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Tadah

Michelle Koppitsch-McManus: Zurück zum Ursprung.

Veganismus ist in aller Munde und voll im Trend. Michelle Koppitsch-McManus lebt ihn bereits seit acht Jahren. Sie war vegan schwanger, erzieht ihre Kinder vegan und arbeitet in der Pharmaindustrie. Wie das geht? Die Antworten im grossen Interview.

Bilder von Chavela Zink

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Michelle Koppitsch-McManus arbeitet als Operation Manager bei einem grossen Pharmaunternehmen. Sie ist ausgebildete Jivamukti-Yoga-Lehrerin. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen Bodhi Fable (4) und Sage Griffin (2) wohnt sie in Basel. Holy Cow

Tadah: Du bist vegan. Erzähl uns warum.
Vor acht Jahren bin ich von England in die Schweiz gezogen. Als ich hier ankam und einkaufen ging, war ich echt geschockt über die Fleischpreise. Aus einem also wirklich ganz simplen Grund, der noch nicht viel mit Überzeugung zu tun hatte, bin ich Vegetarierin geworden. Ich habe mir dann überlegt, was ich kochen soll und wie ich mich ernähren will.

Und die Milchpreise haben Dich ebenfalls schockiert und du wurdest vegan?
Nein, nicht ganz. Nach einigen Monaten in der Schweiz habe ich wieder angefangen Yoga zu machen. Dies hatte ich schon in England praktiziert. Ich bin für einen Job in die Schweiz gekommen, alleine. Ich habe mir also etwas gesucht, bei dem ich soziale Kontakte knüpfen konnte. Durch den Kurs bin ich auf eine Yogaschule in New York aufmerksam geworden.

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Und Du bist dahin?
Ja. Ich habe in New York einen fünfwöchigen Kurs gemacht in Jivamukti-Yoga. Die Gründer der Schule sind zwei Tierschutzaktivisten. Dies ist auch der Grund, warum sie diese Art von Yoga betreiben. Es geht alles ums Leben. Und darum, niemandem zu schaden und weh zu tun. Auch keinem Tier. Wir sind jeden Tag um 5 Uhr in der früh aufgestanden und haben angefangen zu trainieren. Abends zeigten sie uns Videos über die Nahrungsmittelindustrie und über die Haltung von Tieren.

 

Da geschehen Dinge, von denen wusste ich nicht einmal, dass sie geschehen.

 

Eine Art Gehirnwäsche?
Ja und Nein. Ich meine: Ja, es ist da alles vegan. Und ja, sie legen Wert darauf, dass ihre Schüler nach diesem Prinzip leben. Aber sie zwingen dich nicht. Wenn du dir aber diese Video anschaust, dann wird dir einiges klar. Es sind keine Filme, die ich mir ausgewählt hätte. Es ist hart, sich so was anzuschauen. Du hast eigentlich nur noch Lust auszuschalten, weil es so grausam ist. Ich war schockiert. Da geschehen Dinge, von denen wusste ich nicht einmal, dass sie geschehen.

Du wurdest also vegan.
Ja. Und zwar aus Überzeugung. Zudem schmeckte das Essen einfach unglaublich. Ich war begeistert von den Geschmäckern, den Kombinationen und der Vielfalt. Ich habe Nahrungsmittel gegessen, die ich nie zuvor probiert hatte.

Zuhause hast Du das alles nachgekocht?
Kurz bevor ich ging, bin ich mit meinem Ehemann zusammengekommen. Zurück aus New York habe ich ihm also eröffnet, dass ich gerne vegan leben möchte. Wir waren noch mitten in der Phase der ersten Verliebtheit. In der Phase, in der du noch alles tust, um zu gefallen. Philipp hat nur gesagt: «Wenn Du das willst, dann versuchen wir es gemeinsam». Er hat sich weitaus besser angestellt als ich.

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Wieso?
Wir haben viel recherchiert, um herauszufinden, was wir essen können und sollen, damit es uns an nichts fehlt. Er war dabei viel disziplinierter als ich. Je mehr ich aber gelesen habe, desto überzeugter wurde ich, dass man kein Fleisch braucht, um sich gesund zu ernähren.

Tofu, Gemüse, veganen Würste und Schnitzel?
Auch. Aber da gibt es so viel mehr. Wir versuchen zudem, so wenig Junk Food wie möglich zu konsumieren. Also nichts Künstliches zu essen, nichts Produziertes.

 

Das Faszinierende am Vegansein ist, dass du dich leichter fühlst.

 

Auch welchem Grund?
Ich schaue sehr genau auf die Inhaltsstoffe. Viele vegane Ersatzprodukte enthalten sehr viel Salz oder Zucker. Ganz prinzipiell gilt die Devise: Je weniger Inhaltsstoffe, desto besser. So vermeiden wir auch künstliche Aromen, Farbstoffe, Konservierungsstoffe.

