Unseren Kindern Selbstvertrauen mit auf den Weg geben, unsere Kinder stark machen – wie macht man das? Wie eben nicht? Und was haben Kinderbücher damit zu tun? Wir haben bei Psychologin Margarete Killer-Rietschel nachgefragt und ein paar wertvolle Tipps erhalten.

Margarete Killer-Rietschel ist diplomierte Psychologin und berät und therapiert Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern. Praxis für kleine und grosse Leute.
Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus. Was macht Kinder selbstbewusst? Lob?
Das Selbstbewusstsein eines Menschen ist ein komplexes Gebilde, es wird durch mannigfaltige Erfahrungen geprägt, deshalb: Man sollte nie die einzelnen Handlungen (zum Beispiel «Wie ich lobe») zu kritisch betrachten. Es ist die Summe, die entscheidend ist.
Lob, zumindest so wie ich es definieren («sich positiv über einen anderen Menschen, sein Verhalten, seine Eigenschaften äussern.»), ist nichts Schlechtes. Schliesslich werden wir alle gerne wertschätzend behandelt.
Selten höre ich von Problemen, die durch zu viel Wertschätzung im Kindesalter verursacht wurden.
Ein Kind muss zuerst das wohlwollende elterliche Verhalten erfahren, um später, sozusagen mit den verinnerlichten «guten» Eltern, mit sich selbst liebevoll umgehen zu können. Die Mehrzahl meiner Klientinnen und Klienten geht zu selbstkritisch mit sich um. Kurz: Selten höre ich von Problemen, die durch zu viel Wertschätzung im Kindesalter verursacht wurden.
Es kommt also nicht drauf an, wie wir loben, sondern dass wir eine Grundannahme treffen: Mein Kind ist ein wunderbarer Mensch, ohne Wenn und Aber?
Genau. Das kommt vor jedem Lob. Da geht es um die bedingungslose Wertschätzung des Kindes, so wie es IST. Erst an zweiter Stelle kommt das TUN. Manches Verhalten finde ich lobenswerter als anderes. Es ist meine Aufgabe als Erwachsener, die Grundlage zu legen, dass mein Kind ein glücklicher Mensch werden kann. Ein Mensch, der seinen Platz im Leben findet und dabei sich und seinen Mitmenschen keinen Schaden zufügt, sondern vielmehr (im Idealfall) eine Bereicherung für sich und andere ist. Daher werde ich meine Freude äussern, wenn es etwas tut, was meinen Werten entspricht.
Die so wären?
Zum Beispiel Selbstbestimmung, Mitgefühl, Respekt und Selbstfürsorge.
Man kann also auch wegen falscher Dingen loben?
Wenn wir falsch loben, also oberflächlich grundsätzlich alles toll finden, wird das Kind mehr und mehr unser Lob hören wollen, es wird abhängig.
Loben sie nicht nur Ergebnisse, sondern auch Anstrengungen. Das macht Mut, dranzubleiben.
Je nach Alter des Kindes sollte das Lob sich zunehmend differenzieren. Anfangs loben wir beispielsweise das bunte Gekritzel, später dann die genaue Beobachtungsgabe: «Toll, da hat ja jede Hand fünf Finger. Es gefällt mir, wie genau du das gemalt hast.»
Wichtig ist auch, nicht nur Erfolge und Ergebnisse, sondern auch Anstrengungen zu loben. Das macht Mut, dranzubleiben.
Loben wir denn, um unsere Kinder zu manipulieren?
Ist es eine ehrliche Freude, ein ehrliches Lob, weil dieser Fortschritt für das Kind (nicht für mich!) ein wichtiger Schritt ist, so empfinde ich es nicht als Manipulation. Das läuft für mich eher unter Mitgefühl und Empathie.
Niemand erzieht Kinder wertfrei.
Natürlich können wir hinterfragen, ob wir in der Erziehung nicht insgesamt immer auch manipulieren. Schliesslich geht es darum, Kinder so zu erziehen, dass sie gleichzeitig sich selbst, ihr Ureigenes, ihre Individualität leben UND auch ihren Platz in der Gesellschaft finden. Diese Dualität bestimmt ja unser Leben. Wie kann ich dazugehören und gleichzeitig selbstbestimmt leben?
Niemand erzieht Kinder wertfrei. Unsere eigenen Werte spielen eine grosse Rolle. Und ja, sind Eltern beispielsweise sehr leistungsorientiert, loben sie also gute Noten, dann manipulieren sie stückweise auch. Da finde ich es sehr wichtig, zu differenzieren. Kann das Kind diese Leistung erbringen? Macht es ihm selbst Freude? Oder lernt es etwa, weil es denkt, nur dann würde es geliebt? Wenn das Grundbedürfnis, geliebt zu werden, von Eltern nicht erfüllt wird, suchen Kinder nach Ersatz – Lob kann ein (schlechter) Ersatz für mangelnde Wertschätzung und Liebe sein.
Und was ist mit Kritik? Kritisieren wir zu oft?
Das muss jeder für sich selbst beantworten. Liebevolle, konstruktive Kritik, die hilft sich weiterzuentwickeln, ist nie verkehrt.
Modellhaft erleben Kinder, wie man Schwierigkeiten bewältigen kann.
Helfen Kinderbücher das Selbstbewusstsein unserer Kinder zu stärken? Solche, in denen Kinder wie sie zu Helden werden?
Es gibt sehr gute Kinderbücher, die starke Figuren präsentieren. Und ganz sicher ist gemeinsame (Vor-)Lesezeit ein wichtiger Faktor in der Entwicklung, der sich auf die Beziehungsqualität Eltern-Kind, die Kreativität und die Lust am Lesen auswirkt.
