Berge, Wälder, Tiere und mitten drin das Vier-Sterne-Superior-Familienhotel Moar Gut. Chefin und Vierfach-Mutter Elisabeth Kendlbacher über den Drang nach Veränderung und die Lust am Arbeiten.

Elisabeth Kendlbacher leitet gemeinsam mit ihrem Mann das Familien Natur Resort Moar Gut in Grossarl, Österreich. 4 Sterne und 4 Kinder hat sie dabei unter einen Hut gebracht. moargut.com
Tadah: Hier sagen sich wirklich Fuchs und Hase gute Nacht. Was hat Dich in diese Natur verschlagen?
Dieses Haus hier war der elterliche Betrieb, den schon meine Eltern von ihren Eltern übernommen haben. Ich bin hier gemeinsam mit meinen fünf Schwestern aufgewachsen.
Und hier geblieben. Wie kam es dazu?
Ich war das dritte Kind und schon ganz früh hiess es, ich solle mal den Hof übernehmen. Damals war es ein Landwirtschaftsbetrieb, der im Sommer Gästebetten anbot.
Ich war erst vier oder fünf Jahre alt, als man sagte: «Elisabeth macht das mal.»
Wieso warst Du die Auserwählte?
Das weiss ich nicht. Ich war eher die Kräftige von uns Schwestern, die anderen waren alle viel zierlicher. Aber warum genau ich auserwählt wurde? Keine Ahnung. Man hat die Nachfolge des Hofes damals schon sehr früh bestimmt. Ich kann mich erinnern, dass ich erst vier oder fünf Jahre alt war, als man sagte: «Elisabeth macht das mal.»
Und Du bist diesem Ruf gefolgt. Hattest Du denn nie das Bedürfnis dieses Tal zu verlassen?
Ich habe mich nie gezwungen gefühlt und mir aber auch nie eine Alternative überlegt. Meine Schwestern, die viel in der Welt herumgekommen sind, haben mir immer wieder gesagt: «Wie hälst Du das hier bloss aus, da so am Hof zu bleiben?» Ich bin vielleicht einfach der Typ dafür. Ich habe auch heute nicht das Gefühl, dass ich etwas versäumt hätte. Es passt einfach.




Wie hast Du Deine Kindheit erlebt?
Wunderschön. Wir haben alle einen Abstand von einem Jahr. Sechs Schwestern, ein Hof, eine Familie. Es war wunderbar. Wir verstehen uns super. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, haben gemeinsam unsere Freunde kennengelernt und zur ungefähr selben Zeit Kinder gekriegt.
Sechs Schwestern, ein Hof, eine Familie. Ich hatte eine wunderbare Kindheit.
Vom Bauernhof wurde das Haus zum Hotel. Erzähl uns die Geschichte, die ja auch zu einem grossen Teil Deine Geschichte ist.
In den 1970er-Jahren war es schwierig, mit der Landwirtschaft genügend Geld zu verdienen. Meine Eltern haben deswegen dann die Schweinezucht aufgegeben, die Milchwirtschaft aber beibehalten und gleichzeitig vom gut funktionierenden Tourismus des Grossarltals profitiert. 1980 wurde das Hotel mit zehn Apartments gebaut.
Wie fandest Du darin Deine Rolle?
Ich bin nach Salzburg gegangen, um meine Ausbildung im Hotelfach zu absolvieren. Danach bin ich früh zurück nach Hause, zurück ins Hotel. Da waren zwei Angestellte, meine Eltern und ich. Ich war Mädchen für alles. Habe in der Küche gearbeitet, die Zimmer gemacht…
Und die Liebe gefunden.
Genau. Ich habe meinen Mann kennengelernt. Er arbeitete in einem Sportgeschäft in Grossarl, das er von seinen Eltern hätte übernehmen sollen. Wir haben dann hin und her überlegt: Gehen wir ins Geschäft nach Grossarl oder bleiben wir hier in der Natur auf dem Hof?
Mit 23 haben wir geheiratet, mit 25 kam Nora zur Welt. Zwei Jahre später Thomas. Und nebenbei haben wir das Hotel aufgebaut.
Warum fiel die Entscheidung auf die Natur?
Wir wollten schon immer mehrere Kinder. Und wir waren der Überzeugung, dass sie hier in einer traumhaften Umgebung aufwachsen können. Mit 23 haben wir geheiratet, mit 25 kam Nora zur Welt. Zwei Jahre später Thomas. Und nebenbei haben wir an unserem anderen grossen Baby gearbeitet: dem Aufbau und Umbau des Hotels.


