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Tadah

Nina Wick: alle(s) unter einem wahnsinnig schönen Dach.

Gemeinsam mit ihrem Mann lebt und arbeitet Architektin Nina Wick in ihrem selbst umgebauten Haus. Und gemeinsam realisieren sie als Architekturduo nijo auch für andere Traumhäuser. Die beiden Kinder sind immer mit dabei –eine ungewöhnliche Familien- und Job-Konstellation, die für alle Beteiligten mehr als nur aufgeht.

Bilder von Sarah Steiner.

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Nina Wick ist selbständige Architektin und bildet gemeinsam mit ihrem Mann Johannes das Architekturduo nijo. Sie leben gemeinsam mit ihren Kindern Smilla (5) und Jakob (2) im selbst umgebauten Haus in Zürich, wo sie auch arbeiten.
nijo.ch

Tadah: Du wohnst mit deinem Mann Johannes und deinen Kindern Smilla und Jakob zwar in einem Haus. Aber genaugenommen nur in einem Raum. Wie kams?
Am Anfang stand der Wunsch nach Freiheit – räumlich, beruflich und auch gedanklich. Johannes und ich gründeten 2005 im damals noch existierenden Maag Areal eine kleine Möbel- und Architekturwerkstatt. Als Zwischennutzung bis zum Abriss konnten wir die ehemalige Transformatorenhalle mieten: ein sieben Meter hoher, aber nur 60 Quadratmeter kleiner Raum mit Industriekran an der Decke. Der Raum war dann Werkstatt, Sitzungszimmer, Büro und Wohnraum in einem. Wir fühlten uns so frei wie noch nie. Dieses Raumgefühl übertrugen wir auf den Umbau unseres Hauses aus den 30er Jahren in Zürich Seebach.

 

Ach komm, wir nehmen authentische Materialien und lassen sie in Würde altern!

 

Ein Loft für eine Familie – das geht?
Loft ist für unser Haus der falsche Ausdruck. Es ist eher wie ein grosses Zelt - ein alles überspannendes, schützendes Dach, unter dem wir leben. Das Haus hatte vorher 6 Zimmer und zwei Bäder. Unsere Idee: es soweit auszuräumen, dass man von fast jedem Punkt aus das Dach spürt und von Aussenwand zu Aussenwand sieht. Es sollte sich anfühlen wie ein Ferienhaus, ohne Zwang, ohne Ernsthaftigkeit. Praktisch und ergonomisch? Braucht kein Mensch! Kochgerüche im ganzen Haus? Wir lieben es! Lärmquellen überall? Schön ist noch jemand da! Putzfreundliche Oberflächen und unzerstörbare Materialien? Ach komm, wir nehmen authentische Materialien und lassen sie in Würde altern! Das Ergebnis: Unser Haus besitzt noch ein einziges Zimmer und ein offenes Bad, der Rest ist frei fliessender Raum.

Eine teure Angelegenheit?
Das Ganze ist ein Low-Budget-Projekt: Wir haben einfachste und ehrliche Materialien verwendet, der gesamte Innenausbau besteht zum Beispiel aus Kistensperrholz, damit werden normalerweise Transportkisten für Kunstgüter hergestellt. Zudem haben wir den Umbau mehrheitlich selber gemacht, dafür haben wir uns sechs Monate Zeit genommen und waren abends noch nie so kaputt wie damals.

Wenn man sich bei Euch umsieht, möchte man auch gleich umbauen. Hast du einen Tipp fürs ultimative Traumhaus?
Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Ein Tipp wäre, ein Bau-Projekt nicht von hinten zu starten. Oder anders: Vergiss all die Bodenbeläge, Badarmaturen, Plättli, Kücheneinrichtungen, Haustechnik, Möblierung etc. Meide Baumessen, Parkett-, Sanitär- und Küchenaustellungen. Das ist nicht wichtig. Sogar der Grundriss ist zu Beginn nicht relevant. Wichtig ist einzig der Raum! Überlege Dir, in was für einer Art von Raum du leben möchtest und vor allem wie. Erinnere Dich an Raumsituationen, die dich beeindruckt haben, die kleine Kunstgalerie, die Bar in der alten Industriehalle, das Zirkuszelt, die Bahnhofshalle, die Waldlichtung, Grossvaters Scheune, ein Kinofilm, ein Traum, was auch immer. Versuche nun, möglichst viel von der Atmosphäre und von jenem spezifischen Raumgefühl in dein eigenes Projekt zu transformieren. An diesem Punkt werden leider viele spannende Projekte über den Haufen geworfen.

