Mit Michelle's Cupcakes hat Michelle Burke 2012 einen Trend nach Zürich gebracht. Heute führt sie zwei Lokale und ist überzeugt, dass man Erfolg teilen sollte, um zu wachsen. Und dass Frauen oft zwischen Stuhl und Bank sitzen – auch weil wir in Sachen Fremdbetreuung noch nicht umgedacht haben.

Michelle Burke ist Besitzerin und Geschäftsführerin von Michelle's Cupcakes in Zürich. Mit ihrem Freund und ihrem Sohn Vincent (3) wohnt sie in Zürich. michellescupcakes.ch
Tadah: Backen, verzieren, Kuchen verkaufen – das tönt nach einem grossen süssen Traum. Das ist aber ja auch ganz viel Arbeit. Erzähl, wie bist Du zu Michelles Cupcakes gekommen?
Ich habe 15 Jahre lang am Flughafen gearbeitet, drehte aber schon da die Idee in meinem Kopf, mich selbstständig zu machen. Ich wusste aber schlicht nicht womit. Ich bin nicht die Sorte Mensch, die seit Kindheit eine Leidenschaft hat, die sie verfolgt und so seit jeher weiss, was sie will. Die Augen hat mir das Reisen geöffnet.
Inwiefern?
Dank meiner Arbeit am Flughafen konnte ich oft und günstig reisen. Und weil meine halbe Verwandtschaft in London lebt, war ich da regelmässig unterwegs. Eines Tages bin ich an der Portobello Road an der Hummingbird Baker vorbeigelaufen – es war love on first sight. Ich habe mir daraufhin viele Cupcake-Läden in vielen Metropolen angeschaut und war wie magisch angezogen von diesen kleinen Küchlein, die es in der Schweiz nicht gab. Und plötzlich habe ich gemerkt: Das ist es. Der Funke war gesprungen, ich war Feuer und Flamme und habe angefangen zu backen.
War denn backen immer schon Dein Hobby?
Nein. Ich habe zwar tendenziell schon immer lieber gebacken als gekocht, aber es war nicht: Ich backe mega gerne, ich will das zu meinem Beruf machen. Es war eher der andere Weg. Ich habe mich in ein Produkt und eine Geschäftsidee verliebt und bin so in die Backstube gekommen.
Aber man muss ja dann schon den einen oder anderen Cupcake verkaufen, um davon leben zu können?
Das stimmt, ja. Aber ich hatte damals das richtige Zeitgespür. Im Ausland wurden die Cupcakes – auch durch Sex and the City – schon mega gehypt, in der Schweiz kannte man sie nicht.




Wie kam denn die Idee hier an?
Zu meinem Geburtstag habe ich einen Brunch gemacht und das erste mal meinen Freunden Cupcakes präsentiert. Alle waren hin und weg. Sie fanden es mega toll. Ich hatte dann das Glück, bei den ersten Nachtmärkten in Zürich dabei zu sein und da meine Cupcakes verkaufen zu dürfen. CHF 2.50.- für die kleinen, CHF 4.50.- für die Grossen – es war ein voller Erfolg. Die Leute waren ganz verrückt danach.
Der Laden war also der logische nächste Schritt?
Am Morgen aufstehen, ins Geschäft gehen und meinen eigenen Laden aufschliessen – das war schon immer mein Traum. Diesen wollte ich verwirklichen. Aber ich musste merken, dass es einfacheres gibt.
Wieso?
Es war sehr schwierig, ein geeignetes Lokal zu finden. Alle wollten ein Schlüsselgeld – Geld, das ich nicht hatte. Und auch nicht bereit war zu bezahlen. Zudem wollte ich gerne einen Laden finden, in dem auch die Backstube Platz hat. Das war fast ein Ding der Unmöglichkeit oder eben Unbezahlbarkeit. Über Kontakte bin ich dann an das Lokal an der Luisenstrasse gekommen und habe mich voll und ganz in die Selbstständigkeit gewagt – meinen Job am Flughafen also an den Nagel gehängt.
Du warst da nicht alleine – sondern in einer ziemlich abstrakten Kombination unterwegs.
Genau. Ich habe mich bei Hendrike von PonyHütchen eingemietet. Es gab bei uns im Laden also dann Cupcakes fürs Bad und welche für den Bauch. Das war zwar auf den ersten Blick seltsam, auf den zweiten aber ziemlich cool. Es war eine tolle Zeit.

