Suche

Tadah

Gianna Meisel: schwanger und ein bisschen gaga.

Wenn es etwas gibt, das Gianna hasst, dann sind es Klischees. Vor allem, wenn es um Schwangere geht. Trotzdem: Ab und zu ist auch sie ganz typisch schwanger und versucht dabei, sich keine Vorstellungen über die Geburt ihres Sohnes zu machen.

Bilder von Rafael Ibanez / rafael-ibanez.com

307G1152

Gianna Meisel lebt mit ihrem Mann Oli in Basel. Sie ist Leiterin Kommunikation bei einem Unternehmen in der Gesundheitsbranche und zum Zeitpunkt unseres Interviews im 9. Monat schwanger. Sie erwartet einen Jungen.

Noch vier Wochen bis zum Baby. Seid Ihr parat?
Jein. Ich weiss nicht. Einiges ist bereit, einiges auch nicht. Kann man darauf vorbereitet sein?

Habt Ihr zum Beispiel schon einen Namen?
Dazu ein klares Nein. Es ist schwierig, eine schwierige Phase.

Eine „wir-sind-uns-uneinig“-Phase oder eine „er-wird-nie-einen-Namen-haben“-Phase?
Ich glaube, bei einem Mädchen wären wir uns schnell einig gewesen. Wir hätten einen Namen gefunden, den wir beide schön finden. Aber bei einem Jungen ist es kompliziert. Ich finde keine Bubennamen schön. Wir wollen einen Namen, der zwar nicht alltäglich ist aber auch nicht zu konstruiert. Er soll zum Nachnamen passen. Und zu uns.

Gibt es denn Favoriten?
Es gibt einen Namen, der mir sehr gefällt. Aber Oli gar nicht. Er sagt, dass sei der Name eines Bubens, der auf dem Pausenhof ausgelacht wird. Das würde einfach nicht gehen.
Und dann haben wir einen Namen, den findet Oli mega schön und ich finde ihn – naja,  sagen wir: ok. Ich bin mir einfach unsicher. Ich muss doch auch erst dieses Baby sehen und schauen, wie er aussieht, ob das zu ihm passt. Ist er ein kleiner feiner Bub oder eher ein Mocke? Passen die Emotionen zum Namen?

Ok, also noch kein Name. Babyzimmer?
Auch da: leider nein. Das macht mich nervös und ich muss da wirklich anfangen mit dem Babyzimmer. Ich habe kaum Bücher zur Schwangerschaft gelesen, um mich vorzubereiten. Ich habe mir hingegen einen Newsletter abonniert und immer gemacht, was der mir sagte. Aber jetzt bin ich zu spät, denn plötzlich stand da: Ihr Babyzimmer ist nun eingerichtet. Und ich dachte bloss: äh, was? Nein! Du hast mir nie gesagt: Jetzt musst du XY kaufen und Z tun, damit das Zimmer fertig wird.

307G0929
307G0941
307G1202

Macht Dich das nervös?
Ich habe Mühe, wenn man mich in Klischees drückt. Und wenn ich  mit Freundinnen spreche, denke ich oftmals, wir lesen einfach viel zu viel in schlauen Ratgebern. Ich versuche möglichst unbefangen an das Ganze ranzugehen, auch wenn das definitiv nicht immer ganz einfach ist.

Auch an die Geburt?
Nicht ganz. Ich gehe in einen Geburtsvorbereitungskurs. Ich habe mir gedacht: Das musst du machen, das hilft dir vielleicht. Und ich finde es wirklich gut. Wir sind alles ähnliche Frauen – Frauen, die noch arbeiten, die die Schwangerschaft relativ locker nehmen. Klar habe ich immer wieder vor gewissen Dingen Angst. Oder es gibt Dinge, da weiss ich, die finde ich mega unangenehm.

