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Tadah

Judith Nordmann: Offline dank dem Sabbat.

Einen nicht jüdischen Mann zu heiraten wäre für Judith nie in Frage gekommen. Warum sie trotzdem auswärts isst und welche Vorteile sie in alten Bräuchen sieht, erzählt sie im grossen Tadah-Interview.

Bilder von Remo Hexspoor / crealisateur.com

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Judith Nordmann lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern, Liad und Noam, in Zürich Wollishofen. Ehemals als Beraterin in der Werbung tätig, sucht sie momentan nach neuen Herausforderungen.

Was macht Dich zu einem typisch jüdischen Mami?
Ich glaube eine typisch jüdische Mutter hat die Tendenz schnell besorgt zu sein. Überspitzt gesagt springen andere Kinder auf Bäume und wir haben Angst vor Klettergerüsten. Ich bin nicht ganz so, aber gewisse Züge davon habe auch ich. Aber ich arbeite dran: Wenn Lead beispielsweise herumklettert, dann versuche ich mir zu sagen:  «Er kann das!» und ihn dementsprechend zu lassen. Denn ich weiss, es ist wichtig für ihn.

Bist Du selber auch so aufgewachsen?
Ja. Ich bin in einem sehr behüteten Elternhaus in Basel gross geworden, ging in einen jüdischen Kindergarten, in die jüdische Primarschule und in den jüdischen Jugendbund. Da habe ich auch meinen heutigen Mann kennengelernt.

 

Einen nichtjüdischen Mann zu heiraten war nie eine Option.

 

War es für Dich schon immer klar, dass Du einen jüdischen Mann heiratest?
Ja! Und lustigerweise bin ich auch immer ganz anders auf nichtjüdische Männer zugegangen. Es war keine Option. Dies war nicht mal eine aktive Entscheidung - es war einfach klar, ganz natürlich. Ich hatte immer gute Freunde, die nicht jüdisch waren, aber eben nie einen Freund.

Was hätten denn Deine Eltern gesagt, wenn doch?
Sie hätten es sicher nicht sonderlich gut gefunden. Wenn es beim Freund geblieben wäre, wäre es vielleicht nicht ganz so schlimm gewesen - aber Freude hätten sie bestimmt nicht gehabt. Ich denke sogar, es wäre für sie ein Schock gewesen, wenn ich einen nichtjüdischen Mann geheiratet hätte. Wohl auch aus Angst, dass etwas  unserer Traditionen und Werten verloren geht. Und genau diese Traditionen und Werte sind auch mit ein Hauptgrund, weshalb ich einen Juden geheiratet habe.

Warum?
Ich denke es ist schwieriger diese emotionalen Traditionen weiterzugeben, wenn du einen Partner hast, der das selber nicht lebt und nicht kennt. Es macht die Sache viel komplizierter. Also zumindest für mich und die Art und Weise, wie ich das Judentum leben möchte. Mir gefällt wie ich aufgewachsen bin und ich will das so weitergeben.

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Was wäre denn gewesen, wenn Du keinen jüdischen Mann gefunden hättest?
Das wäre tatsächlich schwierig geworden. Denn wenn ich lange niemanden gefunden hätte, wäre der Druck gestiegen. Und wenn ich dann einen Partner oder Ehepartner gewollt hätte, dann wäre ich vielleicht ins Ausland gegangen. Beispielsweise nach Israel, wo es mehr jüdische Männer gibt. Weil hier in der Schweiz… Ich hatte Glück. Aber man kennt irgendwann die meisten.

Es schränkt Dich also ein in der Partnerwahl?
Ja, klar. Ich kenne einige, die nichtjüdisch geheiratet haben und trotzdem sehr jüdisch leben wollen. Das ist schwieriger als man denkt, schliesslich hat man keinen Partner, der einem aktiv hilft beim Weitergeben der Traditionen. Du stehst dann als Mutter allein in der Verantwortung. Aber ich muss auch sagen, dass diese Familien alle einen Weg gefunden haben, das Judentum so auszuleben und die Traditionen und Werte weiterzugeben, dass es für sie stimmt. Und das ist ja schlussendlich die Hauptsache.