Weil die Leute zu fixiert aufs Bestehende sind?
Oft sind die Quadratmeter und Anzahl Zimmer und Badezimmer fix, unverrückbar und erste Priorität. Der Raum wird vernachlässigt. Besonders als junge Familie getraut man sich vielleicht gar nicht, gewisse Fragen im Vorfeld zu stellen: Wozu braucht jeder ein eigenes Bad? Weshalb sollen innerhalb einer Familie hermetisch abgeschlossene Rückzugsräume geschaffen werden? Braucht es für jede einzelne Tätigkeit einen separaten Raum? Bei unserem Haus haben wir zum Beispiel auf 50m2 Fläche verzichtet zugunsten des überhohen Raumes.  Stell Dir vor, in Zürich Fläche auflösen! Aber: Wir vermissen die Fläche bis heute nicht. Wir haben nur ein Bad, dafür ein offenes mit Badewannen-Ausblick in den Garten und Platz für die ganze Familie.

Momentan sieht es bei Euch aus wie in einem Kinderparadies. Und zwar im positiven Sinne. Die Schaukel, der Kindertisch im Küchenbereich, die Hängematte, der viele Platz.
Unser Haus, also dieser eine, grosse und nutzungsneutrale Raum,  adaptiert sich immer wieder an die Umstände und die Lebensphasen. Hier drin ist alles machbar und alles wandelbar. Hier haben wir ganz bewusst keine Zonen definiert. So wandert unser Sofa alle paar Monate an einen neuen Platz. Bevor wir Kinder hatten, stand ein 5 Meter langer Tisch im Raum, an dem wir gegessen und gearbeitet, Sitzungen abgehalten und Feste gefeiert haben.

Als Smilla anfing, Indoor Rollschuhe zu fahren, flog der sperrige Tisch raus. Momentan spielen wir oft Federball oder Hockey im grossen Raum. Er wird immer mehr zur Turnhalle, war aber auch schon Bauplatz für ein Holzkajak oder diente als Velowerkstatt.  Aber es ist ja nicht so, dass hier nur Kinder-Aktivitäten Platz haben. Trotz alledem stehen hier unsere Lieblingsstücke, unsere Architekturbücher, unsere Pflanzen und sonstige Sachen, die uns am Herzen liegen. Unsere Kinder sind wild, aber dennoch erstaunlich achtsam diesen Dingen gegenüber.

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Ihr richtet also nicht zwingend Euren Wohnraum, wohl aber Euer Leben nach den Kindern aus.
Ich würde eher sagen, wir lassen uns von der grad aktuellen Lebensphase treiben und sperren uns nicht dagegen. Die vielen Umbauprojekte haben uns gelehrt, flexibel, spontan und offen zu bleiben.  Im Moment haben wir kleine Kinder, also schauen wir, wie wir das mit unseren Projekten unter einen Hut bringen. Denn wir haben ja keine Fremdbetreuung - die Kinder sind immer bei uns, immer dabei.

Das ist eine einzigartige Familien- und Jobkonstellation. Wieso macht ihr es genau so und eben nicht anders – so wie alle anderen?
Wir haben uns schon immer ein gesamtheitliches Leben gewünscht. Familie, Arbeit, Wohnen, alles sollte möglichst miteinander verschmelzen und auch gleichzeitig passieren. Unser Haus, unser Architekturbüro, unsere Beziehung, alles ist auf diese gesamtheitliche Idee ausgerichtet. In Sachen Fremdbetreuung sind wir aber weder Fanatiker noch Fundamentalisten – die Fremdbetreuung hat sich schlicht und einfach nie aufgedrängt. Klar, wir haben deswegen auf das eine oder andere Projekt verzichtet, damit wir mehr Zeit mit den Kindern haben, aber das wars dann auch schon. Ehrlich gesagt sind wir vielmehr erstaunt, wie schnell die Kleinkindphase vorbeigeht. Und dann wird wieder alles anders.

