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Geraldine Gianotti: als Doula eine Freundin auf Zeit.

Unter dem Motto «Mothering the Mother» begleitet Geraldine als Doula Frauen auf dem Weg zu ihrem Baby. Im Tadah-Interview erzählt sie vom Unterschied zwischen Schmerzen und Leiden, der Wichtigkeit einer selbstbestimmten Geburt und erklärt, wie sie vier Wochen Pikett-Dienst anbieten kann – trotz zwei Kleinkindern zuhause.

Bilder von Dominic Wenger

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Geraldine Gianotti ist selbstständige Doula und bietet Geburtsbegleitungen und mentale Geburtsvorbereitungskurse an. Sie wohnt mit ihren beiden Kindern Matilda (5) und Finn (3) in Zürich.
geburt-ohne-angst.ch

TadahDu bist Doula. Was genau ist das?
Eine Doula ist eine Frau, die selbst geboren hat und Frauen während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett begleitet. Sie ist also eine Ergänzung zur bestehenden Geburtshilfe. Wir spannen den Bogen – wir sind von Anfang bis Schluss dabei. Wir übernehmen dabei aber keine medizinische Funktion, das ist der grosse Unterschied zu einer Hebamme – und auch der Punkt, der oft ein wenig missverstanden wird. Wir sind für alles andere da. Der Kernpunkt für mich ist, dass wir mit Informationen, emotionaler Unterstützung und mit allem, was wir weitergeben können, der Frau zur Seite stehen – die ganze Zeit. Nach dem Prinzip Mothering the Mother, oder Freundin auf Zeit. Der Fokus ist sehr ganzheitlich.

Wenn ich also eine Doula habe, habe ich auch eine Hebamme?
Genau. Wir ersetzen weder eine Hebamme noch einen Arzt.

Eure Arbeit fängt aber schon vor der Geburt an?
Das Grundprogramm beinhaltet, nach dem ersten Kennenlerngespräch, zwei Treffen vor der Geburt, die ganze Geburt und zwei Treffen während des Wochenbetts. Zwei Wochen vor und zwei Wochen nach errechnetem Geburtstermin sind wir auf Pikett und 24 Stunden erreich- und abrufbar.

Du hast zwei Kinder und bist vier Wochen auf Pikett. Wenn eine Geburt losgeht, musst Du sofort los. Wie geht das?
Ich habe eine Whats-App-Gruppe mit Nachbarn, Bekannten und Verwandten. Wenn ich gerufen werde, geht da eine Nachricht raus: «Wer hat Zeit?». Und so werden dann die Kinder versorgt. Das hat zum Glück bis jetzt immer sehr gut geklappt. Die letzte Geburt war der absolute Traum – der Anruf kam am Sonntagnachmittag, morgens um drei war ich wieder zuhause. Aber das weisst du halt nie. Die Pikett-Zeit ist wirklich heavy. Ich kann dann auch nicht weit weg. Denn wenn der Anruf kommt, dann muss ich nach Hause, meine Doula-Sachen holen und los. Ich entferne mich also nicht mehr weiter weg von zuhause als eine halbe Stunde. Und es ist vor allem im Kopf anstrengend, wenn du weisst: Es kann jede Minute losgehen. Ich bin angewiesen auf gute Leute, die mir helfen. Ohne sie würde es nicht gehen.

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Wieso bist Du Doula geworden?
Ich wollte schon immer Hebamme werden – quasi seit ich weiss, wie Babys zur Welt kommen. Zu Weihnachten habe ich mir immer Bücher zum Thema gewünscht und ich habe meine Klassenfreunde mit Geburtsfotos traumatisiert. Diese enorme Faszination begleitet mich also schon sehr lange. Nach der Matur habe ich dann eine Studienberatung gemacht, die auf Physiognomie beruhte. Die haben mir – wohlgemerkt aufgrund meiner Erscheinung – gesagt, der Hebammenberuf sei für mich nicht geeignet, ich müsse in die Kommunikation. Ich war 18 und unsicher – und ging zur Uni. Es war ein riesen Krampf. Ich hatte zwar immer super Noten, aber ich war blockiert, denn es interessierte mich nicht und ich wusste, dass ich niemals auf seinem solchen Beruf arbeiten will.

