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Tadah

Patrizia Vietri: Familienleben im Familienunternehmen.

Wer kennt sie nicht, die Babystrampler von Frilo. Hinter den Strickwaren aus Naturfasern steckt eine Familiengeschichte und – wie könnte es anders sein – eine Mutter. Inhaberin Patrizia Vietri zeigt, wie man auch als Schweizer Produzent im Textilbereich bestehen kann. Mit Risikobereitschaft, Durchhaltewille und zwei Kindern.

Bilder von Maik Kanyanga

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Patrizia Vietri ist Inhaberin und Geschäftsführerin von Frilo Swissmade. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie in dritter Generation eines der wenigen noch verbleibenden Schweizer Produktionsunternehmen im Textilbereich. Sie wohnt mit ihren Töchtern Adelia (2) und Lara (1) im Kanton Solothurn. Frilo Swissmade.

Tadah: Frilo ist ein Stück Schweizer Strickgeschichte. Wie verknüpft sich Deine Geschichte mit derjenigen des Unternehmens?
Das ist eine Familienangelegenheit. Mein Grossvater gründete das Unternehmen 1927 aus dem Bedürfnis der Leute nach warmen Stricksachen. Er stellte damals natürlich nicht nur Kinderkleider her. Damen, Herren, Kinder, Babys – Hauptsache warm war die Devise. Und das Ganze hatte Potenzial.

Eine 90-jährige Erfolgsgeschichte also?
Ja und nein. Die Boomjahre waren schnell vorbei und die Geschäfte rückläufig. Mein Grossvater wollte die Firma schliessen, da fassten sich meine Eltern ein Herz und übernahmen das Unternehmen. Sie waren damals in Mexiko, meine Mutter war schwanger und sie überlegten sich sowieso zurück in die Schweiz zu kommen. Da war das die Gelegenheit für einen Neuanfang.

Wie ging es weiter?
Es war die Zeit des Acryls. Auch meine Eltern haben angefangen auf diesem Material zu arbeiten. Sie haben sich aber schnell wieder auf die Wolle konzentriert und sich auch gleich auf das höhere Preissegment ausgerichtet. Zudem konnten sie für zwei grosse französische Marken produzieren. Das war ihr Hauptgeschäft, nebenbei machten sie ihre eigenen Frilo-Kollektionen. Doch die Zeiten wurden auch da rau.

 

Uns wurde plötzlich bewusst, was es heisst, wenn dieses Unternehmen stirbt.

 

Keiner produzierte mehr in der Schweiz?
Genau. Alle lagerten ihre Produktionen nach Asien aus. Auch die beiden Marken, für die wir produzierten. Meine Eltern sahen keine Zukunft für Frilo. Sie mussten radikal Stellen abbauen, alles lief nur noch auf dem Minimum. Sie dachten sich, sie behalten die Firma noch bis zur Pension und lassen es dann auslaufen.

Da hatten sie die Rechnung ohne ihre Tochter gemacht.
Ja. Aber auch das war eigentlich mehr ein Zufall oder besser gesagt ein Prozess. Vor acht Jahren haben mein Mann und ich angefangen, meinen Eltern etwas unter die Arme zu greifen. Wir halfen, Aufträge zu generieren und haben einen neuen Katalog erstellt. Das alles natürlich neben unseren Jobs.

Wann kam die Entscheidung für Frilo?
Uns wurde plötzlich bewusst, was es heisst, wenn dieses Unternehmen stirbt. Also haben wir alles auf eine Karte gesetzt und es riskiert. Ich habe gekündigt und mich voll und ganz Frilo gewidmet, mein Mann hat weitergearbeitet, damit wir noch ein sicheres Einkommen haben.

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Wie hast Du Dich eingelebt im Unternehmertum?
Ich habe ein Jahr lang die Schweiz bereist und mit bestehenden Kunden gesprochen, ihre Bedürfnisse evaluiert, den Markt analysiert. So habe ich schnell gemerkt: Das Potenzial ist noch immer vorhanden. Und ich war mir sicher: Wenn wir eine neue Kollektion designen und dem Ganzen ein wenig frischen Wind einhauchen, dann sollte es eine Möglichkeit geben, dem wieder Aufschwung zu geben.

Das hat von Anfang an funktioniert?
Der Umsatz ging sofort hoch. Wir kamen fast nicht nach mit der Produktion. Wir waren nur noch am Arbeiten und echt überfordert. Nach einem Jahr hat auch mein Mann gekündigt, anders ging es nicht mehr.

 

Die ersten paar Jahre mussten wir überbrücken, wir haben von der Hand in den Mund gelebt.