Die Kinder sind auch an Kundenterminen dabei. Funktioniert das? Habt Ihr nie seltsame Reaktionen von Kunden?
Das funktioniert sogar sehr gut. Anfangs haben wir uns natürlich viele Gedanken gemacht, was denn die Kunden denken könnten. Darf man das? Wirkt das nicht total unprofessionell? Lustigerweise ist es aber auch so, dass wir –seit wir Kinder haben – ganz andere Bauherrschaften haben. Das hat das Universum irgendwie für uns eingerichtet.

 

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Wie müssen wir uns ein typisches nijo-Projekt vorstellen?
Wir machen vor allem Umbauprojekte. Das Reparieren, Weiterverwenden, Uminterpretieren, das Zusammenspiel von Alt und Neu liegt uns. Und wie schon vorher erwähnt: Bei uns haben der Raum, das Raumgefühl und die Atmosphäre oberste Priorität. Die Kraft eines gut gestalteten Raumes hat eine Magie, die Dich nicht mehr los lässt und Dich jeden Tag aufs Neue aus den Socken haut.

Wir  entwerfen intuitiv, den methodisch-akademischen Hintergrund haben wir abgelegt. Uns ist die handwerkliche Komponente in unseren Projekten von Beginn weg wichtig. Unsere Umbauprojekte werden so entworfen, wie wir sie selber mit eigenen Händen bauen würden. Das sind dann in der Regel einfache Konstruktionen, einfache Detaillösungen, einfache Materialien. Und trotz dieser Einfachheit haben alle unsere Projekte eine spektakuläre, überraschende Komponente: Wir schaffen Raumdimensionen und Lichteinfälle, die man von aussen so nicht erwartet hätte. Ferienhaus-Atmosphäre ist eine weiter Konstante, die uns umtreibt. Und wir plädieren natürlich immer für möglichst nutzungsneutrale, offene Räume, die du vielschichtig verwenden kannst. Stilfragen und Design interessieren uns nur am Rande, wir stehen für möglichst bunt gemischt und authentisch.

Das klingt sehr kreativ.
In der Architektur fallen unterschiedlichste Arbeiten an: Es gibt die Kreativ-Arbeit beim Entwerfen, es gibt die Fleissarbeit beim Pläne zeichnen, beim Modell bauen, bei der Ausschreibung und Kostenkontrolle, es gibt Pflichttermine in Form von Behördengängen, Sitzungen und Bauleitung, es gibt unendlich viele Telefonate und E-mails, und es gibt eine ganze Menge Unvorhergesehenes und nicht eingeplante Überraschungen auf der Baustelle. Und dann gibt es natürlich noch das gesamte Paket der Geschäftsführung obendrauf: Buchhaltung, Steuererklärung, Hardware/Software aktualisieren, Website aktualisieren, Architekturfotografie fertiggestellter Umbauten, Bewerbungen, Präsentationen, Portfolio und und und. Wir haben alle diese Arbeiten untereinander aufgeteilt, jeder von uns beiden macht das, worin er wirklich stark ist und was ihm Freude bereitet.

 

Wir leben miteinander, nicht nebeneinander.

 

Und was machen die Kinder in der Zeit, in der Ihr arbeitet?
Bei uns gibt es weder eine räumliche noch eine zeitliche Trennung von Familie und Arbeit. Alles fliesst ineinander und miteinander. Unsere Kinder sind immer dabei und um uns herum. Ich glaube, der Schlüssel zu dieser Lebensweise ist, dass ich und mein Mann am gleichen Strick ziehen – wir haben den gleichen Weg und das gleiche Ziel. Johannes und ich sind ein eingespieltes Team. Wenn der eine gerade konzentriert liefern muss, springt der andere ein und übernimmt die Kinder, den Haushalt, die Einkäufe, das Putzen und was auch immer sonst anfällt. Das geht bei uns intuitiv und spontan, wir sind ja alle im gleichen Raum. Unser Grundsatz ist, dass wir miteinander leben und nicht nebeneinander. Alle müssen dabei sein können und für alle muss es stimmen. Dabei ist alles eine Frage des Tempos, das man einlegt.