Dann kam Matilda zur Welt. Hast Du mit einer Doula geboren?
Ich bin nach meinem Studium zu meinem Freund nach England gezogen und wurde schwanger. Matilda kam in Brighton zur Welt. In England sind Doulas zwar schon viel bekannter als hier in der Schweiz, aber ich war überzeugt, dass ich eine Geburt auch alleine schaffe – es kam dann anders. Die Geburt war extrem lange und anstrengend.

Wie ist es, in einem fremden Land schwanger zu sein und zu gebären?
Die Betreuung in England ist ganz anders. Es ist alles Hebammen-betreut. Das heisst, du hast nur zwei Ultraschall-Untersuche beim Arzt, einen in der 12. einen in der 20. Woche. Das war etwas, das ich extrem schlimm fand. Ich wusste ja, dass in der Schweiz bereits in der 7. oder 8. Woche geschallt wird und man so erfährt, ob es dem Kind gut geht. Und ich musste bis zur 12. warten. Ich empfand es aber trotzdem als sehr positiv. Die Hebammen waren super und ich fühlte mich gut betreut. Es hat mir auch gezeigt, dass wir es mit Vorsorge manchmal gar etwas übertreiben. Die Geburt ist dann auch nur Hebammen-betreut und sie sind sehr auf eine natürliche Geburt ausgerichtet. Es wird weniger schnell eingegriffen, was vielleicht aber auch Kostengründe hat. Zudem wird ambulant geboren, das heisst sechs Stunden nachdem das Baby auf der Welt ist, wirst du wieder nach Hause geschickt.

 

Ich bin Vollzeit-Mami – das wollte ich immer sein und das stimmt für mich so.

 

Das tönt anstrengend.
Jein. Ich wusste, dass es so ist – und es war völlig ok. Und dann war es halt wie wohl bei jedem Mami, das die erste Nacht mit ihrem Baby zuhause ist. Du denkst dir: «Meine Güte» und bist gleichzeitig glückselig. Ich habe aber schon immer Kinder gewollt, für mich war das komplett erfüllend.

Zwei Jahre später ist Finn geboren.
Genau. Der Vater der Kinder ist Tätowierer und die finanzielle Situation in Brighton war etwas schwierig. Er hat hier in der Schweiz einen Job gefunden und wir sind zurückgekommen. Für die Geburt meines zweiten Kindes hiess das natürlich ein ganz neues Setting. Ich hatte ein wenig  Mühe, aber wohl einfach, weil ich es anders kannte. Finn kam aber auch ohne Doula. Hingegen ging es viel einfacher als bei Matilda.

Du wirkst sehr tiefenentspannt. Stress Dich das Mami-sein nie?
Als Matilda ein Baby war, war ich der glücklichste Mensch auf Erden. Ich liebe Babys und es war genau so, wie ich es immer gewollt hatte. Als sie zwei wurde, begann es anstrengender zu werden. Sie hat mich sehr gefordert, denn sie war damals ein sehr dramatisches Kind: die falsche Farbe Unterhosen konnte da schon mal zur Hysterie führen. Bei Finn war es dann der Schlafmangel, der mich mitgenommen hat. Er hat uns teilweise monatelang alle 20 bis 60 Minuten geweckt. Da kam ich körperlich wirklich an meine Grenzen. Aber ich bin ein sehr geduldiges Mami. Und ich bin es von Herzen gerne. Für mich war auch schon immer klar, dass ich meine Kinder nicht fremdbetreuen lassen möchte. Ich bin quasi Vollzeit-Mami – das wollte ich immer sein und das stimmt für mich so.

