend ist und dass ich wieder zurück gehe. Ich fand hier so ziemlich alles doof. In Amerika wurde uns immer gesagt: Du geht’s aufs College und kannst Schriftstellerin werden. Hier hiess es: Wenn du Glück hast, wirst du Floristin.

Du hast also Deine Rückkehr geplant. Und trotzdem sitzen wir heute zusammen in Zürich.
Ich wollte nach der Sekundarschule zurück in die USA und dort in die High School. Es war alles schon organisiert. Und dann bin ich zum Glück im Sommer davor alleine nach Amerika zu meinen Freundinnen.

Wieso zum Glück?
Die waren alle so seltsam geworden. Die eine hatte nur Jesus im Kopf, die zweite nur Drogen und die dritte nur Sex. Und ich da wurde mir bewusst, dass ich da doch nicht mehr hingehöre. Zurück in der Schweiz war ich dann also bereit, auch hier zu bleiben. Ich war quasi angekommen.

Ist die Schule in Amerika denn tatsächlich so, wie man sie aus den Filmen kennt?
Oh ja. Es ist 1:1 so. An der Highschool gibt es die Coolen, die Nerds, die Sportler, die Cheerleaders etc. Als ich zum ersten Mal in der Schweiz auf dem Pausenplatz stand, ist mir das so krass bewusst geworden. Die Mädchen spielten in der Pause Gummitwist und ich bin zu einem Mädchen hin und habe gefragt, ob ich bei ihnen stehen darf. Sie hat mich dann nur angesehen und gefragt: Wie meinst du bei uns stehen? Ich sagte ihr, dass ich noch nicht wisse, wo welche Gruppe auf dem Pausenplatz stehe. Und sie erwiderte dann nur: Da sind die Mädchen, da die Jungen. Das war so erlösend.

 

Ich finde alles, was ich mache, total gut und wahnsinnig lässig. Das hat kein Schweizer.

 

Trotzdem hat das amerikanische System Dich selbstbewusst gemacht.
Es hat mir vor allem diese Einstellung mit auf den Weg gegeben, dass ich alles, was ich mache, total gut und wahnsinnig lässig finde. Das hat kein Schweizer, das ist hier nicht normal. Hier verkaufen sich die Leute eher unter ihrem Wert.

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Sich selbst toll finden. Hilft das – oder hindert es?
Es hilft mir extrem. Aber ich kann mich schon auch gut selbst einschätzen. Seit 12 Jahren bin ich selbstständig. Zuerst habe ich Buchhändlerin gelernt und bin dann beim Radio gelandet – ohne Ausbildung dafür. Ich wollte das machen, also habe ich es getan. Und beim Schreiben war es dasselbe.

Wie hast Du damit angefangen?
Es hatte auch viel mit den Kindern zu tun. Das Konzept von Zuhause aus zu arbeiten, fand ich toll. Also habe ich mich als Texterin und Journalistin selbstständig gemacht. Und mich gleich als erstes bei der Annabelle beworben. Gleich oben anfangen, habe ich mir gedacht – und es hat geklappt. Heute ginge das wohl nicht mehr.

Du schreibst, was Du toll findest und Du erreichst, was Du willst.
Genau. Ich finde nichts schlimmer als langweilige Menschen. Ich bin eine Popcorn-Journalistin. Ich mache gerne flauschige Sachen, Sachen, die Spass machen – für gute Geschichten habe ich einen Riecher. Und mir ist es immer leicht gefallen zu wissen, was die Leute lesen wollen – auch wenn sie das wohl nicht zugeben würden. Ein Porträt über einen erfolgreichen Architekten und seinen Wunderbau? Das langweilt mich. Und darin bin ich wohl auch nicht gut. Es gibt Leute, die haben das gelernt, also sollen sie das machen.

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Wie bist Du zu Deinem Blog gekommen?
2006 habe ich beim Wir Eltern die Beautyseite übernommen. Das fand ich sehr spannend, denn ich musste mich in ein ganz neues Gebiet einarbeiten und hatte keinerlei Kontakte. Aber ich liebe Beauty und die dazugehörigen Produkte. Als ich also den Draht zu all diesen PR-Kontakten der Beautyindustrie hatte, wurde ich gefragt, ob ich nicht einen Beautyblog kenne aus der Schweiz mit dem sie zusammenarbeiten könnten. Es gab nichts. Bloggen fand ich cool, bloggen konnte ich auch – also habe ich es getan.