Du kennst deinen Mann also vom Jugendbund. Nach der Schule bist Du direkt zu ihm nach Zürich gezogen?
Nein, ich bin nach der Matur für zehn Monate nach Israel, quasi als Zwischenjahr. Ich habe einerseits besser Hebräisch lernen wollen, andererseits bin ich in eine Schule gegangen – nur für Frauen –, damit ich alles über das Judentum erfahren, es aber auch kritisch hinterfragen konnte.

 

Wenn jemand Hitler parodiert, dann kann unsere Generation darüber lachen

 

Hast Du in Israel auch ein Stück weit deine Identität gesucht?
Nein, ich wollte und musste mich nicht suchen oder finden. Auch nicht religiös. Ich wollt eine Pause machen und habe in Israel Familie. Israel ist ein Land, in dem du dich durchschlagen, in dem du ellbögeln musst. Es ist der Orient: sehr lebendig, sehr warm. Ich lernte viel, weil ich das erste Mal im Leben auf mich alleine gestellt war. Das fand ich super.

Muss man sich als Jüdin ab und zu für die Politik Israels rechtfertigen?
Ich differenziere immer ganz klar: Jüdisch sein ist eine Religion, das andere ist eine Nationalität. Das verstehen sehr, sehr viele nicht. Viele sagen:  «Aha Du sprichst Hebräisch zuhause und kommst aus Israel». Da muss ich immer ganz klar antworten: «Nein, ich komme nicht von dort. Und ich spreche auch nicht Hebräisch zuhause!» Ja, ich habe eine spezielle Beziehung zu diesem Land, aus historischen Gründen und weil da ein Teil meiner Familie lebt. Sprich: Ja, ich muss mich rechtfertigen. Aber nur weil die Leute eben nicht differenzieren können. Das ist ein Problem.

Wie geht man denn mit der Geschichte um?
Meine Generation ist schon viel weiter als jene meiner Eltern. Das sind halt wirklich oft noch Kinder oder Enkel von Holocaust-Überlebenden. Wir gehen ganz anders damit um. Wenn beispielsweise jemand Hitler parodiert, dann kann unsere Generation darüber lachen.

Was ich aber sehr wichtig finde, ist, dass man weitererzählt und weitergibt, was passiert ist. Es ist ein Teil unserer Geschichte.  Auch ich habe Überlebende gekannt. Es ist wichtig, dass wir uns als jüdische Gesellschaft wehren, wenn es auch nur in eine Richtung wie damals geht. So etwas darf nie wieder passieren. Wichtig ist auch das Wissen, dass man sich wehren darf und sich nicht verstecken muss.

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Was gefällt Dir denn besonders am Judentum?
Der Sabbat aber auch die Feiertage.

Erzähl uns mehr davon.
Der Sabbat geht zwar einher mit Verboten, aber genau diese schätze ich auch. Denn es bedeutet, dass ich am Freitagabend wirklich völlig runterfahre. Kein Autofahren, keine elektronischen Geräte bedienen. Das zwingt mich, offline zu gehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine innere Ruhe. Ich stelle mein Handy ab – das einzige Mal in der Woche. Ich konzentriere mich nur auf meine Familie, auf meine Freunde, aufs Essen und wir gehen gemeinsam in die Synagoge. Dieses Abschalten von dieser ganzen Hektik rund um mich rum finde ich extrem schön und erholsam.

Nie das Bedürfnis kurz Deine E-Mails zu checken oder die Nachrichten zu verfolgen?
Doch, natürlich hab ich manchmal Lust mein Telefon anzumachen. Aber es ist einfach nicht schlimm, wenn ich es nicht tue. Im Gegenteil.

 

Mein Mann isst nicht auswärts, weil es nicht koscher sein könnte. Ich schon.

 

Hinterfragst Du Dinge?
Es gibt viele Sachen, die ich tue, weil man sie tut. Die mich aber auch nicht stören. Aber ich mache nichts, was ich mega schlimm finde. Klar gibt es manchmal Situationen, in denen ich mir denke: «Ach, ist das jetzt wirklich nötig?» Aber nichts Grundsätzliches. Wäre es dies, dann würde ich es nicht tun.

