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Tadah

Barbara Postiasi

Barbara Postiasi: Vom «Schnell-Schnell-Menschen» zur Raku-Töpferin.

Sie hat das Zürcher Longstreet geführt, bis sich ihr Berufsleben im schnelllebigen Eventbereich nicht mehr mit dem Familienlieben vereinbaren liess. Barbara machte eine Kehrtwende und töpfert jetzt nach alter japanischer Raku-Brennkunst, die Zeit braucht. Viel Zeit.

Bilder von Jonas Kuhn

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Barbara Postiasi hat mitten in Zürich ihre Keramikwerkstatt Tipi, wo sie dekorative Einzelstücke nach seltener Raku-Brenntechnik herstellt. Dort gibt sie jeden Mittwochnachmittag auch Töpferkurse für Kinder.
ankertipi.com

Tadah: Wer gehört zur Familie Postiasi?
Marie-Carmen (5), Ada (11) und mein Mann Herbert. Alle drei der Grund, weshalb alles ganz anders kam als geplant – und somit auch gut.

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Beginnen wir ganz von vorne, sozusagen auf der leeren Drehscheibe: Wie wird aus der Geschäftsführerin einer angesagten Bar eine (mindestens ebenso angesagte) Töpferin?
Ich war mit Herzblut im Eventbereich als Geschäftsführerin tätig. Aber irgendwann liessen sich die Arbeitszeiten schlicht nicht mehr mit den Kindern und meiner Familie vereinbaren. Plötzlich wurde meine Familie zweitrangig. Es hat mir gesundheitlich auch nicht mehr gut getan – Schlafprobleme, der Rhythmuswechsel. Und jeden Dienstag habe ich gedacht: «Mist, am Donnerstag fängt‘s wieder an.»

Dann kam die Kehrtwende?
Ja. In dieser Zeit habe ich autodidaktisch mit dem Töpfern angefangen. Da wäre eine Schule in Bern gewesen, jedoch 100% – wie will man das machen mit Kindern? Das geht gar nicht. Also habe ich bei Monika Bolliger einen Raku-Kurs gemacht und mich immer wieder auch selbst weitergebildet. Noch heute tausche ich mich oft mit dem Raku-Meister Stephan Jakob aus.

Diese Kehrtwende hatte sicher auch finanzielle Einbussen zur Folge? Wie hast Du das mit Deinem Mann gelöst?
Die ersten zwei Jahre, als mein Lohn wegfiel, dachte ich oft: «Was mache ich da nur?» Wir hatten ja gemeinsam ein Modell erarbeitet und plötzlich habe ich alles auf den Kopf gestellt. Aber ich habe damals dringend etwas Erdendes gebraucht. Herbert hat mich sehr unterstützt. Mittlerweile bin ich im dritten Jahr. Der Vertrag für die Zwischennutzung des Ankertipis läuft noch bis Oktober 2017.

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Wie geht’s weiter?
Ich habe verschiedene Optionen. Ein Geschäftslokal und Atelier in einem werde ich wohl so schnell nicht finden. Aber ich arbeite 20% im Literaturhaus. Das nimmt mir finanziell ein wenig den Druck.

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Du töpferst nach der alten, seltenen japanischen Brennkunst Raku. Eine Technik, die viel Zeit in Anspruch nimmt.
Man unterscheidet beim Töpfern zwischen Hoch- und Tiefbrand. Raku ist Tiefbrand. Bei 950° nimmt man die Sachen aus dem Ofen – durch den Temperaturabfall entsteht der «Schock» in der Glasur, also die typischen Raku-Risse, auch Krakelee genannt. Danach lege ich die Töpfereien ins Sägemehl. Durch die  Rauch- und Feuerentwicklung werden die Risse schwarz.

Das Schöne: Man brennt unter freiem Himmel – mit Holz oder mit Gas. Bei uns im Garten habe ich einen Holzofen untergebracht. Meine zweite Brennart führe ich mit dem Gasofen durch. Der steht in einem Gemeinschafts-Keramikatelier.