Verdienst Du mit Hey Pretty Geld?
Ich habe von der Leserschaft her den grössten Schweizer Beautyblog, aber ich kann davon nicht leben. Ich müsste jeden Tag Akquise machen – und das ist total anstrengend und nicht so meins. Im Idealfall habe ich zwei, drei gut bezahlte Kooperationen – dann geht’s. Ansonsten lege ich drauf.

 

Ich habe drei Monate lang quasi nichts verdient. Und ich hatte noch nie so viel Freude am Schreiben.

 

Wieso ist das so?
Ende letztes Jahr hatte ich eine Krise. Alle grossen Brands hatten keine Budgets, wollten nicht zahlen – das habe ich dann auch angefangen persönlich zu nehmen. Denn es hiess immer: Steffi, wir finden dich toll und wir lieben deine Artikel, können dafür aber nicht zahlen. Dass dann die kleinen Kunden zahlen müssen, damit sie auf meinem Blog sein dürfen und eben neben den grossen Brands stehen dürfen, hat etwas Absurdes.

Ich habe also beschlossen, dass ich bei den Grossen nicht mehr anfrage, nicht mehr bettle. Ich habe drei Monate lang quasi nichts verdient. Und ich hatte noch nie so viel Freude am Schreiben. Ich mach jetzt wirklich nur noch das, was ich will. Ich find’s phantastisch, mein Mann weniger – denn es fliesst wie gesagt kein Geld. Aber es war ein wichtiger Selbstversuch. Ich weiss jetzt wieder, dass ich das, was ich tue, wirklich liebe.

Und wie geht’s weiter?
Die grosse Influencer-Hysterie-Welle ist vorbei. Und das ist auch gut so. Die grossen Brands kommen wieder auf die sicheren Werte zurück. Auf die messbaren Werte. Und die kann ich liefern. Ich kaufe keine Follower, ich habe echte Zahlen, echte Leser.

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Wie finden Dich Deine Töchter? Und wie finden sie Deinen Blog?
Sie finden mich immer noch cool, beziehungsweise sehr selten peinlich - ich frage sie nämlich immer wieder. Denn eine Zeitlang hatte ich eine Familienkolumne bei Wir Eltern. Und eines Tages haben sie mir dann gesagt, dass sie es nicht lässig finden, dass Leute in unser Familienleben reinschauen und meine Kinder dann fragen: Hast du immer noch Läuse? Kurz: Ich muss meine Kinder schützen. Mittlerweile finden sie es aber wieder ziemlich cool und wollen ein Teil davon sein.

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Wie empfindest Du denn die heutigen Jugendlichen?
Sie sind sehr angepasst. Sie sind brav und anständig. Aber es gibt eben diese andere Komponente, die ich schwierig finde: Unsere Kinder sind sehr viel Zuhause, denn alles läuft übers Telefon. Sie gehen nicht mehr raus. Und wenn treffen sie sich zu Housepartys via Whats App.

Überfordert sie die reale Welt, weil sie sie nur noch über den Bildschirm kennen?
Ich habe das Gefühl ja. Sie können in so viele Dinge eintauchen via Internet, dass sie das Gefühl haben, die Realität nicht mehr zu brauchen. Aber das wird sich hoffentlich wieder ändern – die Teeniezeit wird vorübergehen.

Ist die Internet-Blog-Welt eine perfekte Welt?
Ein wenig. Ich bin froh, gab es die Mami-Blogs noch nicht, als ich kleine Kinder hatte. Man gibt den Leuten das Gefühl, dass sie nichts im Griff haben. Als Beauty-Blogger habe ich das Glück, dass es eh eine sehr inszenierte Welt ist - das liegt in der Natur der Sache. Und es tut manchmal gut, in eine fiktive Realität abzutauchen. Es ist ein bisschen wie Vogue lesen: Man weiss, dass dies nicht die Realität ist – oder besser: nicht unsere Realität.

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Bist Du ein Vorbild für Deine Kinder?
Ich hoffe es. Und ich glaube es wirklich, ja.

Was macht einem zu einem guten Vorbild?
Sich selbst zu treu zu sein. Und nichts vorzuspielen, was man nicht ist. Oder Dinge tut, die man nicht mag, nur weil man weiss, dass andere sie gut finden. Vor allem in Beziehungen ist dies sehr wichtig.