Wie war es, vegan schwanger zu sein?
Super. Ich hatte zwei sehr tolle und komplikationslose Schwangerschaften. Das Faszinierende am Vegansein ist zudem, dass du dich leichter fühlst. Es ist schwierig zu beschreiben, aber du fühlst dich so, als würde dein ganzer Körper besser funktionieren. Du konsumierst nur leichte Nahrungsmittel – Pflanzen zum Beispiel. Diese absorbieren das Sonnenlicht, welches du so wiederum zu dir nimmst. Es geht darum, zurück zum Ursprung zu gelangen.

Wie meinst Du das?
Du isst, was das Tier isst. So gehst du direkt zur Quelle. Lass niemanden die Nährstoffe für dich verarbeiten. Du bekommst daraus ja dann nur noch die Abfälle.  Zudem ist es auch aus Sicht des Umweltschutzes fatal, Fleisch zu essen. Die Menge an Wasser, die wir in die Viehwirtschaft pumpen – das ist geisteskrank. Der grösste Teil der Sojaproduktion der Welt geht als Tierfutter drauf. Würden wir diese nicht den Tieren verfüttern, könnten wir die gesamte Weltbevölkerung ernähren. Das ist doch wahnsinnig. Aber die Leute wollen das nicht wissen und nicht wahrhaben.

 

Die gängige Meinung ist, dass Kühe von Natur aus immer Milch produzieren. Doch das stimmt nicht. Kühe geben Milch, um ihre Kälber zu ernähren.

 

Wir sind also ignorant?
Viele Leute sind das leider, ja. Sie möchten sich nicht mit unangenehmen Dingen beschäftigen. Ich will niemanden zwingen, vegan zu leben. Aber ich möchte, dass die Leute beginnen nachzudenken. Es gibt ein gutes Beispiel: Milch.

Milch?
Die gängige Meinung ist, dass Kühe von Natur aus immer Milch produzieren. Doch das stimmt nicht. Kühe geben Milch, um ihre Kälber zu ernähren. Damit eine Kuh Milch produziert, muss sie also trächtig sein. Wir nehmen ihr dann das Baby weg, um ihr dann auch noch die Milch wegzunehmen. Wir melken sie ihr ganzes Leben lang, um sie dann, wenn sie nicht mehr genug Leistung erzeugt, zu schlachten. Das ist noch schlimmer, als Fleisch zu essen.

Zurück zu Deinen Schwangerschaften. Musstest Du denn gar keine Zusatzstoffe zu Dir nehmen?
Zu Beginn hatte ich etliche Diskussionen mit meiner Ärztin. Es war damals wirklich nicht die Norm, vegan zu sein. Sie wollte sicher gehen, dass ich wusste, was ich da tue. Aber war schnell überzeugt davon, dass ich mich gut und richtig ernähre.

 

Bodhi sagte unserem Nachbarn, der Vögel hält: «Du weisst, dass diese Vögel nicht in einem Käfig sein sollten? Sie wollen frei sein und fliegen».

 

Deine Kinder sind nun also auch vegan. Zwängst Du ihnen da nicht etwas auf?
Ich denke nicht. Sie haben bis heute nie Fleisch gegessen. Und Bodhi, der jetzt vier Jahre alt ist, versteht auch, warum wir das so handhaben. Wenn wir also auswärts sind, dann sagt er: «Ich bin vegan».

Weiss er denn wirklich warum?
Er hat ein sehr gutes Gespür für Dinge. Vor Kurzem war er bei unserem Nachbarn zuhause. Dieser hat drei Vögel in einem Käfig, die sich Bodhi anschauen wollte. Nach kurzer Zeit hat er dann gesagt: «Du weisst, dass diese Vögel nicht in einem Käfig sein sollten? Sie wollen frei sein und fliegen».

Ok. Aber Kinder und Gemüse – gib zu, das ist nicht immer einfach.
Wir versuchen die Kinder so ausgewogen wie möglich zu ernähren. Aber manchmal ist es auch bei uns wie bei allen anderen Kindern: Dann gibt es eine Woche lang nur Teigwaren mit Sauce, weil sie nichts anderes wollen. Aber im Grossen und Ganzen mögen die beiden Früchte und Gemüse sehr gerne.

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Schauen wir in die Zukunft. Deine Jungs werden an Kindergeburtstage eingeladen. Und da wird es Hotdogs und Kuchen geben. Hand aufs Herz: Dürfen sie davon essen?
Wenn sie etwas probieren wollen, sollen sie das bitte tun. Ich werde ihnen nie verbieten, tierische Produkte zu essen. Aber ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass sie es mögen werden.

