wemakeit hat sich in den letzten sieben Jahren zu einer der grössten Crowdfunding-Plattformen Europas entwickelt. Rea und Johannes haben das Projekt 2011 ins Leben gerufen und seither unzähligen weiteren zum Startschuss verholfen. Bald auch dem Tadah Coworking Space mit Kinderbetreuung.

Rea Eggli ist Mitinhaberin von wemakeit.com, der Kommunikationsagentur eggliwintsch und des Kultur-Startups #letsmuseeum. Gemeinsam mit ihrem Sohn (11) lebt sie in Zürich.
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Johannes Gees ist Installations- und Performancekünstler sowie Medienproduzent. Er ist Mitinhaber von wemakeit.com und lebt mit seiner Partnerin in Zürich. Johannes hat eine Tochter (33) und einen Sohn (17).
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Tadah: Crowdfunding ist heute in aller Munde – das war nicht immer so.
Johannes: Ich habe das mit Indiegogo und Kickstarter, die 2008 und 2009 in Amerika online gingen, verfolgt und fand die Idee von Anfang an faszinierend. Ich habe dann eine Machbarkeits- und Marktanalyse gemacht und bin zum Schluss gekommen, dass das ein Modell ist, das in der Schweiz gebraucht wird und funktionieren könnte. Also haben wir es getan.
Das tönt nach einem Plan. Wer war denn «wir» und wie habt Ihr Euch zusammengetan?
Johannes: Das waren ich selbst, Rea und Jürg Lehni. Ich komme aus der Kunst, Rea aus der Kultur, Jürg aus dem Designbereich.
Rea: Ich hatte kurz zuvor meine Agentur aufgelöst, war Mutter geworden und wollte mein Leben ein wenig verändern. Ich war als Veranstalterin unterwegs und hatte damals mein neues Büro gleich neben dem von Johannes. Seine Idee fand ich sofort super.
Johannes: Es ging alles relativ schnell. 2011 die Idee, im Januar 2012 haben wir die GmbH gegründet im Februar gingen wir online. Wir haben rasch gemerkt, dass wir mit wemakeit offene Türen einrennen. Es kam uns sicher zugute, dass man uns kannte. Also, dass wir uns in unseren Bereichen einen Namen gemacht hatten – schon vorher.
Welches war das erste Projekt, welches online war?
Rea: Es waren 21. Wir haben aus jedem Bereich der Kreativszene Projekte gesucht. Wir wollten mit Fleisch am Knochen rausgehen. Das haben wir geschafft. Auch wenn es anfangs natürlich auch viel Aufklärungsarbeit war. Wir wussten ja auch nicht, wie man auf die Projekte – wie man ganz allgemein auf die Plattform – reagieren würde.
Wir wussten, in dem Moment, in dem du die Crowd einbinden kannst, ist ein Projekt ganz anders aufgestellt. Es hat Fans und Botschafter.
Wie waren die Reaktionen?
Johannes: Der Start war super. Wir sind drei ganz unterschiedliche Gründer. Und genau das war mein Ziel. Ich habe nie nach Gleichen gesucht, sondern immer nach Leuten mit komplementären Fähigkeiten. Für mich war klar, dass, wenn man mit einer solchen Produkt rauskommt, es von Anfang an so aussehen muss, als wäre es schon immer da gewesen. Angefangen hat schlussendlich alles mit unserem persönlichen Netzwerk.
Rea: Genau. Klassisches Startup-Business halt. Unsere ersten Newsletter gingen an unsere Freude raus. Und an die Freunde der Projekte, die online waren. Wir haben extrem an das Businessmodell geglaubt und an diese nahe Art von Funding. Wir haben aber auch selbst schon viel Erfahrungen in der Finanzierung von eigenen Projekten gesammelt . Und die Motivation war riesig, denn wir wussten, in dem Moment, in dem du die Crowd einbinden kannst, ist ein Projekt ganz anders aufgestellt: Es hat Fans, es hat Botschafter, mit denen man in der realen Welt sein Geschäft starten kann.