Heute hast Du Deinen Laden alleine und bist schon fast ein alter Hase im Business. Ist also alles durchstrukturiert und geplant?
Ja und nein. Anfangs habe ich alles selber gemacht. Ich war in der Küche, habe verkauft – ich wusste ja auch nicht, ob denn wirklich Leute kommen würden. Sprich: Ich hatte keine Ahnung, wie viele Cupcakes ich backen sollte. Es war alles Freestlyle – aber so bin ich. Ich bin bis heute keine Unternehmerin, die alles voll und ganz durchsturkturiert. Das ist in mancherlei Hinsicht vielleicht ein Hindernis, gleichzeitig ist es aber meine Persönlichkeit.
Planung heisst aber auch gegen Foodwaste zu arbeiten. Wie gehst Du damit um?
Anfangs war das noch ein grösseres Thema. Auch eines, mit dem ich lernen musste umzugehen. Und mit dem meine Mitarbeiter lernen mussten umzugehen. Denn ja, es gab diese Situationen, wo wir Ware wegwerfen müssten – und es gibt sie immer noch. Aber mit der Zeit lernst du besser zu wirtschaften, kannst deine Kunden besser einschätzen. Ich gehöre momentan zu den Unternehmen, die wenig Foodwaste haben.
Mitarbeiter finden, haben und führen ist die schwierigste Sache an der Selbstständigkeit. Und es ist auch der Punkt, an dem viele scheitern.
Von wegen Mitarbeiter. Wie schwierig ist es die perfekten Angestellten zu finden?
Mitarbeiter finden, haben und führen ist die schwierigste Sache an der Selbstständigkeit. Und es ist auch der Punkt, an dem viele scheitern. Weil sie irgendwann abgeben müssen und das dann nicht geht. Zudem setzen sich viele auch nicht mit dem Thema auseinander. Was heisst es, Mitarbeiter zu führen, was brauchen sie, was haben sie für Bedürfnisse? Das sind ja auch keine Roboter. Ich bin in der glücklichen Lage, dass Bewerbungen bei mir reinflattern und ich auswählen kann.
Wer arbeitet denn bei Dir?
Anfangs hatte ich sehr viele selbstständige Mitarbeiter. Also Leute, die selbst auch ein Business haben, damit aber noch zu wenig verdienten. Das war sehr bereichernd. Denn diese Leute haben auch ihre Kreativität und ihr Wissen in mein Geschäft gebracht. Jetzt habe ich jemanden, der das hauptberuflich macht und das Handwerk auch gelernt hat. Sie ist extrem wichtig für mich, denn ich weiss, dass der Laden auch ohne mich läuft.



Wo soll es hingehen mit Michelles Cupcakes?
Ich wachse und verändere mich. Da ist grad ganz aktuell. Ich habe mich mit Karen von Karens Kitchen zusammengetan. Sie macht Sandwiches, Salat und Suppen und ist sehr stark im Lunchcatering-Bereich. Wir haben nun zusammen die City Delikatessen GmbH gegründet. Der Laden am Talacker wurde umgetauft, weil wir da nun eben mehr anbieten wollen, als nur Cupcakes.
Wieso soll ich meinen Erfolg nicht teilen, damit wir gemeinsam noch weiter kommen?
Wieso diese Zusammenarbeit? Du hättest das doch auch alleine machen können?
Zusammen sind wir aber viel stärker. Wir können Synergien nutzen und von unseren Stärken profitieren. Und erst noch die Ladenmiete teilen. Wieso soll ich meinen Erfolg nicht teilen, damit wir gemeinsam noch weiter kommen?
Teamwork statt Einzelkampf also?
Genau. Es gibt so viele coole Jungunternehmern, die etwas Lässiges machen, aber die Kraft und Ressourcen nicht haben, um sich durchzusetzen. Viele arbeiten neben ihrer Businessidee noch in einem Angestelltenverhältnis – da ist es kaum möglich, die eigene Idee gross zu machen und all seine Energie darauf zu kanalisieren. Man kommt nicht vom Fleck. Das ist extrem schade. Und darauf gründet auch die Idee von City Delikatessen.
Wie meinst Du das?
Unter dem Dach von City Delikatessen möchten wir versuchen, vielen Delikatessen aus der Stadt oder der Region eine Plattform zu bieten. Wir sind noch ganz am Anfang, aber das soll ein grosses Netzwerk werden.
Wie wir alle wissen, gibt es Situationen, die mit einem Kind halt einfach auftauchen. Da ist Verständnis gefragt.
Zwei Mütter machen gemeinsam Geschäfte.
Ja. Wir haben uns geschäftlich kennen gelernt und uns zusammen getan, sind heute aber auch gut befreundet. Und es funktioniert, weil wir beide unser Ding haben. Wir verstehen uns zudem was die Vereinbarkeit betrifft. Denn wie wir alle wissen, gibt es Situationen, die mit einem Kind halt einfach auftauchen. Da ist Verständnis gefragt.



