Sandra Grimmer wollte nicht nur eine bequeme, stilsichere Hose auf den Markt bringen. Sie will sie auch fair und nachhaltig herstellen. So richtig. Also plant sie, ihre Hosen vollständig in die Circular Economy einzuführen. Und sie am Hosenlebensende wieder in ihre Bestandteile zu zerlegen - samt Elastan - um daraus neues hochwertiges Garn zu gewinnen. Ein wegweisendes Projekt.

Sandra Grimmer ist Gründerin von Seefeld.Style. Sie lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kindern (4 und 3 Jahre) im Säuliamt.
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Tadah: Liebe Sandra, Du hast aus der Not eine Tugend beziehungsweise eine Hose gemacht. Erzähl!
Bevor ich Kinder hatte, war meine Garderobe getrennt nach Business und Freizeit. Als ich Kinder bekam, vermischten sich die Grenzen zwischen den einzelnen Lebensbereichen, also von Home Office und Spielplatz, von Haushalt und Meeting. Und so haben sich auch meine Ansprüche an Kleidung und besonders an Hosen stark verändert. Nebst gutem Aussehen sollte sie einfach alles mitmachen, mich in der Bewegung nicht einschränken und absolut pflegeleicht sein. So entstand die Idee für «die Hose fürs Leben». Und damit auch für die Gründung von Seefeld.Style.
Das Unternehmen entstand also sozusagen mit dem ersten Kind?
Sozusagen, ja. Nach der Geburt meiner Tochter war noch nicht alles an meinem Körper «beim Alten» und Hosen können einen dann ziemlich frustrieren. Gerade in Zeiten, die sonst schon so herausfordernd sind, ist es doch umso wichtiger, dass man sich in seiner Haut wohl fühlt. Im Business genauso, wie wenn man irgendwo am Boden seinen Kids hinterher krabbelt. Kurz: Meine Hose macht alles mit, ist schlicht und schmeichelt der Figur.
Das geht ja vielen Müttern so – sie entwickeln in der Babypause ein weiteres Baby.
Ja, ich fand das schon auch cool, dass ich, während ich auf meine Tochter schaute, gleichzeitig etwas für meinen Kopf tun konnte. Ohne diese geistige Herausforderung wäre mir zu Hause schnell die Decke auf den Kopf gefallen. Ich bin deshalb auch dankbar, dass mein Mann mich dabei voll unterstützte, das Kochen übernahm und wir die Kindererziehung miteinander geteilt haben. So hatte und habe ich neben dem Muttersein immer auch Zeit, mich um mein Geschäft zu kümmern.
Wahr ist, dass man mit einem Kind sich selbst zurücknehmen muss.
Wie hat Dein erstes Kind Deine Welt und Dich verändert?
Ich bin geduldiger und flexibler geworden. Das sagt auf jeden Fall mein Mann. Aber wahr ist, dass man mit einem Kind sich selbst zurücknehmen muss. Und das ist nicht immer einfach. Das Wohl der Kinder steht an erster Stelle und dann nimmt man Einbussen für sich selbst in Kauf. Das geht von der Freizeitgestaltung über ewig-kindergerechte Menüs bis hin zu Freinächten neben dem fieberkranken Kind. Das gehört mit dazu. Dafür geniesst man dann aber wieder die kleinen Momente, in denen mal durchschnaufen kann. Ich zum Beispiel den ersten Kaffee mit meinem Mann, bevor die Kinder erwachen und der tägliche Wahnsinn wieder losgeht.
Marken mit schnellen Zyklen, welche alle zwei Wochen eine neue Kollektion auf dem Markt bringen, haben gar keine Zeit, alles in Einklang zu bringen. Wir machen es anders.
Weshalb sind Hosen das wohl schwierigste Kleidungsstück der Frau?
Nicht nur der Frau. Auch für Männer gilt: Hosen, die gut sitzen, eine schöne Figur machen und trotzdem die Bewegungsfreiheit nicht einschränken, sind sehr schwer zu finden. Und die meisten Hersteller machen sich keine grossen Sorgen um Passform und Tragekomfort, sondern zählen darauf, dass die Kunden einfach der Mode folgen. Gute Hosen zu machen ist eben schwer, braucht Entwicklungszeit und ist deswegen teurer. Dabei spielen Schnitt, Stoffzusammensetzung, Webart, Nähte und viele weitere Details wichtige Rollen. Marken mit schnellen Zyklen, welche alle zwei Wochen eine neue Kollektion auf dem Markt bringen, haben gar keine Zeit, alles in Einklang zu bringen. Wir machen aber lieber Lieblingsstücke, die man immer wieder nachkaufen kann und die garantiert genau gleich sind wie beim ersten Hosenpaar.