Was denn zum Beispiel?
Diese ganzen unappetitlichen Sachen. Bei den Schmerzen habe ich das Gefühl, das wird schon irgendwie gehen. Aber Angst habe ich vor diesem Ausgeliefertsein. Ich bin ein Kontroll-Freak. So bin ich auch im Job: Ich plane, bestimme, mache Strategien. Und ich weiss, das kann ich für die Geburt nicht tun. Denn da weiss ich nicht, was mit meinem Körper passieren wird, oder wie ich reagieren werde. Auch auf Oli zum Beispiel.

Wird er dabei sein?
Oli und ich sind schon seit immer und ewig zusammen, quasi seit Teenagerzeiten. Wir kennen uns dadurch sehr, sehr gut. Trotzdem weiss ich ehrlich nicht, ob ich ihn ertragen werde. Im Kurs sagen sie: Eure Männer können Euch aus diesem Kreis der Schmerzen herausholen. Das bezweifle ich derzeit noch.

Er ist also nicht dabei?
Doch, er ist dabei, so ist es geplant. Vielleicht fällt er ja auch um.
Ich bin eine biestige Person – gross Unterstützung werde ich nicht annehmen können – zumal ich ihm ja auch immer gerne die Schuld gebe.

307G0930
307G0925
307G0916
307G0949

Wie stellst Du Dir Deine Geburt vor?
Viele fragen, ob ich eine natürliche Geburt will. Ich weiss es ehrlichgesagt doch aber gar nicht. Ja klar, wenn das alles klappt, dann ist es super. Dann trink ich nachher aber auch gleich ein Glas Champagner. Aber wenn es nicht geht, dann knallt mir das Zeug rein, dass ihr mir reinknallen müsst. Am Schluss ist es wichtig, dass das Baby und ich gesund aus diesem Ding rauskommen. Es ist ein Abenteuer und ich mag mich nicht final damit auseinandersetzen. Ich lasse es auf mich zukommen.

Gewisse Vorstellungen wirst Du doch aber haben?
Klar. Diese Leute, die immer so früh ins Spital gehen, die haben immer so lange Geburten. Wir machen das dann anders und bleiben so lange wie möglich zuhause. Wir laufen da auch hin, es ist ja nur über die Brücke.

Ich wehre mich auch hier, die klassische Schwangere zu sein. Ich mach das dann am Tag X total cool. Ich bleibe zuhause und sage: Die Wehen gehen so und so lange, es geht jetzt noch vier Stunden. Oli ist da total realistisch und sagt: «Gianna, wenn du das erste Mal schreist, geht es fünf Minuten und wir sind zwei Tage zu früh dort und sie schicken uns wieder nach Hause».

Wie war denn Deine Schwangerschaft bis jetzt?
Super! Ich hatte wirklich Glück. Ich hatte lediglich sehr wenig Energie – von Anfang an. Die Schwangerschaft hat mir wirklich Kraft entzogen. Ich habe nicht gewusst, dass man so schwach sein kann. Ich kam abends nach Hause, lag aufs Sofa und bin eingeschlafen. Auch im Büro musste ich mich zusammenreissen. Manchmal wollte ich sogar auf die Toilette, um einen Powernap zu machen. Oder ich habe mir ein Sitzungszimmer reserviert, um mich ein wenig hinzusetzen. Weil ich einfach so müde war.

War Dir schlecht?
Kein einziges Mal. Ich hatte von all den körperlichen Beschwerden, die andere Frauen während einer Schwangerschaft haben, einfach nichts. In der Frühschwangerschaft hatte ich eine leichte Blutung. Das war natürlich ein grosser Stress - auch, weil ich vor einem Jahr eine Fehlgeburt hatte. Das war wirklich schwierig. Die ersten drei Monate hatte ich deswegen auch permanent das Gefühl: Jetzt passiert wieder etwas. Ab der 12. Woche, nach der du einigermassen safe bist, war es super.