 

Ihr habt viel Geld verdient?
Nein. Die ersten paar Jahre mussten wir überbrücken, wir haben von der Hand in den Mund gelebt. Von einem Lohn kann man da wirklich fast nicht reden. Dies aber nicht, weil wir kein Geld eingenommen hätten, sondern, weil wir jeden Rappen sofort wieder in das Unternehmen investiert haben. Wir mussten uns der Zeit anpassen und neue computergesteuerten Strickmaschinen kaufen.

Wurde denn früher alles von Hand gestrickt?
Nein, natürlich hatten auch meine Eltern schon Maschinen. Aber mit der neuen Technologie kann man heute viel mehr Effizienz schaffen. Wir programmieren Strickmuster und die Maschine erledigt den Rest. Früher musste man noch viel mehr an der Maschine umstellen und anpassen.

Der Strampler kommt also fixfertig aus der Maschine?
Bei weitem nicht. Bei uns ist immer noch sehr vieles Handarbeit, die unsere Näherinnen erledigen. Aus den Maschinen kommt der Strick als Stoffbahnen, ab dann wird Hand angelegt. Das heisst die Stoffbahnen werden geschnitten, das Schnittmuster nachgezeichnet, abgesteckt, geschnitten und per Hand zusammengenäht. Dann gilt es Knopflöcher zu machen und Knöpfe anzunähen. Das fertige Teil wird als nächsten Schritt in die Heimarbeit geschickt. Das heisst Frauen kontrollieren bei sich zuhause unsere Waren und nehmen die letzten Fäden ein. Zurück bei uns wird alles gebügelt, noch einmal einzeln kontrolliert, eingepackt und verschickt. Es ist also wirklich von A bis Z in unserer Hand.

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Wie gross ist die Konkurrenz im Babybekleidungsgeschäft?
Wir sind nicht die einzigen. Und wir werden, gerade auch aus dem nahen Ausland, oft kopiert. Dagegen können wir nicht viel machen. Erst hat uns das sehr genervt. Aber eigentlich ist es ein Kompliment. Wenn Frilo kopiert wird, dann heisst das auch etwas

Wie schafft Ihr Euch Bekanntheit?
Nichts geht über direkte Kontakte. Und natürlich über Messepräsenz. Ich erinnere mich noch sehr gut an unsere allererste. Ich wollte direkt wieder nach Hause fahren.

 

Ich hatte solche Angst, dass wir uns blamieren.

 

Warum?
An die erste Messe sind wir mit zwei Köfferchen gefahren. Die grossen Marken waren mit riesigen Ständen vertreten und als ich das sah, habe ich Panik bekommen. Ich hatte solche Angst, dass wir uns blamieren. Wir haben den Stand dann trotzdem aufgebaut und sehr gut verkauft. Es war aber ein guter Lehrblätz, denn wir haben auch gemerkt, dass uns noch etwas fehlt.

Was denn?
Etwas, dass uns einzigartig macht und Mehrwert bringt. So haben wir uns Sets überlegt. Ein Strampler, ein Body dazu, ein Jäggli, Schühchen. Perfekt zusammengestellt und fixfertig zum Kaufen. Und das hat überzeugt. Wenn der Kunde die Zusammenstellung sieht, will er alles haben. Er ist sehr dankbar für die Kombinationen, denn er weiss: Das sieht aus, das passt, das überzeugt den Endkunden.

Frilo entspricht sowieso vielen Trends. Nachhaltigkeit, Swissmade, Minimalismus…
Ja. Vom Zeitpunkt ist es sicher ideal. Die Marke wird sehr gut aufgenommen. Und dies nicht nur in der Schweiz. Wir haben beispielsweise auch in den USA viel Erfolg.

Du arbeitest sehr eng mit Deinem Mann zusammen. Ist das kein Problem?
Es würde nicht gehen, wenn wir nicht beide hier arbeiten würden. Und es funktioniert auch sehr gut. Dies aber sicher auch, weil wir gewisse Strategien entwickelt haben.

Weih uns ein!
Wir haben alles getrennt. Er hat seinen Bereich, ich meinen. Und da reden wir uns nicht rein. Wir müssen dann miteinander kommunizieren, wenn es um Schnittstellen geht. Und das tun wir sehr gut. Das es klappt, wussten wir aber auch nicht von Anfang an. Wir haben aber immer am selben Strick gezogen und wollten beide in die gleiche Richtung. Das hat es ausgemacht – und macht es immer noch aus – , dass auch in den schwierigen Anfangsjahren die Zusammenarbeit gut funktioniert hat.

Der Anfang war hart?
Auch. Aber vor allem die Zeit, als unsere Töchter zur Welt kamen. Wir haben unsere Zeit gebraucht, bis wir alles unter einen Hut bringen konnten. Adelia ist im Dezember 2014 geboren, Lara im Mai 2016. Wir haben nicht gedacht, dass die Zweite so schnell kommt und waren im ersten Moment überfordert. Es wurde ein unglaublich heftiges Jahr.