Das klingt alles toll. Aber jetzt die ketzerische Frage: Was kann Deine Hose denn wirklich besser als andere?
Seefeld.Style entstand aus einem echten Use Case, also aus der Anforderung, dass diese Hosen mit dem echten Leben mithalten können müssen. So testen wir die Hosen auch an unterschiedlichsten Figurtypen und mit den unterschiedlichsten Anwendungen: zum Beispiel bei Yogaübungen, beim Reiten, in der Sauna, wo ich beispielsweise getestet habe, wie gut die Temperaturregulierung des Stoffs ist. Zudem ist unsere Hose wirklich nachhaltig produziert. Und wird noch nachhaltiger werden.
Wie meinst Du das?
Es kann nicht sein, dass die globale Fashion-Industrie weit über 100 Millionen Tonnen Textilabfall einfach auf die Halde wirft. Wir spannen mit einem Forscherteam zusammen, um unsere Hosen vollständig in die Circular Economy einzuführen.
Circular Economy – das klingt nach einer weiteren Business-Idee?
Ist es auch: Mit Seefeld.Science gründen wir eine Circular Economy Firma. Wir wollten unsere Hosen rezyklierbar machen und haben bei der Recherche erstaunt festgestellt, dass dies nicht geht, weil sie aus einem funktionalen Stoff mit Elastan-Anteil bestehen. Ich bin gelernte Betriebswirtschafterin, mein Mann Ingenieur. Wer uns kennt, weiss, dass wir es dabei weder belassen wollten noch konnten.
Unser Ansatz ist der erste biologische Prozess, der ein echtes Yarn-to-Yarn-Recycling ermöglicht.
Circular Economy ist ein Trend und es gibt auch schon einige innovative Textilhersteller, die ihre synthetischen Stoffe so herstellen, dass sie biologisch abbaubar sind. Das Problem bei diesem Cradle-to-Cradle Ansatz ist, dass die Stoffe den Umweg über den Kompost gehen müssen. Ein Grossteil der Energie, die in die Herstellung gesteckt wurde, geht so verloren. Unsere Lösung basiert auf enzymatischer Hydrolyse. Das ist der erste biologische Prozess, der ein echtes Yarn-to-Yarn (Faden-zu-Faden) Recycling ermöglicht. Und zwar für alle textilen Fasern. Auch für Elastan.




Klingt nach viel Arbeit. Wer ist bei Seefeld.Style denn alles involviert? Bist Du eine One-Woman-Show?
Überhaupt nicht. Ich mache zwar vieles selbst, aber alleine ein Textillabel aufzubauen, wäre unmöglich. Design, Webauftritt und Marketing liegt bei uns. Wir haben zudem ein grosses Netz an Partnern – die meisten davon Schweizer KMU-Perlen – so wie die Schnittechnikerin in St. Gallen oder die Produktentwicklerin in Thalwil. Dann ist da noch unser Partnerbetrieb in Portugal, der für uns Garn und Stoff nach Öko-Tex-Richtlinien herstellt und die fertigen Hosen näht. Zuguterletzt noch unser Logistikpartner in Embrach und diverse andere Dienstleister wie Treuhänder etc.
Auch bei Seefeld.Science sind wir nicht alleine, sondern mittlerweile ein Team von fünf interdisziplinären Menschen und vier externen Wissenschaftlern. Allesamt arbeiten wir auf Hochtouren, um diese Technologie von der Wissenschaft in die Wirtschaft zu bringen.
Du hast beim Smart Emma Voting der SBB gewonnen – einen Pop-up Store im Zürcher HB. Der Traum einer jeden Designerin bzw. Shop-Inhaberin. Und dann kam Corona. Wie ging's weiter?
Als junges Label hatten wir uns natürlich wahnsinnig darüber gefreut, bei SBB Smart Emma gewonnen zu haben. Das Projekt wurde dann aber wegen dem Lockdown erstmal abgesagt und wir mussten uns selber neu erfinden. So entstand die Idee zu Salon Privé. Salon Privé bedeutet privates Wohnzimmer. Und genau in so eine gemütliche Atmosphäre laden wir unsere Kundinnen für unseren Salon Privé ein. Jedesmal an einem anderen Ort.