Wie funktionierte denn das mit den Kindern?
Ich habe immer gearbeitet. Und immer bis zum letzten Tag der Schwangerschaft. Nach der Geburt gab es dann auch keine Pause. Die Kinder liefen irgendwie nebenbei. Man muss dazu aber auch sagen, dass meine Mutter hier war und die Kinder viel bei ihr waren. Sie war damals noch jung und konnte mich sehr unterstützen. Das hat super funktioniert.
Ich habe nach der Geburt unseres dritten Kindes einen Monat Pause gemacht. Aber das war nicht meins.
Ein Hotel, zwei Kinder, unzählige Tiere. Doch das war nicht genug.
Viktoria kam sieben Jahre später zur Welt, weitere zwei Jahre später dann Paul. Das Hotel war da schon grösser geworden, meine Mutter älter, wir mussten uns ein wenig umorganisieren. Wir haben uns ein Au Pair genommen und ich habe nach Viktoria einen Monat Pause gemacht. Aber das war nicht meins.
Wie meinst Du das?
Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen. Ich musste und wollte wieder zurück in den Betrieb. Ich wäre keine gute Mutter gewesen, wäre ich nur bei meinen Kindern geblieben.
Hattest Du nie ein schlechtes Gewissen?
Doch natürlich. Ohne schlechtes Gewissen ist es kaum machbar. Ich hab mir schon ab und zu gedacht:«Wie schaff' ich das alles an einem Tag?» Aber es ging immer irgendwie. Ich sah aber auch die anderen Familien, wie viel Zeit die mit ihren Kindern hatten, und was die alles unternehmen konnten.
Könnt Ihr denn heute Dinge unternehmen?
Ja. Unsere Kinder sind jetzt 24, 22, 15 und 13. Es gibt auch schon ein Enkelkind, den Ferdinand. Er ist 8 Monate alt. Das Moar Gut ist mittlerweile so gross und auch so professionelle aufgebaut, dass wir überall Abteilungsleiter haben, die uns problemlos vertreten. Wir können nun also auch mal während der Saison mit den Kindern in den Urlaub fahren.




Gab es nie Momente des Zweifels?
Nein. Es war immer klar: Das wird dann schon.
Vielen jungen Leute fehlen die Wurzeln.
Woher nimmst Du dieses Urvertrauen?
Ich denke, dass haben mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben. Sie haben uns geerdet. Heute hört man von so vielen jungen Menschen, die bereits ein Burnout haben. Vielen jungen Leute fehlen die Wurzeln. Das sehe ich auch bei meinen Mitarbeitern. Manchmal genügt schon ein Wort und sie fangen an zu weinen. Da frage ich mich schon: «Warum fängt ein 20-Jähriger gleich zu weinen an, wenn er etwas falsch gemacht hat?» Sie sind nicht gefestigt.
Sind es Deine Kinder?
Ich denke, ja. Auch wenn wir nicht viel Zeit haben, waren wir immer da. Und das wissen sie. Die beiden Grossen haben den Weg in die Gastronomie eingeschlagen, so schlecht kann's also nicht gewesen sein, ihr Aufwachsen.
Wird in dem Fall auch jemand von ihnen übernehmen?
Das ist noch nicht entschieden. Aber eines der beiden älteren Kinder wird es auf alle Fälle werden.




Ihr gebt ein gut funktionierendes und sehr beliebtes Hotel weiter. Was macht den Erfolg des Moar Guts aus?
Ich glaube, es ist alles sehr stimmig. Was uns immer sehr wichtig war, ist, dass das Bodenständige nicht verloren geht. Wir möchten zum Beispiel die Gästekinder nicht mit Computern bespassen, sondern ihnen einen Teil der Kindheit bieten, die unsere Kinder erleben durften. Und ich glaube, nach wie vor – und vor allem immer mehr –, dass es extrem wichtig ist, dass unsere Kinder geerdet werden.
Wir haben ein echtes gesellschaftliches Problem: Wir sprechen kaum noch miteinander.
Wie meinst Du das?
Wir haben ein echtes gesellschaftliches Problem. Alle sitzen nur noch am Computer, die Kommunikation geht verloren, wir sprechen kaum noch miteinander.
Welches sind Deine Lieblingsorte im Hotel. Orte, an denen man richtig abschalten kann?
Wäre ich Gast, wäre mein Lieblingsort klar der See. Der strahlt so viel Ruhe aus. Da zu liegen, stelle ich mir sehr entspannend vor.
Zudem der Spielplatz und der Streichelzoo, da bin ich mit meinem Enkel sehr gerne.
Einer meiner absoluten Lieblingsorte ist aber der Stall. Da habe ich als Kind schon viel Zeit verbracht. Das beruhigt mich extrem.