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Das Tempo wird also von den Kindern bestimmt?
Ja. Unsere Arbeitstage sind keine klassischen 8.5-Stunden-Tage. Es ist vielmehr ein permanentes Wechselspiel von Arbeiten und Familienleben, vom Aufstehen bis ins Bett gehen.  Die Wochenenden unterscheiden sich daher nicht gross von den Werktagen, abgesehen vom Ausbleiben der Telefonate und Sitzungen. Obwohl wir sehr viel und hart arbeiten, haben wir trotzdem das Gefühl, in einem nie endenden Urlaub zu sein. 

Das klingt wirklich schön. Fast zu schön. Hat sich denn gar nichts verändert, als Smilla zur Welt kam?
Doch klar, auf jeden Fall! Wir mussten lernen, wirklich effizient zu werden. In der Architektur kann man sich stunden- und nächtelang mit einer gestalterischen Frage auseinandersetzen. Das gibt es bei uns nicht mehr. Im Nachhinein war das aber irgendwie auch eine Erlösung und wir haben gemerkt: Die neue Effizienz macht Spass.

Wir merken auch, dass wir uns zu Gelegenheitstätern entwickelt haben: Schläft ein Kind oder spielt selbstvergessen irgendwo im Haus, dann – Zack! – ran an die Arbeit. Umgekehrt läuft es genauso. Keine dringenden Arbeiten zu erledigen, dann – Zack! – ab nach draussen mit den Kindern. Von 0 auf 100 innerhalb weniger Sekunden, das können wir mittlerweile sehr gut. Genau das ist aber auch nur möglich, weil wir alle zusammen unter dem selben Dach leben und arbeiten.

Deshalb hat sich auch unser Projektfokus hat sich stark verändert: Wir machen keine Architekturwettbwerbe mehr. Und wir haben den geografischen Umkreis möglicher Umbauprojekte auf 30km rund um Seebach herum begrenzt. Das ergibt maximal 45 Minuten Fahrzeit zur Baustelle – ein von unseren Kindern grad noch knapp geduldeter Parameter. Wie sehr wir uns auf die neue Situation eingestellt haben, haben wir erst bemerkt, als Smilla in den Kindergarten kam: Die plötzliche Ruhe war kaum auszuhalten.

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Wie war es, als Jakob kam?
Anfangs dachte ich, jetzt wird es sicher komplizierter und strenger. Denn wir hatten uns so schön eingespielt, alles lief wie am Schnürchen - Smilla war vier Jahre alt. Die Babyphase war anspruchsvoll. Seit Jakob laufen kann, ist er ein tiefenenstpannter kleiner Kerl, er hat sich irgendwie putzmunter selbst bei uns eingereiht, es ging alles im selben Fluss weiter.

 

Mir leuchtet nicht ein, dass ich meinen Tag so mache, dass ich danach eine Pause von meinem Alltag, also meinem Leben brauche.

 

Ihr lebt hier, Ihr arbeitet hier. Brauchst du nie Zeit für dich alleine?
Nein. Mir ist es wichtig, dass ich meinen Tag so gestalte, dass er mir Spass macht, meinem innern Rythmus entspricht und er für mich stimmt. Mir leuchtet nicht ein, dass ich meinen Tag so mache, dass ich danach eine Pause von meinem Alltag, also meinem Leben brauche.

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Welches ist Dein Lieblingsort in diesem einen Raum, in diesem Haus?
Dadurch wir es so offen gebaut haben, ist es das ganze Haus. Wir haben dies ganz bewusst so gewählt. Früher haben wir in einer Wohnung in Wipkingen gewohnt und irgendwann ist uns bewusst geworden: Wir leben eigentlich nur in einem Raum. Wieso also viele Zimmer bauen, wenn wir sie doch gar nicht brauchen? Wir wollen das Haus spüren, merken, dass wir darin leben. Und genau das tun wir hier.

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Betreuungssituation:
Nina ist selbstständige Architektin. Sie arbeitet 
70-100%, wenn es die Arbeit verlangt. Fremdbetreuung kennt die Familie nicht. Smilla und Jakob sind immer mit dabei.