Keine Unsicherheiten, keine Ängste? Erzähl uns, wie Du das gemacht hast!
Also ganz entspannt war ich bei der Frauenärztin nie. Ich war vor den Terminen immer nervös. Ich erinnere mich gut, dass man auf den ersten Ultraschallbildern zum Beispiel nur immer die Arme sah. Und irgendwann hab ich mich gefragt: Hat unser Baby Beine? Muss ich jetzt meine Ärztin anrufen und sie fragen, ob sie mir gesagt hätte, wenn sie keine Beine gesehen hätte? Total gaga.

Also total normal.
Man wird einfach ein bisschen so, ja. Aber wie gesagt, ich hasse diese Schwangerschaftsklischees. Und ich habe mich auch sehr dagegen gewehrt. Ich bin in einer einzigen Schwangerschaftsyogastunde gewesen, habe all diese Frauen mit ihren dicken Bäuchen gesehen und kam mir vor, als dürften die Menschen nur noch geteilt existieren. Als dürften nur noch Weisse zusammen und Schwarze zusammen. Kleine und Grosse, Schwangere und Nichtschwangere. Am liebsten wär ich gleich wieder rausgelaufen. Ich habe die Stunde fertiggemacht und bin dann wieder in meine normale Yogalektion.

307G1181
307G0915
307G0918

Arbeitest Du noch?
Ich bin jetzt 50% krankgeschrieben. Es geht noch vier Wochen. Sitzen wird schwierig, der Rücken tut weh. Und ich habe auch gemerkt, dass ich einfach noch ein bisschen Zeit für mich brauche. Es war aber relativ schwierig, mich krankschreiben zu lassen. Meine Frauenärztin hat mir das empfohlen und ich habe erst nein gesagt. Dann kam ich nach Hause und habe gemerkt, es funktioniert nicht - sie hatte Recht.

Hattest Du ein schlechtes Gewissen gegenüber deinem Arbeitgeber?
Nein, aber ich habe Ende letzten Jahres ein Team übernommen und bin befördert worden. Ich habe sehr darauf hingearbeitet, da es mir wichtig war, meine Karriereschritte zu machen. Der Zeitpunkt war aber schwierig: Die Verantwortung für dieses Team war schon ein grosser Rollenwechsel, der mich verändert hat. Und gleichzeitig noch die Schwangerschaft, die ja auch wieder dein Wertesystem verändert. Ich habe mich sehr gefreut – über beides. Aber trotzdem war es belastend. Es waren zwei Situationen, an denen du reifst und dich herausfordern. Für beides bräuchtest du 150% Kraft und Konzentration.

Du warst schwanger bei Deiner Beförderung?
Es ist alles parallel geschehen. Ich habe als Freelancer gearbeitet, als mir eine Festanstellung mit Aussicht auf diese Beförderung angeboten wurde. Da war ich noch nicht schwanger. Bis der Vertrag final stand, ging es eine Weile. Und da war ich dann schwanger. Ich habe es der Geschäftsleitung sofort mitgeteilt. Viele sagten mir, ich solle nichts sagen, Männer würden das auch nie tun. Aber ich habe gemerkt, es stimmt für mich überhaupt nicht. Ich fände es sehr unfair. Und gleichzeitig hab ich auch gewusst: Wenn sie sagen würden, dass ich in dem Fall diesen Vertrag nicht bekomme, dann würde ich da auch gar nicht arbeiten wollen. Natürlich gab es keine Jubelstürme, aber meine Chefin hat auch zwei Kinder und arbeitet 80%. Sie hat mich sehr unterstützt.

Gehst Du zurück in Deinen Job?
Ja, 80%, nach sechs  Monaten. Das ist die Traumvorstellung, ob das dann funktioniert, weiss ich noch nicht. Auch das lasse ich wieder auf mich zukommen. Es kann ein sehr einfaches Kind sein, es kann aber auch ein sehr schwieriges Kind sein. Wer weiss das schon.