Wie ist denn das Business, seit Du ein Kind hast?
Es hat sich verändert. Vor allem wegen der Zeit, die man hat – respektive der wenigen Zeit, die man hat. Ich habe auch ganz klar gewisse Einbussen gehabt.
Hast Dich das gestresst?
Ja. Das hat es. Da muss man auch ehrlich sein. Und es hat mich auch ein wenig aus der Bahn geworfen.
Wie hast Du die Situation gemeistert?
Ich habe mir sechs Monate Mutterzeit rausgenommen – das ist ein Luxus, wenn man selbstständig ist. Aber mir war diese Zeit mit Vincent einfach sehr wichtig. In dieser Zeit also, in der ich voll da sein wollte für mein Kind, hatte ich aber auch mein laufendes Geschäft. Und ich wusste, wenn ich meine Mails nicht checke, dann habe ich eben diesen Auftrag nicht, der in der Mailbox auf mich wartet. Der Laden lief weiter, ich hatte eine Geschäftsführerin, aber trotzdem war es auch da nicht dasselbe, als wenn ich da gewesen wäre.
Hast Du es trotzdem geschafft, sechs Monate weg zu sein?
Das ganze operative Geschäft hatte ich abgegeben. Meine Mails musste ich aber bearbeiten. Das war aber auch eine kleine Illusion.
Wie meinst Du?
Es war ja mein erstes Kind. Und bevor er da war, dachte ich: Easy, ich kann mich dann in dieser Zeit ein wenig mehr ums Marketing und die Administration kümmern. Aber ich hätte nie gedacht, dass mich das so einnimmt. Also auch hormonell. Ich hatte wirklich keine Lust mehr auf meine Arbeit. Denn dein weibliches Unterbewusstsein, oder dein Körper – wohl die Natur –, macht, dass dich nichts anderes mehr interessiert als dein Kind. Das wusste ich nicht. Und das hat mir auch niemand gesagt. Ich musste durch diesen Fakt mein Unternehmen ein wenig schlittern lassen. Ich bereute das nicht. Denn es war ja für etwas Gutes. Für einen Menschen, den ich über alles liebe – unconditional love.



Vincent ist nun drei Jahre alt. Bist Du back on track?
Ich arbeite heute 70%. Das Wochenende gehört der Familie. Und zuhause arbeite ich nie. Ich möchte das trennen.
Man muss aber auch sagen, dass ich einen super Mann habe. Er macht zum Beispiel extrem viel – wenn nicht sogar mehr als ich – im Haushalt. Er kann zudem früh zuhause sein, so dass ich auch mal länger im Geschäft sein kann. Wir sind so wirklich flexibel. Und trotzdem: Ich fühle mich öfters ein wenig zwischen Stuhl und Bank.
Zeig mir einen Mann, der erfolgreich ein Geschäft führt und nur 70% arbeitet. Das schaffen immer nur wir Frauen.
Wieso?
Zeig mir einen Mann, der erfolgreich ein Geschäft führt und nur 70% arbeitet. Das schaffen immer nur wir Frauen. Und deswegen kommen wir auch an den Anschlag. Psychologisch und physisch.
Kann das ändern?
Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Denn es steckt ja auch ein wenig in unserer Natur drin. Ich habe mich ja dafür entschieden, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringen will.
Heisst das, dass eine Mutter kein erfolgreiches Business aufziehen kann?
Nein. Klar, kann sie das. Aber sie muss Abstriche machen. Es sind vier Herdplatten die an sind und du kannst nicht alle auf hoher Flamme brennen lassen. Einem Mann ist die Karriere wichtig, dafür macht er Abstriche in der Kinderbetreuung. Er ist nur abends und am Wochenende da. Aber wir Schweizer müssen auch beginnen umzudenken, was die Fremdbetreuung angeht.
Wir sollen unsere Kinder also mehr fremdbetreuen?
Nicht unbedingt mehr, aber mit einem guten Gewissen. Du gibst dein Kind ja nicht ab und es geht ihm schlecht. Du machst ihm einen Gefallen. Es kann Zeit mit anderen Kindern verbringen, basteln, auf den Spielplatz gehen. Fragen wir uns doch: Was ist lässiger fürs Kind? Mit anderen Kindern spielen oder mit dem Mami zuhause zu sitzen, das noch schnell was machen muss und am Computer sitzt? Es ist für ein Kind zudem nicht nur cool, sondern vor allem auch wichtig, sich in einer Gruppe Gleichaltriger zu bewegen. Das grosse Problem ist aber wirklich die Flexibilität.
Es fehlt der Raum für Spontanität. Man muss sich im jetzigen System festlegen. Wenn es Raum geben würde für mehr Flexibiliät, wäre das grandios
Brauchen wir mehr Flexibilität?
Unbedingt. Es fehlt der Raum für Spontanität. Man muss sich im jetzigen System festlegen. Der Krippenplatz muss gebucht und bezahlt werden – auch wenn du ihn nicht brauchst. Da heisst man steht auch finanziell unter einem grossen Druck. Nehmen wir an, Vincent würde fünf Tage in die Krippe gehen und ich würde fünf Tage fix bezahlen. Wen er dann aber eine Woche lang krank ist, bezahle ich trotzdem – und ich kann nicht arbeiten. Das sind alles Faktoren, die dazu führen, dass man auch vorsichtiger ist. Wenn es Raum geben würde für mehr Flexibilität, wäre das grandios.