Wie kommst Du darauf?
Wenn wir ab und zu bei Starbucks sind, dann bestelle ich für die Jungs einen Babycino. Oft kommt der fälschlicherweise mit normaler Milch statt mit Sojamilch. Bodhi nimmt dann einen Schluck und spuckt diesen fast wieder aus. «Iiih Mama, was ist das?», fragt er. Ich verstehe ihn. Milch hat für mich einen richtig sauren und unangenehmen Geruch. Aber wie gesagt: Es ist ihre Entscheidung.

 

Gehe ich jetzt nach Hause und schmeisse all meine Sachen fort, die ich besitze?

 

Wie sieht es bei Dir mit Wolle, Leder und sonstigen Materialien aus, die nicht vegan sind. Verzichtest Du komplett darauf?
Ich kaufe heute sicher nichts mehr, das aus solchen Sachen produziert wird. Auch wenn es gerade mit Kindern nicht ganz so einfach ist. Gute Kinderschuhe zum Beispiel sind quasi immer aus Leder. Und ich besitze auch noch Dinge aus der Zeit, in der ich noch nicht vegan war.

Du trägst diese auch noch?
Ja. Ich habe diese Frage auch meinen Yogalehrern gestellt. Also im Sinne von: «Gehe ich jetzt nach Hause und schmeisse all meine Sachen fort, die ich besitze?». Die Antwort war ein klares: «Nein!»

Wieso?
Sie sagte mir, dass wenn ich Dinge besitze, welche mir wichtig sind und welche ich nicht weitergeben könne, solle ich diese behalten, bis sie kaputt seien. Sie in den Abfall zu werfen, wäre pure Verschwendung. Es wäre sogar viel schlimmer. Das Tier wäre dann für nichts gestorben. So trage ich also Kleider und Accessoires aus tierischen Produkten. Kaufen würde ich solche Sachen aber unter keinen Umständen.

Wie wichtig ist Dir Deine Karriere?
Wichtig. Ich hatte anfangs Mühe mit der Rollenfindung. Ich arbeite in der Pharmaindustrie. Da wirst du sehr gepusht. Ich habe auf meiner jetzigen Position angefangen, wurde dann Head of Department, als meine Chefin in den Mutterschutz ging. Als sie zurückkam, war ich selber schwanger und meine Karriere wurde auf Eis gelegt. Es war schwierig für mich, als ich realisierte, dass es jetzt nicht mehr weiter geht auf der Karriereleiter. Aber das war die Entscheidung, die ich getroffen hatte.

Wann und wie viele Prozent bist Du nach der Geburt Deiner Kinder zurück in den Job?
Ich nahm nach Bodhi neun Monate Mutterschaftsurlaub und bin dann 100% wieder eingestiegen. Es gab keine andere Möglichkeit. Mir wurde gesagt: Entweder ganz oder gar nicht. Nach Sage war ich an einem Punkt, an dem ich meinen Arbeitgeber vor eine Entscheidung gestellt habe. Ich wollte Teilzeit arbeiten und für meine Kinder da sein.

 

Ich habe meinen Arbeitgeber auf ihre eigenen Werte hingewiesen: Frauen in Führungspositionen zu fördern.

 

Wie haben sie das aufgenommen?
Es war ein Kampf. Ich habe sie auch immer wieder auf ihre eigenen Werte hingewiesen: Frauen in Führungspositionen zu fördern. Schlussendlich haben wir eine Lösung gefunden und ich arbeite nun im Jobsharing 60%.

Wie hat sich Deine Arbeitsweise verändert seit Du Mutter bist?
Ich bin viel effizienter als früher. Wenn ich also im Büro bin, bin ich voll und ganz auf das fokussiert, was ich gerade tue. Und ich manage meine Zeit anders und besser.

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Du arbeitest also in der Pharmaindustrie. Wir können uns veganere Jobs vorstellen.
Das stimmt. Ich verfolge hier aber den Ansatz, dass ich Dinge von innen heraus verändern kann. Ich versuche also, meine Kolleginnen und Kollegen auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen, sie zu sensibilisieren.

 

Es ist ganz klar nicht die Branche, die ich noch einmal auswählen würde, dürfte ich von vorne anfangen.

 

Wie?
Ich habe beispielsweise eine Yogaklasse bei uns im Unternehmen ins Leben gerufen. Hier geht es darum, den Grundsatz von «niemandem schaden» und «die richtigen und guten Entscheide zu treffen» zu vermitteln. Zudem hatten wir kürzlich eine vegane Woche in der Kantine. Es verändern sich also Dinge.

Trotzdem, ein anderer Job würde weit mehr in Deine Überzeugung passen.
Total. Aber hier spielen dann leider auch finanzielle Gründe mit. Ich bin sehr spezialisiert in dem was ich tue. Es ist ganz klar nicht die Branche, die ich noch einmal auswählen würde, dürfte ich von vorne anfangen. Vielleicht schaffe ich den Wechsel eines Tages, aber es ist schwierig eine ganze Karriere zu ändern. Klar wäre ich gerne Yogalehrerin – ich hätte wohl einen reichen Mann heiraten sollen.