Welche Situationen sind das?
Ich esse in nicht-koscheren Restaurants. Ich weiss zwar, es ist nicht ok, denn es ist nicht koscher. Auch wenn es nur Spaghetti mit Tomatensauce sind, ohne Fleisch. Aber sie sind in einer Küche gekocht worden, die nicht koscher ist. Aber ich habe keine Lust, darauf zu verzichten. Das ist so, so will ich es leben. Da sind mir die religiösen Grundsätze zu wenig wichtig. Es gibt aber auch religiöse Grundsätze, die mir wichtig sind, die ich aber trotzdem nicht so schön finde.

Wie zum Beispiel?
Die Beschneidung meines Sohnes.

Inwiefern?
Das war jetzt wirklich etwas, dass ich nicht toll fand. Ich hab mir gesagt:  «Das mach ich jetzt einfach, weil es dazugehört.» Es ist hygienisch und ich finde es an sich auch nichts Schlimmes. Die Beschneidung findet am 8. Lebenstag statt - kein Mann kann sich daran erinnern. Aber es war für mich als Mutter emotional schwierig. Ich musste raus gehen. Ich wollte mein Baby nicht schreien hören.

 

Meine Kinder sollen sich auch in einem nicht jüdischen Umfeld bewegen. Sie sollen auch mal das «richtige Leben» kennenlernen. Du festigst dabei auch deine jüdische Identität.

 

Wie wachsen Deine Kinder auf?
Sicherlich in einem sehr jüdischen Umfeld. Unser Freundeskreis ist grösstenteils jüdisch. Das ergibt sich so. Du wächst zusammen auf, gehst zusammen in die jüdische Primarschule, in den Jugendbund. Du siehst dich immer. Das sind die engsten Freunde. Diese Bindung bleibt. Das Sozialleben am Sabbat und an den Feiertagen stärkt diese Freundschaften zusätzlich.

Werden deine Kinder in eine jüdische Schule gehen?
Ja. Aber es ist mir auch wichtig, dass sie mit einem nichtjüdischen Umfeld in Berührung kommen. Erstens finde ich, dass sie einmal zu diesem geschützten Rahmen raus sollen, das tut jedem gut. Sie sollen auch mal das «richtige Leben» kennenlernen. Du festigst deine jüdische Identität, wenn du allen erklären musst, warum du das so machst, und warum du das am Samstag eben nicht machst oder eben nicht kommst.

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Habt Ihr Berührungspunkte mit der orthodoxen jüdischen Gemeinde?
Fast nie, wir kommen nur sehr selten zusammen. Ich weiss auch nicht, bis wohin sie mich akzeptieren. Ich habe aber auch kein grosses Interesse daran. Denn es gibt da Dinge, die machen mich auch hässig. Ihre Ansichten, wie sie zum Teil leben. Ich teile das wirklich überhaupt nicht. Sie haben total Angst, vom Einfluss von aussen. Deswegen sind sie auch so. Das ist auch sehr problematisch. Weil viele auch nicht arbeiten. Das finde ich überhaupt nicht gut.

Thema Arbeit. Was machst Du denn beruflich?
Ich war bis vor kurzem  60% in einer Werbeagentur als Beraterin angestellt. Aber ich musste einfach merken, dass es als Mutter in einem Teilzeitpensum in der Werbebranche auf Agenturseite sehr schwierig ist, weiterzukommen. Es war für mich frustrierend. Und ich musste die Reissleine ziehen. Ich habe Ehrgeiz und will weiterkommen. Nur Hausfrau sein, kommt für mich nicht in Frage. Aber trotzdem, oder vielleicht auch aus diesem Grund, habe ich entschieden zu kündigen. Es ist an der Zeit zu suchen, zu überlegen. Was will ich weitermachen? Jetzt gibt es einen Change. Das ist auch eine Chance.