Wieso?
Lara kam drei Wochen zu früh. Eine Woche bevor sie geboren wurde, sind wir umgezogen, wir haben ein Haus gekauft, zwei Kollektionen auf die Beine gestellt. Die Grosse war in der KITA-Eingewöhnung und wir mussten im Juni zu den Messen fahren. Dieses Jahr will ich echt nicht zurück.

Wurde es besser?
Zum Glück ja. Wir haben uns eingewöhnt, haben einen Rhythmus der funktioniert.

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Wieviel Prozent arbeitest Du?
Das ist schwierig zu sagen. Ich versuche mir wirklich zwei Tage für die Kinder zu nehmen. Es hat lange gebraucht, bis sich das eingependelt hat, aber jetzt passt es. Vorher haben wir unmittelbar neben dem Betrieb gewohnt, da war es natürlich verlockend zu sagen: Ich geh noch schnell ins Geschäft. Da bist du die ganze Zeit mit einem Fuss hier. Jetzt wohnen wir eine halbe Stunde weg, da muss ich gezwungenermassen trennen. Ich arbeite von Zuhause, wenn die beiden schlafen. Aber im Prinzip bin ich zwei Tage zuhause.

Wie macht Ihr das mit den beiden Mädchen?
Sie sind zwei Tage in der KITA, einen Tag bei meinen Eltern. Die Kleine haben wir lange täglich mit ins Büro genommen. Weil meine Eltern in der Nachbarschaft wohnen, war sie auch viel bei ihnen.

 

Ich und meine zwei Brüder sind hier in der Fabrik aufgewachsen, sie war unser zweites Wohnzimmer.

 

Wolltest Du schon immer Kinder?
Kinder waren immer ein Thema. Aber durch die Übernahme des Betriebs, den ganzen Stress und die langen Präsenzzeiten, welche wir täglich hatten, haben wir das immer weiter nach hinten verschoben. Mit den Jahren hat es sich besser eingespielt. Und dann kam plötzlich dieses Gefühl, dass es jetzt stimmen könnte. Jetzt haben wir zwei davon. Aber mehr sollen es nicht werden. Wir möchten uns und ihnen ja auch etwas ermöglichen. Zudem: Wenn du ein eigenes Geschäft hast und so viel arbeiten musst, ist es fast ein wenig egoistisch wenn du so viele Kinder auf die Welt stellst.

Hast Du nie ein schlechtes Gewissen?
Nein. Ich bin für meine Kinder da. Und das was wir hier machen, machen wir nicht nur für uns. Wenn es uns gut geht, geht es auch unseren Kindern gut. Frauen arbeiten heute, so ist das und so ist das auch wichtig und richtig. Zudem bin ich selber ja auch hier gross geworden.

Wie sind denn Deine Erinnerungen an Deine Kindheit?
Toll. Meine Eltern haben beide gearbeitet. Ich und meine zwei Brüder sind hier in der Fabrik aufgewachsen, sie war unser zweites Wohnzimmer. Ich kannte jeden Kunden, jeden Lieferanten und ich fand es super. Ich habe viel genäht, meinen Barbies und Bäbis hatten unzählige Kleider von mir.

Von den Bäbikleidern zu Babykleidern also.
Ja. Auch heute stammen alle Designs von mir.

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Wie schwierig ist es, immer wieder Neues zu generieren?
Die Modelle bleiben immer ähnlich, klar. Ein Strampler ist ein Strampler. Aber in der Strickart und der Farbe kannst du kreativ sein. Das ist mit viel Arbeit verbunden, macht aber Spass. Ich habe jedes Mal das Gefühl: Jesses, bringe ich wirklich was Neues raus? Dann gibt es Tage, da kommt einfach nichts. Und dann gibt es die Tage, da entsteht aus dem Nichts die halbe Kollektion. Dann läuft es wie automatisch.

Designst Du anders seit Du Mutter bist?
Nein. Ich organisiere mich besser – oder anders. Am Anfang fand ich es schwierig. Es brauchte eine Eingewöhnungszeit, um alles unter einen Hut zu bringen. Ich glaube, das Muttersein hat mich nicht gross verändert. Müder bin ich geworden, das ja.

Wo siehst Du Dich in Zukunft?
Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren mit der Damenkollektion noch besser Fuss gefasst haben. Denn damit schliessen wir die Produktionslücken der Kinderkollektionen, das heisst wir schaffen Arbeit für unsere Arbeitnehmerinnen.

Ist wachsen ein Thema?
Es darf sicher noch ein wenig grösser werden, aber riesig werden muss es nicht. Wichtig ist es, die Kosten im Griff zu haben. Wir möchten eine gesunde Firma sein und bleiben. Das ist das Aller-Allerwichtigste.