Modellhaft erleben Kinder, wie man Schwierigkeiten bewältigen kann. Und wenn das noch lustvoll und mit Humor geschieht, ist es etwas, das viele Probleme abschwächen und helfen kann, sie besser zu bewältigen. Seien das der Umgang mit Gefühlen wie Wut, Angst, Trauer oder mit Konflikten wie Streit, Schulschwierigkeiten, Trennung oder Geschwisterrivalität – es gibt hier zahlreiche gute Bücher.
Apropos Helden: Sollten wir unseren Kindern mehr zutrauen?
Ich liebe den Spruch von Maria Montessori: «Erkläre mir und ich vergesse. Zeige mir und ich erinnere. Lass es mich tun und ich verstehe.» Deshalb ein grosses Ja, wir sollten unseren Kindern viel mehr zutrauen. Das selbständige Tun führt zum Gefühl der Selbstwirksamkeit und zu einem starken Glauben an die eigene Wirksamkeit. Beides zusammen ist der beste Schutz vor Gefühlen der Hilflosigkeit, die häufig in Angst und Depression mündet.
Unsere Kinder wollen vieles selbst machen. Zum Beispiel die Milch ins Müesli leeren. Wir sehen aber schon das Milch-und-Müesli-Gate in der Küche. Sollten wir entspannter sein?
Nun, das ist nicht nur altersabhängig, sondern hier spielen auch die Nerven der Erziehenden mit. Oder eben nicht. Nach einer schlaflosen Nacht wird keine Mutter gelassen der Überflutung des Tisches begegnen. In solchen Momenten sollte sie das Experimentieren lieber sein lassen. Wenn das Kind jedoch bereits über gewisse motorische Fertigkeiten verfügt und die elterlichen Nerven es zulassen, kann es sehr viel Freude machen, selbst Milch einzugiessen – auch wenn es ein paar Anläufe braucht.
Wieso vergleichen wir uns nicht lieber mit uns selbst?
Wir Mütter vergleichen uns oft mit anderen Müttern. Und ziehen dabei (vermeintlich) den Kürzeren. Vergleichen wir zu oft auch unsere Kinder?
Menschen neigen dazu, sich einordnen zu wollen und vergleichen sich deshalb. Wer vergleicht, kann aber nur gewinnen oder verlieren: Er schaut auf andere herab oder zu ihnen hoch. Wieso vergleichen wir uns nicht lieber mit uns selbst? Letztes Jahr war das und das noch schwierig, jetzt klappt das schon viel besser. Das würde uns viel mehr ermutigen als der Vergleich mit anderen. Wir würden sehen: Alles verändert sich. Und vieles löst sich wie von Zauberhand.
Wir sagen so oft nein. Fühlen sich unsere Kinder deswegen abgelehnt?
Nein. Ich lehne vielleicht einen Wunsch ab (Schoggi am Quengelregal) aber nicht das Kind. Wir alle müssen lernen, Bedürfnisse aufschieben zu können. Sind wir ehrlich: Wir würden uns allen keinen Gefallen tun, wenn wir nur noch zu allem ja sagen würden.
Wichtig finde ich, das Gefühl des Kindes zu sehen. «Ich verstehe, dass du sauer bist, weil du jetzt gerne diese Schoggi gehabt hättest.» Und zu erklären, dass es das jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nicht gibt.
Sollten wir unsere Kinder selbst entscheiden lassen? Zum Beispiel, welche Kleidung getragen wird?
Auch das ist natürlich altersabhängig. Farbe, Stil, da plädiere ich für ein Mitspracherecht der Kinder – das gehört zum Selbstausdruck. Im Bikini im Winter in die Schule? Eher nicht.
Aus Erfahrung lernt man viel besser als durch weise Ratschläge.
Auf eine lange Wanderung im Winter ohne Handschuhe? Ebenso wenig. Auf dem kurzen Schulweg im Winter ohne Handschuhe? Ja. Aus Erfahrung lernt man viel besser als durch weise Ratschläge.
Kurz: Pinke Hosen und ein orange farbenes T-Shirt dazu – da muss das Mami halt durch. Aber wenn es der Gesundheit abträglich ist, würde ich einschreiten. Bei Teenies entgleitet den Eltern dann meistens sowieso die Möglichkeit der Einflussnahme.
Unsere Kinder sind gleichberechtigte Mitglieder unserer Familie. Wobei: Sind sie das wirklich?
In meinen Augen setzt Gleichberechtigung voraus, dass gleiche Fähigkeiten vorhanden sind. Ein Kind kann in Bereichen nicht mitbestimmen, in denen es noch nicht das Wissen, die Erfahrung und die Kompetenzen eines Erwachsenen hat. Wir sollten Kinder ernst nehmen und ihnen im Rahmen ihrer Fähigkeiten Mitsprache zugestehen, sie jedoch nicht überfordern. Ein angemessenes Mittelmass bewährt sich besser als Unter- oder Überforderung.
#tadahtipp Bei minibigbooks.com stehen die kleinen Leser in vielen herzigen Geschichten nicht nur namentlich im Buch, sondern dort auch im Mittelpunkt. Das ist nicht nur cool, sondern macht sie ganz schön stolz. Wie man die kleinen Büchlein selbst kreiert und ausdruckt, lest Ihr hier: Kinder brauchen mehr Helden. Zum Beispiel sich selbst. Was Märchen für die Entwicklung unserer Kinder tun, könnt Ihr in unserem Plädoyer für Mord und Totschlag nachlesen.