Wohin führt der Weg?
Das ist noch nicht ganz klar. Ich schaue aber auch in die Zukunft, denn mir ist wichtig, dass ich zuhause sein werde, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Das ist etwas, an das ich mich erinnere von früher. Etwas, das ich enorm schätzte: Meine Mutter war immer zuhause, wenn ich von der Schule kam.

 

Wir trennen Fleisch und Milch. Kochen sie nie zusammen. Nicht mal in der gleichen Pfanne. Aber ich bin so aufgewachsen, das ist für mich nicht schwierig

 

Das Essen auf dem Tisch stehen haben?
Auch, ja. Essen ist bei uns sowieso zentral. Aber auch mit einigen Regeln verbunden.

Ihr ernährt Euch koscher. Erzähl uns, was das genau bedeutet.
Einen koscheren Haushalt zu führen – vor allem wenn man so aufgewachsen ist, ist nicht schwierig. Es gibt Regeln, die es zu beachten gilt. Kennt man sie, ist es kein Problem.

Die da wären?
Wir trennen Milch und Fleischprodukte, das ist die Hauptregel. Und das Fleisch muss natürlich koscher sein.Du kochst nichts Milchiges und Fleischiges. Du hast zwei Sets Töpfe und Pfannen und Geschirr. Du darfst auch eine Pfanne nicht abwaschen und sie dann für das andere brauchen. Es geht um die Hitze, die Dinge brennen sich ein. Aber das ist für mich selbstverständlich.

Du verarbeitest also auch nur koschere Lebensmittel. Wo gehst du einkaufen?
In den gängigen Supermärkten können wir, nebst allen Früchten und Gemüse, sehr viele Produkte kaufen. Es gibt eine Koscherliste, in welcher alle koscheren Produkte aufgeführt sind. Zusätzlich gibt es In Zürich zwei Koscherläden und eine Koschermetzgerei. Im Migros finde ich kein koscheres Fleisch und nur sehr wenige spezifische Koscherprodukte.. Aber ich bin so aufgewachsen, das ist für mich nicht schwierig. Es schränkt im Alltag ein bisschen ein, weil ich längere Wege gehen muss um koscheres Fleisch zu bekommen, aber sonst?

Wieso isst man denn koscher?
Weil es so in der Tora steht. Koscher ist nicht begründet. Das ist eine Sache, die ist einfach so. Sie gehört für mich mit zu meiner Religion. Seit ich denken kann, betreibe ich das so.

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Was ist wenn Deine Kinder an einen nichtjüdischen Geburtstag eingeladen werden und es gibt Hotdogs und Kuchen?
Ich würde der Mutter sagen, dass wir koscher essen. Und meine Kinder kein Fleisch und keine Meeresfrüchte essen sollen. Aber ich bin nicht so streng, dass ich meinen Kindern sage, dass sie das nicht essen dürfen.  Mit der Zeit bringe ich meine Werte auch meinen Kindern bei und es wird für sie dann auch völlig normal.

Du hast es als Kind also nie als komisch empfunden?
Nein, ich glaube nicht. Ich kann mich an keine traumatischen Erlebnisse erinnern. Es gibt aber natürlich die Teenager, die dann auch mal was ausprobieren. Ich war nicht so. Meine Eltern haben mich aber nie zu etwas gezwungen. Und das ist auch uns extrem wichtig. Beispielsweise in die Synagoge zu gehen

Dein Sohn trägt die Kippa.
Ja. Aber es soll natürlich sein - wir leben ihm das vor. Er soll nie das Gefühl haben, er müsse das, denn das kann ja auch schief gehen. Er soll es gern machen. Unsere Eltern haben uns das so vorgelebt, wir leben es unseren Kindern vor. Da schliesst sich der Kreis und ich komme wieder aufs Thema «jüdischen Mann heiraten» zurück: Ich habe meine Kindheit als so schön empfunden, so will ich es auch für meine Kinder haben. Das ist viel wichtiger, als alles andere. Traditionen und Werte vorleben, die toll sind, die gut sind für den Alltag. Auch wenn sie manchmal ein bisschen kompliziert sind, mich einschränken und mich herausfordern. Die guten Seiten überwiegen.