Was als Corona-Alternative entstand, wurde also schnell total beliebt?
Genau. Im Salon Privée hatten und haben wir die Möglichkeit, Kundinnen persönlich kennenzulernen und ihnen zuzuhören. Und dabei etwas zurückzugeben: ein schönes Erlebnis an einem schönen Ort. Und weil das auch bei unseren Kundinnen so gut ankommt, gehen wir im Herbst mit Salon Privé sogar auf Tour de Suisse. Um das tun zu können, haben wir sogar beim Verschiebedatum von SBB Smart Emma abgesagt.
Salon Privée @ Tadah:
am 22. und 23. Oktober 2020
Hier Slot buchen.







Du bist Mutter von zwei Kindern im Alter von 4 und 3. Du bist Hosen-Desigerin und -Vermarkterin und jetzt gründest du noch eine Circular Economy Firma. Also entweder bist Du nah am Kollaps oder aber Du hast irgendein Self-Management-Geheimnis, das wir jetzt unbedingt wissen wollen. Use demit!
Klar, ich arbeite viel und Zeit für Hobbies oder Me-Time bleibt kaum. Meine Arbeitszeit ist nicht geregelt und die Gesprächsthemen am Familientisch drehen sich oft um die Arbeit – auch am Wochenende. Arbeit und Freizeit sind nicht getrennt, sondern mischen sich. Aber es fühlt sich auch natürlich an. Meine Arbeit ist Teil meines Lebens.
Mein Mann, meine Schwestern, meine Mutter, die Schwiegereltern und viele Freunde helfen bei uns mit. Natürlich ist es mit Kindern oft auch eine organisatorisch und logistisch knifflige Herausforderung alles unter einen Hut zu bringen. Aber am Ende funktioniert es dann doch und die Kinder müssen nicht auf ihre Mami verzichten. So bin ich übrigens auch selbst aufgewachsen. Mein Vater war selbständiger Werkzeugmacher und meine Mutter hat die Administration gemacht. Das Büro war im Haus und die Werkstatt in der Garage, sodass wir eigentlich nie ohne unsere Eltern waren. Für mich ist dieses Lebensmodell die Norm, nicht die Ausnahme.
Ich habe jetzt ein Ziel, welches ich selbst bestimmt und gestaltet habe.
Was muss gegeben sein, um so zu arbeiten?
9-to-5 muss man abschreiben. Man muss das Leben als Ganzes nehmen und bereit sein, Entscheidungen zu fällen, Opfer zu machen und Prinzipien einzuhalten. Vielleicht ist mein Leben nicht mehr so entspannt wie früher. Dafür fühlt es sich für mich umso sinnvoller an. Ich habe jetzt ein Ziel, welches ich selbst bestimmt und gestaltet habe. Dafür stehe ich jeden Tag auf und darauf arbeite ich hin.
Du setzt Dich also für Selbstbestimmung ein?
Oh ja. Für mich, wie für alle andern. Deswegen ist es mir so wichtig, dass unsere Hosen fair und umweltfreundlich hergestellt werden. Denn auch die Näherinnen und anderen an der Herstellung beteiligten Personen haben ein Recht auf ein Leben in Würde. Und Würde kann nur durch ein selbstbestimmtes Leben erreicht werden, nie durch Abhängigkeit oder Ausbeutung von Anderen oder ihrer Lebensgrundlagen. Mit ein Grund, weshalb wir nicht einfach nur stilvolle gut sitzende Hosen machen. Oder nach Öko-Tex Standards produzieren. Wir wollen den Bogen ganz spannen, wirklich nachhaltig arbeiten, eine Circular Economy einführen.
Zurück zu Deinem Arbeitstag. Wie sieht der denn nun aus?