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Raku braucht Zeit und Geduld. Zwei Attribute, die einer Mutter ganz gelegen kommen. Sagt man zumindest.
Ja, Raku hat mich entschleunigt. Ich war eher ein «Schnell-schnell-Mensch». Da musste ich schon umdenken beim Töpfern. Und eben dieses Töpfern tut mir gut. Im Vergleich zu dem, was ich vorher gemacht habe, kann ich meinen Kindern auch etwas Schönes weitergeben.

Die Mädchen töpfern also?
Ja, sie kreieren viele Sachen. Die Kleine spielt mit ihren getöpferten Sachen, verschenkt sie aber auch ebenso gerne. Das Kinderzimmer ist ziemlich voll mit ihren Kreationen.

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Raku bedeutet Glück. Bist Du glücklich?
Ja. Ich bin total zufrieden mit mir und mit dem, was ich mache und wie es jetzt ist. Ob als Töpferin oder als Mutter: Ich will nicht mehr tauschen. Auch wenn‘s manchmal stressig ist oder man die Nerven verliert – es geht ja vielen ähnlich.

Wie sieht ein Barbara-Tag aus?
An den Mittwoch-Nachmittagen gebe ich Kinderkurse. Marie-Carmen ist immer dabei. Ganztags geht sie nur am Donnerstag in den Hort. Deshalb bin ich donnerstags am Brennen. Freitag und Samstag bin ich ebenfalls am Produzieren und im Tipi anwesend. Alle Kreationen werden direkt im Tipi ausgestellt. Oder daheim, wie man sieht.

Dein Lieblingsstück?
Bei einem Topf wurde das Krakelee so schön, dass er kurzerhand zum Lieblingstopf wurde.

Ein anderes Lieblingsstück ist der mexikanische Lebensbaum. Das sind Glücksbringer in Mexiko, dort hängt oder stellt man sie im Haus auf. Den Lebensbaum gibt’s auch in Kerzenform, so wie meinen.

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Was verkaufst Du am meisten?
Schlussendlich will ich mich nicht auf etwas festlegen und Massenware kreieren. Becher und Klobürsten verkaufe ich beispielsweise gut. Das ist nichts Extravagantes, sondern etwas Praktisches, das jeder gebrauchen kann.

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Hier steht viel Keramik rum. Hand aufs Herz: Wieviel ging wegen der Kinder schon kaputt?
Es geht so. Eigentlich habe ich nie irgendwas weggeräumt. Ich habe diese Angst irgendwie nie in mir gehabt. Ausser im ersten Monat mit Baby. Da habe ich immer hoch geschaut, ob etwas vom Himmel fällt. Aber danach habe ich immer das Grundvertrauen gehabt, dass das schon gut geht. Scherben hin oder her.

Wo ist Barbara in fünf Jahren?
Vielleicht auf dem Land. Ich bin auf einem Bauernhof in Österreich aufgewachsen – rundherum Wald und Tiere. Ich würde gerne Gemüsesorten selber anbauen. Ein Schaf oder eine Kuh haben, das oder die Milch gibt. Mein Traum ist ein Haus und ein Garten samt Keramik-Werkstatt. Dann hätte ich alles, was ich brauche um mich herum. Wenn wir hier aus unserer Wohnung mal raus müssen, dann geht’s ab aufs Land.

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Hast Du einen Ratschlag für Mütter, die beruflich ebenso in einer Sackgasse stecken wie Du damals?
Alles geht irgendwie. Bleibt solang Zuhause wie es geht. Du bereust es irgendwann, wenn du die Kleinen so schnell weggibst. Geniess es lieber. Die Kinder werden so schnell gross. Wenn‘s finanziell tragbar ist: lieber nur 40-50% arbeiten. Es kommt natürlich darauf an, in welcher Branche du tätig bist. In gewissen Berufen geht es leider nicht, nur Teilzeit zu arbeiten. Und sonst bleibt zumindest eine Lösung: töpfern.

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