Waren alle 21 Projekte erfolgreich?
Rea: Nein, nicht ganz. Aber fast. Es lief wirklich gut. Zwei Projekte hatten wir innert 24 Stunden finanziert – und es kamen immer neue dazu.
Johannes: Das war und ist das Schöne daran: das organische Wachstum.
Zu gründen heisst auch, Mut zu haben, Neues zu tun. Und Mut zu haben, flexibel zu sein.
Rea: Das stimmt. Denn erst hast du eine Vision, dann triffst du Annahmen. Diese über den Haufen zu werfen und schnell auf die Bedürfnisse des Marktes zu reagieren, ist sehr wichtig. Es gibt Dinge, die völlig anders laufen, als du denkst. Du musst agil bleiben. Und auch die Mitarbeiter müssen es. Dafür muss man gemacht sein.
Wenn wir von Flexibilität sprechen, dann ist unser Coworking-Projekt nicht weit. Wir möchten ein neues Modell schaffen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern – mit einer flexiblen Kinderbetreuung. Wie war das denn damals bei Euch mit den Kindern?
Rea: Mein Sohn wurde schon immer fremdbetreut. Ich habe nach der Geburt 60% gearbeitet. Ich hatte ein eigenes Unternehmen, das war es also keine Frage, ob ich arbeite oder nicht. Es hat für mich aber auch einfach gestimmt. Ich wollte das auch so. Ein Tag übernahm der Papa, ein Tag die Grossmutter. Einen Krippenplatz habe ich nicht gefunden. Ich war überall auf der Warteliste. Mit einem Freund, der das gleiche Problem hatte, habe ich mir also selbst geholfen.
Was heisst das?
Rea: Wir haben einen Verein gegründet und dieser hat eine Krippe aufgebaut. Mein Sohn und seine Tochter wurden als erste Kinder da betreut. Ab diesem Moment habe ich mindestens 90% gearbeitet, und habe mir, wenn es von der Arbeit her ging, einen halben Tag Auszeit für meinen Sohn genommen. Eine Krippe gründen, das würde ich heute nicht mehr. Aber es war wirklich aus der Not heraus.
Gleichzeitig Papi oder Mami und Unternehmer oder Angestellter zu sein, ist sehr streng. Und es ist nicht das effizienteste.
Hattest Du Papi-Tage, Johannes?
Johannes: Ja. Beim ersten Kind hatten wir relativ wenig Fremdbetreuung in den ersten Jahren. Wir waren jung und hatten privilegierte Jobs. Meine damalige Partnerin war Grafikerin und hat tageweise gearbeitet, ich war im Journalismus tätig und da war es genauso. So konnten wir uns gut organisieren. Beim zweiten Kind war es anders. Die Mutter meines Sohnes ist Architektin, hat voll gearbeitet, ich war in der Kunst angekommen und war ebenfalls voll engagiert. Wir haben uns die Tage aber aufgeteilt. Denn ich war freischaffend und dadurch flexibler. Wir haben uns aber schnell für eine Krippe entschieden. Erst zwei Tage, dann mehr.
Zeit für die Familie war rar?
Johannes: Wir haben immer viele Ferien gemacht. Das war für uns ein gutes Modell. Nicht nur diese obligaten vier Wochen, sondern halt auch mal sechs, sieben oder gar acht Wochen Urlaub. Was ich aber gerade bei kleinen Kindern herausgefunden habe, ist, dass dieses Modell vom Aufteilen der Betreuung zwar beiden Elternteilen in der Karriere hilft, aber es sehr anstrengend ist.
Wie meinst Du das?
Johannes: Gleichzeitig Papi oder Mami und Unternehmer oder Angestellter zu sein, ist sehr streng. Und es ist nicht das effizienteste. Eine klare Aufteilung ist wahrscheinlich effizienter. Was aber nicht heisst, dass man es nicht anders machen kann. Man muss es sich einfach bewusst sein.
