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Tadah

Marie-Lou Singer: Abschied von Sternenbaby Lise.

Bei Marie-Lou ist das Unfassbare eingetroffen: Sie musste ihr viertes Kind still gebären. Seither begleitet sie die Trauer. Und ihr Sternenbaby Lise. Es gehört mit zur Familie, die einen sehr offenen Umgang mit dem Verlust pflegt, damit möglichst viele Familien, die dasselbe durchleiden müssen, wissen: Man muss das nicht alleine durchstehen. «Besser» geht es Marie-Lou und ihrer Familie nicht. Aber sie lernen, mit der Trauer umzugehen. Dies geht mal besser, mal schlechter.

Bilder von Mojca Vidmar

Marie Lou by MOJCA VIDMAR for Tadah 21

Marie-Lou Singer lebt gemeinsam mit ihrem Partner Roman und ihren Kindern Joris (1), Ina (5), Leni (10) und Nico (12) im Zürcher Weinland.
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wolleli.ch

Tadah: Liebe Marie-Lou, #sternenkind36ssw steht in Deinem Instagram-Account. Du sprichst ganz offen über Deine Trauer. Auch mit uns. Weshalb?
Für mich gibt es keinen Grund, das Unvorstellbare, das uns allen passieren kann, nicht offen zu behandeln. Für mich ist das Erzählen der Geschichte unserer Tochter heilsam.

Trauer ist in unserer Gesellschaft halt noch immer ein Tabuthema.
Unangenehmes möchte nicht herausgetragen werden. Es fällt uns wahnsinnig schwer, Menschen trauern zu sehen und ihre Situation nicht massgeblich erleichtern zu können. Unsere Hilflosigkeit, nicht das Richtige zu tun oder zu sagen, lähmt uns zu oft.

Trauer darf und muss in unserer Gesellschaft aber dringlich mehr thematisiert werden. Wir könnten Lehrer*innen, Betreuer*innen, medizinisches Personal und überhaupt jede und jeden im Umgang mit dem Tod schulen. Warum nehmen wir uns nicht unsere Kinder zum Vorbild und behalten den offenen Umgang mit dem Tod bei? Er betrifft uns alle früher oder später. Geburt, Leben, Tod: Das alles wird ein jeder Mensch erleben.

 

Es ist mein grosses Glück, dass ich keine Vorahnung hatte, denn es waren 36 sehr glückliche Schwangerschaftswochen.

 

Lise Jasmina kam am 9. Februar 2020 zur Welt. Eine Stillgeburt. Magst Du von Deiner Schwangerschaft erzählen?
Die Schwangerschaft mit Lise war meine vierte Schwangerschaft, das erste gemeinsame Kind mit meinem jetzigen Partner. Ich erlebte diese Schwangerschaft bewusst und intensiv.

Natürlich war ich diesmal geübt in der körperlichen und seelischen Vorbereitung auf das Wunder, das mich erwarten würde. Doch mit all dem, was dann passierte, rechnete ich niemals. Es ist mein grosses Glück, dass ich keine Vorahnung hatte, denn es waren 36 sehr glückliche, wahnsinnig intensive und wunderschöne Wochen mit unserer Tochter.

Wann spürtest Du, dass es Lise nicht gut geht?
Am Abend des 8. Geburtstages meiner Tochter kam die Hebamme auf meine Bitte zu uns nach Hause. Ich machte mir Sorgen, weil ich Lise nicht mehr spürte. Sie regte sich nicht.

Ich lag in unserem Bett und meine Hebamme stellte mir die ungreifbare Frage: «Was ist, wenn wir keine Herztöne hören?»

«Dies ist dann einfach nicht so», dachte ich. Oder sagte ich. Kurz darauf waren wir schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Es war Abend und die Nacht kam schnell.

Die Ärztin machte einen Ultraschall, keiner sprach, auch sie nicht. Ihr Blick unterstrich das Undenkbare. Wir begannen zu schreien, zu weinen, zu flehen.