Bei der Kinderbetreuung wechseln mein Mann und ich uns ab. Dabei hat sich ein Zweistunden-Rhythmus als sehr effizient erwiesen. In zwei Stunden kann man konzentriert viel Erarbeiten und dann hat man zwei Stunden Kinderprogramm. Auch beim ins Bett bringen wechseln wir uns ab. Ausserdem bekommen wir viel Unterstützung von den Grosseltern und meiner Schwester, welche meist ein Mal wöchentlich etwas mit den Kindern unternehmen. Mein Mann kocht und besorgt den Einkauf während ich mich um Wäsche und Papierkram kümmere. Die Tage fangen oft um 5 Uhr früh an und sind dann zwischen 21 und 22 Uhr wieder zu Ende. Wir haben aber kein richtiges Wochenende, weil auch diese Tage für die Arbeit an Seefeld.Style genutzt werden. Dafür können wir aber auch mal spontan mitten in der Woche einen Ausflug mit den Kindern machen.
Sounds like a plan.
Noch konkreter sieht es so aus: Mein Handy ist voll mit kleinen Alarmen. Von Aufstehen über Znüni machen bis hin zu meinen 2-Stunden Arbeits-Slots – mein Handy erinnert mich ständig daran, was gerade ansteht. So können mein Mann und ich uns ohne viel Übergabezeit bei den Arbeits-Slots absprechen und kommen an einem normalen Werktag auf je sieben Arbeitsstunden.
Damit ich diese Zeit voll ausnutzen kann, mache ich mir am Abend immer zwei To-Do Listen für den nächsten Tag: Eine Liste mit den Business-To-Do’s und eine Liste mit den Haushalts-To-Do’s. So kann ich auch kleine Zeitfenster gut nutzen. Denn wenn die Kids gerade friedlich spielen und mir das ein 15-Minuten Zeitfenster schenkt, dann kann ich gleich etwas erledigen und verliere keine Zeit damit drüber nachzudenken, was ich mit der Zeit anfangen könnte. Ich schau einfach auf meine Liste und wähle einen der Punkte aus.
Wir teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung gleichberechtigt.
Ihr arbeitet also Hand in Hand, Dein Mann und Du. Geht das immer gut?
Mit Roland habe ich einen echten Partner an der Seite. Wir teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung gleichberechtigt. Es hat nicht von Anfang an reibungslos geklappt, jetzt aber schon. Und darauf sind wir stolz.





Was ist Dir wichtig als Unternehmerin?
Einen Beitrag zu leisten für eine bessere Welt. Im Grunde geht es darum, dass wir das, was wir tun, anständig tun. Und es geht um Langlebigkeit. Beim Produkt genauso wie bei den Beziehungen zu Kunden und Partnern.
Um diesen Werten treu bleiben zu können braucht es Effektivität. Als kleine Firma haben wir nur beschränkte Ressourcen zur Verfügung. Wir müssen also genau darauf achten, dass unsere Prozesse schlank und gleichzeitig schlagkräftig sind. So können wir es uns leisten, das zu tun was wir wichtig und richtig finden.
Und was ist Dir wichtig als Mutter?
Dass meine Kinder in einer gesunden Umgebung aufwachsen können und zu glücklichen, wohlwollenden und selbstständigen Menschen heranwachsen. Das braucht ein gesundes Umfeld sprich: gesunde Familiendynamik, Umwelt, Bildung und Ernährung. Als Eltern versuchen wir unser Bestes, um unseren Kindern dieses Umfeld zu geben. Aber gleichzeitig akzeptieren wir auch, dass nicht immer alles perfekt sein kann, so lernen die Kinder auch, dass es im Leben mal Höhen und Tiefen gibt. Kinder entwickeln sich so schnell, ihre Bedürfnisse wechseln stetig und da ist es mir sehr wichtig, dass sie das bekommen, was sie für ihre Entwicklung brauchen und glückliche Menschen werden können. Wir sind aber auch nur Menschen und müssen aus dem Stegreif heraus lernen, wie man so Energiebündel aufs Leben vorbereitet.
Wo siehst Du Dich in fünf Jahren?
Als Mutter von zwei Primarschülern. Mit einer Firma, welche anstrebt einen positiven Eindruck in unserer Welt zu hinterlassen. Und als Frau, die weiterhin den morgendlichen Kaffee mit ihrem Mann geniesst, bevor die Kinder erwachen. Das wäre schön.
Betreuungssituation:
Sandra und ihr Mann arbeiten je 100% über sieben Tage verteilt. Ihre Tochter Ronja geht vormittags in den Kindergarten, Milan an zwei Morgen in die Waldspielgruppe. An 1-3 Tagen helfen die Grosseltern bei der Betreuung. An den anderen Nachmittagen werden die Kinder von beiden Eltern abwechslungsweise betreut.