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Trotzdem hast Du die Ausbildung zur Doula gemacht.
Eine Ausbildung zur Hebamme kam nicht in Frage, das sind drei Jahre Vollzeitstudium und ein Jahr Praktikum. Der Doula-Lehrgang dauert hingegen neun Monate und war die perfekte Alternative. Die Ausbildung setzt sich aus Selbststudium, Präsenzunterricht und Praktikas zusammen. Wenn ich weg war, waren meist die Grosseltern aus England hier – das war ideal.

Dann warst Du also Doula. Wie kommt man dann zu Kunden, also werdenden Müttern?
Es ist schwierig. Einerseits, weil die Doulas in der Schweiz noch nicht so bekannt sind. Andererseits, weil ich schlicht und einfach manchmal nicht weiss, wo ich Werbung machen soll. Während der Ausbildung habe ich mich mit zwei Mitstudentinnen zusammengeschlossen und wir machen gemeinsam die Öffentlichkeitsarbeit. Wir konnten in einem Spital jeweils zum Infoabend für werdende Eltern das Prinzip der Doula erklären. Das war super, ist aber leider per Ende 2018 ausgelaufen. Wir sind in Verhandlungen mit einem neuen Spital, mal schauen, ob sich wieder etwas ergibt. Ansonsten gibt es den Schweizerischen Doula-Verband, der auf seiner Webseite ein Verzeichnis führt. Oder aber die Leute kommen über meine eigene Webseite. Ich habe das Glück, dass bei mir immer wieder etwas reinkommt. Aber es wäre natürlich schön, wenn es viel bekannter werden würde.

 

Eine Geburt findet meist in einem medizinischen Raum statt, ist aber kein medizinisches Ereignis.

 

Du bietest auch Geburtsvorbereitungskurse an. Worum geht es da?
Mein Approach ist, dass wir gemeinsam herausfinden, was sich die Frau für eine Geburt vorstellt. So dass wir wissen, auf was wir hinarbeiten und was wir tun müssen, um dahin zu kommen. Je nach Paar passiert das über Informationen rein physiologischer Natur oder auch über Infos rund um die Spitalroutine. Hier geht es darum zu erklären, wo die Freiräume eines Paares sind – auch im Krankenhaus. Es soll also eine Vorbereitung sein, die die Wunschgeburt ermöglicht. Die Themen sind aber sehr individuell. Es kommt auch auf die Ängste der Frau an. Und jede Frau hat eine andere Vorstellung, wie eine Geburt aussehen soll. Es ist zudem wichtig, dass man dem Paar eine gewisse Macht gibt. Ihm also sagt, dass es durchaus sagen darf, wenn etwas nicht passt. Eine Geburt findet meist in einem medizinischen Raum statt, ist aber kein medizinisches Ereignis – wenn alles glatt läuft.

Was kannst Du da als Doula beitragen?
Es ist eine grosse Aufgabe einer Doula, ein Puffer zu sein und gewisse Situationen während der Geburt abfangen zu können. Wir kennen die Frau, ihre Bedürfnisse und Wünsche und unsere Aufgabe ist es auch, während einer Geburt dazwischenstehen zu können und gewisse Situationen zu vermeiden, um so die Aufmerksamkeit der Frau auch wieder auf das Positive zu lenken.

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Du gibst auch Hypnobirthing-Kurse. Hand aufs Herz: Funktioniert das wirklich?
Ja. Ich bin für mich selbst der beste Beweis. Ich hatte bei Matilda eine 27-Stunden-Geburt inklusive PDA – es war unerträglich. Und bei Finn hatte ich, weil ich mich mit Hypnobirthing vorbereitet habe, bis zu den Presswehen nicht das Gefühl, das ich am Gebären sei.