 

Meine dreijährige Tochter liess meinen kugelrunden, ganz still gewordenen Bauch nicht mehr los.

 

Dann fuhrt ihr wieder nach Hause, zu Euren Kindern?
Ja. Kurze Zeit später fuhren wir heim. Wir mussten unserer dreijährigen Tochter erzählen, was nun Realität war. Sie schrie bis zum Einschlafen: «Baby, Baby, Baby» und liess meinen kugelrunden, ganz still gewordenen Bauch nicht mehr los.

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Eine stille Geburt – wie müssen wir sie uns vorstellen?
Am nächsten Tag wurde die Geburt eingeleitet. Wir äusserten diesen Wunsch. 24 Stunden lang passierte nichts ausser leichten Wehen und Warten.

 

Wie konnte nur die Sonne aufgehen, wenn es in unserer Seele nur regnet?

 

Das ist lange.
Ja. Dieser eine Tag – nur wir drei im Krankenhauszimmer. Wir sprachen über Babynamen und wussten noch nicht, ob wir einen Sohn oder eine Tochter in die Arme schliessen würden. Morgens ging dann die Sonne hinter dem Winterthurer Goldenberg auf. Wie konnte nur die Sonne aufgehen, wenn es in unserer Seele nur regnet?

Nachmittags musste ich raus. Raus aus diesem Zimmer, raus in die Natur. Wir machten einen Spaziergang und plötzlich kamen die Wehen.

Zurück im Krankenhaus haben wir die Patentante angerufen, die sogleich herbeieilte.
Wir hielten uns fest an dem Wunsch, dass sich alle getäuscht hatten und unsere Lise gleich gesund zur Welt kommt. Ich war nicht bereit loszulassen, all die Trauer zuzulassen, diese grausame Realität zu unserer werden zu lassen.

Dann wurde Lise geboren.
Meine Lise lag direkt auf meiner Brust. Sie war wunderschön, ihre langen Beine, ihr feines Gesicht. Ich war unendlich stolz und begriff erst, als ich in die Augen ihres Papas blickte, dass sie wirklich gegangen war.

Wir hielten sie fest, wir schmusten mit ihr und wir zogen sie an. Ihre Patentante immer an unserer Seite.

Wenn Du magst, erzählst Du uns von den Momenten danach?
Kurz darauf kamen unsere drei Grossen, die Grosseltern und die Tante ins Krankenhaus. Ich wollte meinen Kindern die Möglichkeit schenken, ihre Schwester zu sehen und auch die Option bieten, jederzeit den Raum verlassen zu dürfen. Sie würden dort von der Familie aufgefangen.

Es war mir sehr wichtig, dass sie sehen und lernen, dass unsere Körper und unsere Seelen nicht eins sind.
Ihre Seele wird für immer bei uns bleiben, von ihrer Hülle werden wir uns verabschieden müssen.
Es gab eine kleine Taufe und Herzensbilder fing diese wertvollen Minuten fotografisch ein.

Lises Geschwister hielten sie im Arm, fingen an zu begreifen, fingen an zu weinen.
Abends wurde es ruhig im Zimmer. Wir waren wieder zu dritt. Bis wir am nächsten Tag zu dritt das Krankenhaus verliessen.

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Alles änderte sich für Dich, für Deine Familie. Wie ging es Euch?
Die Zeit im Krankenhaus nach Lises Geburt erlebte ich sehr intensiv, ein geschützter Rahmen. Als wir mit Lise nach Hause kamen, war klarer, was hier alles passierte, welche Herausforderungen uns erwarten werden.

Die Geschwister? 
Ja. Drei trauernde Geschwister, die eigene Trauer und ein Alltag. Wir hatten weitere drei Tage Zeit, uns in unserem Zuhause von Lise zu verabschieden. In unserem Schlafzimmer betteten wir sie in ihr Bettchen, zündeten Kerzen an und schenkten ihr Zeichnungen.

 

Es war so surreal, neben dem überfüllten Wäschekorb einen Kindersarg im Wohnzimmer zu sehen.