Wie meinst Du das?
Ich hoffe, dass Nik und ich für die Kinder ein Vorbild sind in Sachen Authentizität. Ich finde es toll, dass wir den Kindern vorleben können, dass eine Beziehung easy ist und gut ist. Dass der Grundtenor respekt- und humorvoll ist. Ich wünsche ihnen auch als Frauen ganz fest, dass sie keine Beziehungen haben, in denen man sich reiben muss, um sich zu spüren. Ich finde es nicht erstrebenswert, wenn man Beziehungen führt, in denen gestritten werden muss.

Jeder streitet doch ab und zu.
Nik und ich sind vom Charakter her beide so, dass wir es gerne harmonisch haben. Und vielleicht macht uns das wiederum zu einem schlechten Vorbild. Weil wir eben kaum streiten und vor den Kindern erst recht nicht. Sie sind jeweils tief traumatisiert, wenn es dann trotzdem einmal laut wird. Und dass ist eben auch nicht normal. Ich muss ihnen dann erklären, dass man auch streiten darf, dass man anderer Meinung sein darf.

Sind Nik und Du Euch sehr ähnlich?
In vielem ja, in ganz vielem nicht. Wir gehen keine Kompromisse ein – oder nur wenige. Er geht gerne Velofahren, also tut er es – auch wenn ich es nicht mag. Und ich liebe es zu reisen, er nicht – ich gehe dann halt mit Freundinnen. Wenn ich etwas will, dann mache ich es möglich. Auch als die Mädchen ganz klein waren, bin ich immer reisen gewesen. Ich hoffe, dass auch das für sie vorbildlich ist. Ich bin in gewissen Dingen schon ein wenig egoistisch. Sie haben vorgelebt bekommen, dass das auch wichtig ist, dass man sich eben Zeit nimmt für sich selbst.

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Was wünschst Du Dir für die Zukunft Deiner Töchter?
Dass sie glücklich sind. Und ich will, dass sie wissen, dass der Karriereweg nicht immer geradlinig verläuft. Man darf auch mal etwas wagen und muss nicht den Weg des geringsten Wiederstands oder der grössten Sicherheit gehen.

Gibt es Aussagen Deiner Kinder, die Dich schockieren?
Wenn sie von Opfern sprechen. Er ist so ein Opfer. Oder: Das ist die Opfertreppe im Schulhaus, die ist eben für die Opfer.

Hast Du denn Angst um Ihre Zukunft?
Nein. Sie werden ihren Weg gehen. Wenn ich jetzt Angst hätte, wär’s doch doof. Es wäre ja wie schon zu spät. Wir haben unseren Erziehungsweg bewusst gewählt. Den Weg, wie nahe wir an unseren Kindern sein wollen. Die Wertvorstellungen und Erwartungen, die sie an die Welt haben, sind definiert. Ich glaube wirklich, sie sind auf einem guten Weg.

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Verstecken sich Frauen hinter Makeup?
Gibt es. Aber eigentlich ist Makeup eine Kunst und ein Ausdruck. Ich sehe es wenig, dass Leute sich schminken weil sie sich verstecken wollen. Ich glaube, eher das Gegenteil der Fall.

Gibt es typische Makeup-Fehler?
Oh ja. Die Instagram-Augenbrauen. Diese Balkenaugenbrauen sind eine Modeerscheinung, die im richtigen Leben einfach nicht gut ausschaut. Auf Fotos hingegen wirken sie super.
Die falsche Makeup-Farbe macht mich auch wahnsinnig. Wenn du also siehst, jemand hat Foundation aufgetragen und der Hals hat eine andere Farbe, finde ich das grässlich. Oder zu dicke Foundation, das Zuschminken des Hautbildes. Generell bin ich aber fürs Experimentieren: Es darf auch mal glitzern und blau sein.

Würdest Du ungeschminkt zum Haus raus?
Nein. Ich würde aber auch nie ungeschminkt zu Hause sein.

Wiederspricht es sich, selbstbewusst zu sein, sich zu schminken und Diäten zu machen?
Finde ich überhaupt nicht. Ich weiss, dass ich aus gesundheitlichen Gründen 10 Kilo abnehmen müsste. Aber ich treffe keine Entscheidungen, weil ich mich nicht wertig fühle. Ich schminke mich nicht, weil ich mich hässlich finde. Und ich nehme nicht ab, weil ich es schlimm finde, dick zu sein. Wenn ich etwas tue, dann möchte auf irgendeine Art und Weise meine Lebensqualität steigern.

Betreuungssituation: Steffi arbeitet 100% von Zuhause aus. Ihre jüngere Tochter Lily isst dreimal am Mittagstisch.