Rea: Ich glaube aber zuhause zu sein, ist ebenso anstrengend. Es hat beides seine Vor- und Nachteile. Und deswegen gibt es auch all die verschiedenen Modelle, damit sich jeder das für sich bestpassendste raussuchen kann.

Haben wir als Eltern die Tendenz uns zu bewerten?
Johannes: Oh ja. Dieses Ausspielen hat mich immer genervt. Und ich find es auch so langweilig. Diese Meinungen. Die fremdbetreuten Kinder, die drogensüchtig werden, weil man ihnen nicht genug Nestwärme mitgegeben hat. Und auf der anderen Seite, die Meinung, dass nur ein Kind, welches eine Krippe besucht hat, ein gesundes Sozialverhalten an den Tag legen kann. Das ist doch alles Quatsch. Unser Privileg ist, dass man flexibel sein kann und darf.
Rea: Der Druck der Gesellschaft ist aber schon da. Vor allem als Frau beziehungsweise als Mutter. Man hat automatisch ein schlechtes Gewissen oder fühlt sich regelmässig schuldig, wenn man nicht Teilzeit arbeitet. Obwohl man weiss: deinem Kind geht es dabei gut, es kennt auch nichts anderes und es ist nichts Negatives dabei.
Ist das ein «Schweiz-Problem»?
Rea: Es ist ein Thema, das in der Schweiz noch immer sehr aktuell ist, ja. Es ist nicht wie in Frankreich zum Beispiel, wo eine arbeitende Mutter gesellschaftlich völlig akzeptiert ist.
Johannes: Das stimmt. Hier ist es längst noch nicht der Normalfall. Aber was heisst schon normal.
Rea: Normal gibt es nicht. Aber in den Köpfen der Gesellschaft ist es trotzdem noch da – unterschwellig. Man ist so aufgewachsen, also ist es so.
Und gleichzeitig geht es ja auch um die Rolle des Mannes – des Vaters.
Johannes: Ich habe mich immer sehr beteiligt. Auch am Haushalt. Ich sehe keine grossen Unterschiede zu meiner Partnerin. Aber der gesellschaftliche Druck auf die Frau ist klar ein anderer. Das kann man nicht wegdiskutieren. Die einen gehen besser damit um, die anderen schlechter. Manchmal ist es aber auch ein Luxusthema.

Es braucht eine Mindset-Änderung. Generell unterliegt ja alles der Veränderung – nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Geschäftswelt.
Johannes: Genau. Das ist auch bei wemakeit so. Obwohl vieles konstant ist, weil das Modell aufgeht. Aber klar verändern auch wir uns immer wieder. Wir haben versucht neue Branchen und neue Länder zu erobern – haben es zum Teil geschafft, zum Teil nicht. Haben verschiedenste Partnerschaftsmodelle ausprobiert – ebenfalls mit unterschiedlichem Erfolg. Was bleibt, ist der Glaube an das Wachstum.
Wo geht es denn hin?
Johannes: Crowdfunding ist ein Bereich zwischen Spende und Vorverkauf, es ist aber klar kein Investment. Dahin würden wir sehr gerne gehen. Das ist aber ein ganz anderes Paar Schuhe.
Rea: Was bei uns immer wieder ein Thema ist, ist die technologische Innovation. Auch wir müssen hier immer unsere Augen und Ohren offen haben. Was können wir einbinden? Zum Beispiel die Bitcoins, die wir vor eineinhalb Jahren eingeführt haben.
Johannes: Ja, das Potenzial der Blockchaintechnologie und der partizipativen Geschäftsmodelle ist riesig. Wir haben hierzu auch eine neue Firma gegründet. Mit «Oomnium» wollen wir eine Tokkenisation-Plattform bauen. Also jedem die Möglichkeit geben, sein eigenes Tokken herauszugeben. Eine sehr spannende Idee und eine Vision, die immer noch Bestand hat, die wir aber momentan auf Eis gelegt haben.