 

Oft sassen wir einfach da. Freunde lernten sie kennen. Die Kinder schmückten ihren kleinen Sarg. Es war so surreal, neben dem überfüllten Wäschekorb einen Kindersarg im Wohnzimmer zu sehen. Das volle Leben direkt neben dem Tod.

Wir haben so oft geweint, als wir die Bilder in Deinem Account sahen, die Texte dazu lasen. Auch jetzt, wenn wir Dir diese Fragen stellen. Geht es einem als Mutter nach so einem Schicksalsschlag irgendwann wieder besser?
Ich hatte anfangs die Erwartung, dass es uns irgendwann wieder besser gehen soll. Von dieser Idee bin ich zum Glück abgekommen. Es geht uns nicht «besser», wir haben lediglich einen Umgang mit der Trauer gefunden. Mal klappt es besser, mal nicht.

Auch die Entwicklungssprünge ihrer Geschwister bewegt sie selber immer wieder in verschiedene Trauerphasen, die wir begleiten und die uns sehr mitnehmen.

Irgendwo in Deinem Account haben wir gelesen, dass Du gefragt wurdest: «Jetzt geht es Euch aber wieder gut, oder?» Hat sich Dein Umfeld nach dem Tod Deiner Tochter stark verändert?
Für unser Umfeld war der Umgang mit uns als Trauernde schwierig. Was sagen? Was nicht sagen?
Viele Freundschaften wurden intensiver, einige haben sich etwas verlaufen oder verabschiedet.

 

Eine Sicherheit, unsere Lise wurde nicht vergessen, sie ist da.

 

 

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Was hat Dir geholfen bei der Trauerbewältigung?
Sehr wichtig war für uns die Abschiedsfeier. Wir hielten ein halbes Jahr nach Lises Geburt eine Abschiedsfeier ab. Freunde und Familie, viele Kinder. Viele Blumen, schöne Musik und Sicht auf den See, in welchen wir einen Tag zuvor die Asche streuten, waren ein Trost. Eine Sicherheit, unsere Lise wurde nicht vergessen, sie ist da.

Als Paar besuchten wir regelmässig die Trauerbegleiterin Beatrix Ulrich, die uns viel Halt gab. Sie hat auch die Abschiedszeremonie gehalten.

Gut tat auch der Rückbildungskurs nach Verlust sowie der Austausch mit einer Familie, die ähnliches erlebt hat und wortlos versteht.

Als Familie nahmen wir uns in kleinen Ritualen Zeit für Lise.

Was hat geschadet?
Abweisungen aufgrund von Unsicherheit waren herzzerreissend. Menschen, die mir aus dem Weg gingen oder gar nichts zu Lise sagten. Von diesen grenzte ich mich automatisch ab, bis heute.

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Ich war froh, drei gesunde, wilde Wesen um mich zu haben.

 

Du musstest funktionieren für die Familie. Gab es Momente, in denen das nicht ging?
Kurz nach Lises Geburt wurden alle drei Kinder krank. Sie hatten lange hohes Fieber. Es war schwierig, die Ängste nicht zu gross werden zu lassen.

Dazu kam auch noch der Lockdown.
Genau. Die Trauer, Schule, Beruf und Haushalt unter einen Hut zu bekommen, forderte mich sehr. Zugleich war diese Situation auch eine Rettung für mich. Viele Nachmittage verbrachten wir in der Natur. Wir hatten viel Zeit, um über Lise zu sprechen. Ganz ohne äussere Ablenkung.

Viele Eltern hätten sich gewünscht, ihre Kinder würden endlich wieder Kita und Schule besuchen, ich war froh, drei gesunde, wilde Wesen um mich zu haben.

Hat sich die Beziehung zu Deinem Mann verändert?
Unsere Beziehung wurde intensiver, wir haben viel übereinander gelernt. Wir wurden achtsamer, auf alle Bedürfnisse und Energien zu achten.