Das ist so schwer vorstellbar.
Ich nenne meinen Kurs mentale Geburtsvorbereitung. Darin enthalten sind feste Elemente wie das Kennenlernen und Anwenden der mentalen Gesetzmässigkeiten, Entspannungs- und Atemsübungen und das Erlernen der Techniken des Hypnobirthing. Es geht zudem darum dem Paar das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit in Bezug auf die Geburt mit auf den Weg zu geben und Ängste abzubauen. Und vor allem auch, die Physiologie der Geburt zu verstehen, also zu verstehen, was im Körper abgeht. Was passiert, bei einer Wehe und wie kann ich ihr entgegenwirken? Ich hinterfrage auch den Geburtsschmerz, denn er ist etwas sehr Diffuses. Ich sage aber nicht, dass man schmerzfrei Gebären kann. Das ist ein falsches Versprechen, das zu Enttäuschung führt – und das will ich vermeiden. Es hat eine starke psychologische Komponente. Wie kann jemand mit Schmerz umgehen? Was ist die gesellschaftliche Auffassung vom Geburtsschmerz und was die rein physiologische? Wenn man das alles auflöst, entstehen spannende Fragen.

 

Was ist Schmerz und was ist Druck? Wo ist es Schmerz und wo ist es Leiden? Man versucht Grenzen zu ziehen.

 

Zum Beispiel?
Was ist Schmerz und was ist Druck? Wo ist es Schmerz und wo ist es Leiden? Man versucht Grenzen zu ziehen. Und es noch weiter zu hinterfragen. Bei uns herrscht diese Vorstellung: Geburt = Schmerz. Dies ist aber in der Literatur und Geschichte erst seit der Erbsünde so verbreitet. Vorher stand das nie im Zusammenhang. Ich versuche also, viel neutraler an das Thema zu gehen.

Die Hormone spielen doch aber auch eine Rolle, oder?
Die hormonelle Ebene ist entscheidend. Der Körper löst das nämlich eigentlich wunderbar. Sobald aber Angst und Anspannung reinkommt, hemmt das die Endorphin-Produktion. Die körpereigenen Schmerzmittel werden also nicht mehr im selben Masse ausgeschüttet. Wenn ich also angstfrei und entspannt in eine Geburt gehen kann, dann ist schon sehr viel gemacht. Genau da soll eine Doula ja auch helfen. Es ist eine vertraute Person, die durchgehend da ist. Wir gehen nicht aus dem Gebärsaal und kommen unter Umständen erst eine Stunde später zurück. Wir geben er Gebärenden und dem Partner Halt, wir sind ein Stück Geborgenheit und Ruhe.

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Frauen, die von einer Doula begleitet werden, haben aber ja nicht nur total einfach Geburten.
Nein, natürlich nicht. Es gibt aber Studien, die belegen, dass von einer Doula begleitete Geburten  zu 60% weniger PDAs und 50% weniger Kaiserschnitten führen und zudem zu 25% kürzer sind. Aber es gibt immer Geburten, die Komplikationen mit sich bringen. Mir ist es sehr wichtig, dass ich die Frau auch gut auf eine solche Situation vorbereite. Wir arbeiten auf etwas hin, aber es soll keine Enttäuschung sein, wenn es anders kommt. Denn auch das Baby hat ein Wörtchen mitzureden. Und wenn sich ein Baby in einer Nabelschnur verwickelt hat und diese nicht genug lang ist für den Weg nach unten – dann ist es so.

 

Das Schlimmste während einer Geburt ist ein Kontrollverlust.

 

Wie reagierst Du dann?
Gerade bei meiner letzten Geburt, die ich begleitete, war es so. Eine wunderbare Geburt, die Mutter hat es super gemacht und am Schluss wollte das Baby einfach nicht ins Becken eintreten. Es hat in einem Kaiserschnitt geendet. Meine Aufgabe ist, dass ich ihr dann nochmals erkläre, wieso jetzt was passiert und ihr auch den Raum schaffe, den sie braucht, damit sich sie sich nicht übergangen oder überrumpelt fühlt. Dass sie sich an die neue Situation gewöhnen kann und sich selbst aktiv dafür entscheidet. Und so war es auch.