Was gefällt Dir am besten an Deinem Beruf?
Ich kann jeden Tag sehen, wie sich die Gäste freuen. Das tun sie, weil die Qualität passt. Wir haben aber auch ein besonderes Augenmerk darauf.
Nachhaltig, regional?
Genau, die Produkte müssen stimmen. Wir versuchen, wenn immer möglich, die Produkte von den Bauern hier im Tal zu kaufen. Selber haben wir die Kuhwirtschaft: Kälbchen, die bei der Mutter trinken und deren Fleisch wir verwenden. Wir verkaufen keine Tiere mehr, sind hier ganz Selbstversorger. Mein Vater ist zudem Jäger. Das heisst auch unser Wild kommt von unserer eigenen Jagd. Es ist aufwändig, aber wir empfinden dies als wichtig und richtig.


Das Hotel ist wie eine Pflanze. Überall spriessen Ideen wie neue Äste, überall wächst es, entsteht aus Altem Neues. Wie wächst diese Pflanze Moar Gut?
Langsam und kontinuierlich. Wir halten die Augen offen. Wir schauen uns auch unsere Konkurrenz immer wieder an. Und wir erleben häufig, dass auf wenig Platz extrem viel gebaut wird. Die haben alles, was es gibt. Von der Wasserrutsche bis zum Kino. Aber wenn wir da drin sind, fühlen wir uns nicht zu 100% wohl. Das Moderne, Geradlinige gefällt uns zwar auch, aber wir haben uns ganz klar für das Österreichische entschieden. Der Gast soll merken, wo er ist. Und wir bauen mit Naturmaterialien: mit Steinen, mit Hölzern.
Wie wichtig ist Euch dabei der Gast?
Er steht im Mittelpunkt. Wo sonst? Und so entstehen neue Ideen auch durch das Feedback der Gäste. Wir befragen sie und nehmen diese Kritiken sehr ernst. So können wir viel lernen. Der Gast sieht Dinge, die wir vielleicht nicht mehr sehen. Jeder Gast bringt einen wichtigen Input. Das ist auch das Interessante. Wir haben uns ständig verändert, uns wird nie langweilig.
Es ist wichtig, Kindern Kontinuität zu geben.
Klein aber fein – könnte man Euch so beschreiben?
Wir haben 150 Betten – Kinderbetten inklusive. Mehr als 35 Familien können hier nicht schlafen. Dafür haben wir aber unglaublich viel Platz. Das Restaurant hat viele Tische, mehr als nötig, so dass man da auch immer wieder wechseln kann. Und die gesamte Anlage ist wirklich gross. Das schätzen unsere Gäste sehr.
Ihr habt viele Stammgäste?
Ja. Aber es sind nicht nur die Eltern, die sich wohlfühlen. Sondern auch die Kinder. Sie wollen wieder kommen: Hier haben sie sich wohl gefühlt, hier haben sie ihr Lieblingspony und ihr Patentier im Streichelzoo, für das sie ihren Aufenthalt lang sorgen können. Es ist auch wichtig, Kindern diese Art von Kontinuität zu geben.



Was ist das schönste Kompliment, welches Dir die Gäste geben können?
Für mich ist das Schönste, wenn ich sehe, dass die Kinder hier glücklich sind. Und die Familien damit. Wir kriegen viele Komplimente, aber wenn eine Mutter mit vier Kindern sagt, dass sie sich erholen konnte, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Wie erholst Du Dich?
Mittlerweile nehme ich mir einen Tag in der Woche frei. Da gehen wir weg.
Wenn eine Mutter mit vier Kindern sagt, dass sie sich erholen konnte, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Und Du bist dann nicht erreichbar?
Doch. Das Telefon ist natürlich mit dabei. Aber wir haben wirklich gute Abteilungsleiter. Es funktioniert echt super.
Wie hat Dich das Muttersein hinsichtlich Deines Berufs verändert?
Seit ich Mama bin, hat sich einiges verändert. Das Verständnis ist ganz anders. Wir hatten auch früher schon Familien und wenn der Gast zu mir kam, dann hab ich zwar versucht zu verstehen. Aber mich so richtig in die Mütter reinfühlen, das kann ich erst, seit ich selber eine bin. Zu wissen, was Mütter brauchen, was im Urlaub wichtig ist, was man sich wünscht. So ist auch unsere Kinderbetreuung aufgebaut. So, dass die Mamas ihre Kinder ohne schlechtes Gewissen abgeben und auch mal ein paar Stunden Urlaub haben können. Ohne Kinder. Zeit für ein Buch, eine Tasse Tee, eine Massage…

Was macht Dich zu einer guten Mutter?
Ich habe die Einstellung, die Kinder leben zu lassen. Ich lasse ihnen sehr viel Freiheit. Ich bin keine Mutter, die klammert. Meine Kinder sagen mir auch, ich sei eine der wenigen Mamas, die nicht anruft, wenn sie unterwegs sind. Wir stehen uns alle sehr nah. Sogar meine 15-Jährige kommt heute zum Kuscheln zu mir. So denke ich mir: Es wird schon richtig gewesen sein, wie wir es gemacht haben.