Mir war klar, dass wir ein sehr gutes Team sind und vieles schon zusammen geschafft haben, doch als ich wenige Tage nach Lises Tod las, dass sich 70% der Paare nach dem Kindsverlust trennen, machte mir dies doch etwas Angst.

Eine Trennung war für uns nie ein Thema zum Glück und doch könnte ich es verstehen. Jeder trauert auf seine Weise und das benötigt viel Einfühlungsvermögen. Wenn einer bei uns zusammenbrach, hielt ihn der andere und umgekehrt. Wir waren uns in allen Entscheidungen einig. Auch für meinen Partner fühlte es sich gut an, Lise kremieren zu lassen und die Asche zu der meiner Mutter zu geben. Wir hoffen, sie sind beieinander.
Dafür bin ich sehr dankbar.

 

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Wie sind die Geschwister mit Lises Tod umgegangen?
Sie waren sehr erschüttert. Der Tod von Lise prägte sie unglaublich. Sie lernten wahnsinnig viel. Es war eine harte und doch liebevoll ehrliche Schule fürs Leben. Wir sprachen viel, gaben Lise einen Platz im Alltag.

Wir waren sehr bemüht, die Kinder an allem, was sie wollten - dies war ja auch nach Alter verschieden - teilhaben zu lassen. Jedes der Kinder hatte eine andere Vorstellung, wo Lise nun ist. In den Tagen, als Lise bei uns zu Hause war, waren sie viel bei ihr. Sie machten sich ein Matratzenlager neben ihrem Bett.
Sie empfingen und liessen Lise so natürlich gehen, da waren sie mir ein grosses Vorbild.

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Du wurdest wieder schwanger. Musstet Ihr Euch durchringen, es nochmals zu versuchen?
Dadurch, dass wir keinen medizinischen Grund für Lises Tod kennen, war dies schon eine Sorge, all das nochmals ertragen zu müssen. Diese Schwangerschaft war deshalb das totale Wechselbad: Einerseits war ich mir sicher, dieses Kind werden wir mit schlagendem Herzen begrüssen und doch kam wieder die Angst.
Medizinisch war alles total überwacht, doch die Medizin hat Grenzen und nicht alles im Griff.

Ich kaufte für jede neue Schwangerschaftswoche eine Blume. Nun hängt hier eine lange Blumengirlande.
Wir lebten Woche für Woche. Auch heute fällt es mir schwer, weiter zu planen.

Und dann kam Joris. War das schön? Oder auch traurig zugleich?
Joris, der kleine Bruder von Lise, wurde Ende Mai ein Jahr alt. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wie gross in den letzten Monaten die Angst war, ihn nicht für lange bei uns zu haben. Ihn nicht beim Aufwachsen begleiten zu dürfen. Rückblickend war diese Schwangerschaft eine grosse Herausforderung.

Kurz nach der Geburt waren wir wahnsinnig erleichtert, doch auch die Trauer kam wieder in grossen Wellen.

Joris ist so ein fröhlich lebendiger Junge. Wir sind durch ihn so bereichert.

Was rätst Du Familien/Müttern, die in derselben Situation sind?
Niemand und keine Familie muss und soll solch eine Situation alleine durchstehen.
Professionelle Hilfe ausserhalb des Familien- und Freundeskreises zu holen, rate ich allen. Zudem viel Ruhe und Zeit.

Herzensbilder
Die Organisation rund um unsere ehemalige Mothers we love Kerstin Birkeland schenkt professionelle Familienfotografien – dort, wo ein Familienmitglied schwer krank ist oder ein Kind still geboren wurde.
herzensbilder.ch

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Betreuungssituation:
Marie-Lou führt ihren Online-Shop wolleli.ch und arbeitet selbständig. Ihr Partner Roman arbeitet 100%. Joris ist immer bei Marie-Lou, die Grossen besuchen Kindergarten und Schule und werden einen Tag die Woche von ihrem Vater betreut. Die Babysitterin ist leider zu ihrer Liebe ins Ausland gezogen. Sie fehlt oft.