Wieso ist das so wichtig?
Das Schlimmste während einer Geburt ist ein Kontrollverlust. Dass die Frau nicht mehr weiss, was mit ihr passiert und warum. Dann kommen extrem negative Gefühle auf. Als Doula kann ich das abfangen. Denn auch bei Notfallkaiserschnitten hat man meistens noch fünf Minuten Zeit. Ausser es ist wirklich einer dieser Kaiserschnitte, die sie noch im Gebärsaal durchführen – da hat dann klar niemand mehr etwas zu sagen. Aber bei normalen Notfallkaiserschnitten hat man die Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen.

Das ist aber eine extrem herausfordernde Situation, oder?
Ist es. Aber ich bin mir sehr sicher, in dem was ich tue. Es ist meine Leidenschaft. Jedes Mal wenn ich in einem Gebärsaal stehe, weiss ich, dass ich nirgends anders hingehöre als genau hier hin.

 

Bei meiner ersten Geburt als Doula hasste mich die Ärztin. Sie hat mir auch beim Rausgehen gesagt: «Doulas braucht es nicht».

 

Wie reagiert das medizinische Personal auf Dich?
Es kommt sehr darauf an, wo ich eine Geburt begleite. Bei meiner ersten Geburt als Doula mochte mich die Ärztin gar nicht. Sie hat mir auch beim Rausgehen gesagt: «Doulas braucht es nicht».

Was hast Du gesagt?
Ich nehme das gelassen zur Kenntnis. Schlussendlich ist es doch so, dass mich die gebärende Frau da haben wollte. Und dann hat doch niemand das Recht, das zu hinterfragen. Es ist bei einigen vielleicht auch eine gewisse Eifersucht, die mitspielt. Die Angst, dass wir ihnen was wegnehmen. Aber das ist überhaupt nicht unsere Absicht. Bis auf diese eine Geburt hatte ich immer viel Glück. Ich durfte stets mit sehr tollen Hebammen zusammenarbeiten von denen ich auch immer wieder viel lernen kann. Und die es auch geschätzt haben, dass ich die Frau besser kenne oder dass ich da bin, wenn sie raus müssen. Es ist für die Hebamme ja auch nicht schön, wenn sie eine gebärende Frau verlassen muss, weil nebendran noch andere liegen und die ganze Administration auch gemacht werden muss.

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Wir sprechen bei einer Geburt immer nur von der Frau und dem Kind. Wie ist eine Geburt eigentlich für einen Vater?
Ich finde es sehr wichtig, dass es auch für ihn ein schönes Ereignis ist. Es ist ja schliesslich auch sein Kind, das zur Welt kommt. Es wird unglaublich viel von den Männern erwartet. Mit praktisch null Vorbereitung und Vorwissen verlangt man von ihnen, dass sie diese Situation komplett easy handeln, der Fels in der Brandung sind und alles managen. Das geht nicht. Auch dem wollen wir entgegenwirken. Als Doulas entlasten wir den Mann und stehen ihm zur Seite. Ich bespreche mit ihm deswegen auch immer die Rollenverteilung. Gewisse wissen genau, dass sie für die Massagen zuständig sein möchten, andere wiederum möchten lieber nur dafür sorgen, dass die Frau immer etwas zu trinken hat.

Gab es Situationen, in denen Du an Deine Grenzen gestossen bist?
Bis jetzt kam ich noch nie in eine solche Situation. Das was mich fast am meisten aus dem Konzept bringt, sind Frauen, die sich übergeben. Der Rest – Blut, Dammschnitte etc. – das macht mir nichts aus. Es ist massgebend, dass die Doula die Geburtssituation aushält – so wie sie ist. Viele Männer und auch die Medizin wollen oft helfen, verkürzen oder lindern. Es hilft der Frau, den Prozess zu akzeptieren, wenn jemand ihn als normal und gut betrachtet. Und es ist eben auch sehr wichtig, dass wir als Doula in schwierigen Situationen da sind. Ich würde zum Beispiel auch Totgeburten begleiten. Es ist dann ja auch – oder noch viel mehr – wichtig, dass die Frau begleitet wird. Dass wir dann da sind. Klar ist das auch für uns schwierig und es braucht auch Verarbeitungszeit.