Rea, Du hast mit #letsmuseeum gerade ein anders sehr erfolgreiches Projekt am Laufen. Wie bist Du auf diese Idee gekommen?
Rea: Ich möchte, dass mehr Leute ins Museum gehen und dabei Spass haben. Das ist das Leistungsversprechen von #letsmuseeum. Mehr Unterhaltung, weniger Wissensvermittlung, wobei letzteres auch passiert, ohne dass man es merkt. Ein Freizeitangebot für ein nicht elitäres Publikum. Die Touren führen Leute, die keine Kunstgeschichte studiert haben, sondern die einfach nur Fan des jeweiligen Museums sind. Das wiederum ist für die Museen eine Herausforderung. Und das beflügelt dann wieder unsere Motivation: am Sockel zu rütteln, etwas aufzubrechen.
Du hast das Projekt auch via Crowdfunding mitfinanziert. Was macht denn den Erfolg eines guten Projekts aus?
Rea: Das Projekt wird von Engagement Migros gefördert, aber wir haben auch schon zwei Crowdfunding-Kampagne lanciert. Vor allem aber, um die Community zu integrieren, sie als Feedback für die neuen Touren zu gewinnen und uns durch die Kampagne einem breiten Publikum bekannt zu machen. Eine Crowdfunding-Kampagne hat vorwiegend mit der Kommunikation zu tun. Wenn man seine eigene Community motivieren kann, mitzumachen, sie einbinden, dann hat man gute Chancen, auch später ein erfolgreiches Projekt zu haben. Es fängt aber immer in den eigenen Reihen an.
Johannes: Es braucht eine gewisse Hartnäckigkeit. Und ja: es geht alles über die Community. Diese gilt es zu pflegen.



Es gibt böse Zungen, die behaupten, der Hype um Crowdfunding sei vorbei.
Johannes: Es ist heute normal. Und das ist gut so. Wenn es du schaffst, den Hype zu überleben und in der Normalität Fuss zu fassen, dann bist du wirklich angekommen und erfolgreich. Es gehört heute bei vielen Projekten einfach mit dazu, dass man eine Crowdfunding-Kampagne macht. Und umgekehrt ist es für viele Leute heute normal, jährlich einige Projekte über eine solche Kampagne zu unterstützen.
Habt Ihr Lieblingsprojekte?
Rea: Ja, 3685, also alle bis heute erfolgreichen. Aber es gibt Schlüsselprojekte die einem besonders bleiben. Zum Beispiel die «The bianca Story – bist du Kumpel». Eine Band entschied, ihr gesamtes Album über die Crowd finanzieren zu lassen und es nachher dafür allen gratis zur Verfügung zu stellen. Das was damals ein Powerpojekt und auch die erste Kampagne, die das als Ziel von über 100’000 CHF erfolgreich abschloss. Oder auch die Kampagne von Donat Kaufmann mit seiner «Mir langets»-Kampagne, der Geld für das 20-Minuten-Cover sammelte als politisches Statement mit über 12’000 Unterstützern die anschliessend alle mit Namen auf der Titelseite standen.
Johannes: Oder aber der Whistleblower. Das sind wir in völlig andere Kreise reingekommen. Bauwirtschaft, Korruption... Und es war auch neu, dass es plötzlich eine Person war, um die es ging. Das hat uns auch dazu geführt, Kampagnen für Privatpersonen genauer anzuschauen. Und dann halt wirklich die unzähligen kleine Kunstprojekte, Publikationen, Bücher, Filme – all die Dinge, die sich ohne die Crowd nicht hätten finanzieren lassen.
Rea: Und klar, ab heute haben wir ein weiteres Herz-Projekt in unseren Reihen: Tadah.