Welches sind die schönsten Momente?
Der Moment, wenn ein Mensch auf die Welt kommt, ist unbeschreiblich. Ich bin jedes Mal zu Tränen gerührt. Das Paar, das Eltern wird, ist mir ja auch nicht mehr fremd und ich freue mich mit ihnen unglaublich auf dieses Kind. Wenn es dann da ist: unbeschreiblich. Es fällt alles von einem ab.

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Du verrechnest Deine Leistungen in einem Pauschalpreis. Rechnet sich das?
Der Doula-Lohn ist, wenn man das auf die Stunden runterbricht, eh schon relativ tief. Zudem haben wir auf unseren Stundenlohn wenig Einfluss – eine Geburt dauert, so lang wie eine Geburt eben dauert. Unsere Preise werden heiss diskutiert unter den Doulas. Der Mindestpreis liegt bei 800 Franken. Ich bin bei 950. Denn auch wenn ich noch nicht so lange Doula bin, finde ich, dass wir uns einen Preis geben sollen, der auch unseren Wert zeigt. Wir liefern eine wichtige Leistung. Es ist nicht egal, wie wir geboren werden und es ist auch nicht egal, wie wir gebären. Das prägt unser ganzes Leben. Es ist also extrem wichtig, dass es ein positives Ereignis ist. Und dass die Frauen nicht traumatisiert sind und lange daran nagen, obwohl sie eigentlich ein Baby zuhause haben, dass ihre ganze Aufmerksamkeit benötigt.

 

Einer Doula kann man auch die Fragen stellen, die man sich sonst nicht zu stellen traut, weil man dann denkt: «Oh mein Gott, die denken, ich bin nicht ganz dicht».

 

Kann man als Doula denn eine postnatale Depression abwenden?
Jein. Es kann jedem passieren, aber es ist auch erwiesen, dass Doula-Geburten eine geringere Rate an postnatalen Despressionen aufweisen. Das hat viel damit zu tun, dass man sich als Frau unterstützt und nicht allein fühlt. Dass jemand da ist, dem man eben auch die Fragen stellen kann, die man sich vielleicht beim Arzt und der Hebamme nicht zu stellen traut, weil man dann denkt: «Oh mein Gott, die denken, ich bin nicht ganz dicht». Es ist dann aber auch wichtig, dass wir die Situation richtig einschätzen und merken, wann wir zusätzliche Hilfe holen müssen.

Was sind Deine Ziele als Doula?
Ich möchte weiterhin meine Geburtsbegleitungen machen und die Kurse weiter ausbauen. Wahnsinnig viel Kapazität habe ich momentan aber noch nicht. Doch Ziele habe ich durchaus. Ich möchte, dass das Konzept der Doula bekannter wird und somit dafür sorgen, dass mehr Frauen bessere Geburten haben. Längerfristig würde ich sehr gerne Fonds schaffen, so dass auch Frauen aus weniger privilegierten Schichten sich eine Doula leisten können. Oder ich würde gerne mit Flüchtlingsfrauen arbeiten – damit jemand mit ihnen im Spital ist, wenn sie gebären und sei es nur, um eine Rolle in der Kommunikation zu übernehmen. Ich würde zudem auch gerne in Richtung Teenager gehen – und diese bei ihren Geburten und oft ungewollten Schwangerschaften unterstützen.

Bist Du glücklicher, weil dich das Glück des Neugeborenen umgibt?
Bin ich. Aber es ist nicht vom Aspekt des Glücks der Geburt abhängig, sondern vom Fakt, dass ich das mache, was ich mir mein Leben lang gewünscht habe. Ich bin da, wo ich schon immer sein wollte.

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Betreuungssituation:
Geraldine ist Vollzeit-Mami. Ihre Kinder werden nur an einem Nachmittag von ihrer Mutter betreut. Wenn sie Einsätze als Doula hat, helfen Familie, Freunde und Verwandte aus.