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Eva Monteneri: über müde Eltern, Mental Load und Selbständigkeit.

Eva strahlt eine Ruhe aus, wenn man sie trifft. Genau das ist wohl auch einer der Faktoren, weshalb sich Eltern gern von ihr beraten lassen. «Alles kommt gut», denkt man dann. Und das tut es dann auch. Wir haben mit Eva über Familienbegleitung gesprochen. Und darüber, dass die Natur eigentlich nicht vorsah, dass sich ausschliesslich ein oder zwei Erwachsene um ein oder zwei Kinder kümmern. Geschweige denn gleichzeitig einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

 


Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit unseren Partnern von


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Eva Monteneri lebt gemeinsam mit ihrem Mann Gianpaolo und ihren zwei Töchtern Roberta (9) und Matilda (7) in Zürich. Eva ist Gründerin einer Praxis für Elternbegleitung.
stelline-beratung.ch

Tadah: Wer war Eva, bevor sie Mutter wurde und sich auch ihr Beruf ums Kinder- und Elternwohl drehte?
Ich hatte immer mit Kindern zu tun. Als diplomierte Pflegefachfrau habe ich viele Jahre in verschiedenen Kinderspitälern gearbeitet. Die prägendste und längste Zeit davon, nämlich 12 Jahre, war ich auf der Intensivstation des Kinderspitals Zürich. Das Arbeiten mit kritisch kranken Kindern habe ich sehr erfüllend erlebt.

Weshalb dann ein Wechsel?
Nach der Geburt meiner zweiten Tochter habe ich gespürt, dass sich die Belastung durch den Schichtdienst, die Arbeit an den Wochenenden und die psychische Belastung der Kinderintensivstation nur schwer mit dem eigenen Familienleben in Einklang bringen lässt.

Das klassische Vereinbarkeitsproblem also?
Das kann man so sagen, ja. Eine Neuorientierung war nötig, und ich hatte den Wunsch, meinen Arbeitsschwerpunkt auf die Begleitung gesunder Kinder zu setzen. Ich habe somit nicht meinen Beruf gewechselt, aber den Schwerpunkt.

Hierfür habe ich einiges an Weiterbildungen gemacht. Die Ausbildung zur Kinderschlafberaterin hat mich am meisten geprägt. Das Schlafen von Babys, Kindern und Familien ist inzwischen mein Herzensthema geworden.

 

Ich habe keine Alternative zur Selbständigkeit gefunden, die inhaltlich oder organisatorisch besser zu mir gepasst hätte.

 

EIn Herzensthema, das Dich in die Selbständigkeit führte. 
Ursprünglich hatte ich überhaupt nicht das Ziel, mich selbständig zu machen. Dieser Weg hat sich erst nach und nach herauskristallisiert, als ich keine Alternative gefunden habe, die inhaltlich oder organisatorisch besser zu mir gepasst hätte.

Die ersten Fragen zur Kindergesundheit kamen aus meinem Freundeskreis und haben mir gezeigt, dass unter Eltern eine Nachfrage nach fachlich fundierten Informationen und professioneller Begleitung in Bezug auf die Entwicklung der Kinder besteht.

Selbständig mit zwei kleinen Kindern - wie geht das beziehungsweise was rätst Du anderen in derselben Situation?
Ich rate zu ganz viel Geduld! Jeder Einstieg in eine selbständige Tätigkeit braucht erst mal Vorlaufzeit. Wenn diese Aufbauarbeit in reduziertem Arbeitspensum geleistet wird, braucht es entsprechend länger, bis sich die ersten Erfolge einstellen. Ich war in dieser Phase oft viel zu ungeduldig und darum leider auch frustriert.

 

Kein Wunder fühlen sich viele Eltern müde, überfordert und allein.

 

Uns ging es ebenso. Allen anderen wohl auch?
«Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen», lautet ein bekanntes Sprichwort. Und obschon es alle kennen, ist dessen Bedeutung dann doch immer etwas, das unserem Alltag entgegenläuft. Es ist von der Natur eigentlich nicht vorgesehen, dass sich ausschliesslich ein oder zwei Erwachsene um ein oder zwei Kinder kümmern. Geschweige denn gleichzeitig einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Doch das entspricht der Lebensrealität der allermeisten Familien in der Schweiz. Darum fühlen sich viele Eltern müde, überfordert und allein. Gleichzeitig entspricht es nicht unserer Kultur, dass sich Eltern proaktiv Unterstützung holen und sich ihr «Dorf» aufbauen. Man hat es verinnerlicht, dass Kinder «Privatsache» sind.

Ist dieser Painpoint auch in Eurer Familie präsent?
Wir haben ein ganz gutes Netz, aber leider keinen doppelten Boden. Unser Netz besteht aus der familienergänzenden Betreuung im Hort, guten Freunden und Nachbarn. Das funktioniert im Alltag ohne Probleme. Aber sobald etwas Ausserplanmässiges passiert, wenn beispielsweise ein Kind am Morgen mit Fieber aufwacht, viel Liebe und Betreuung zuhause anstatt Schule und Hort braucht, dann ist das sehr schwierig zu organisieren.

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Wie kann man einer Familie denn konkret helfen in diesem Thema?
Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken, dass Eltern heute nicht mehr im Verbund einer Grossfamilie unterstützt werden und darum flexible Arbeits- und Betreuungsmodelle brauchen.

Musik in unseren Ohren.
Der Grund, weshalb mich dieses Thema so fasziniert, ist, dass dieses Kleinkonstrukt «Eltern» zum grösseren Konstrukt «Eltern mit Hilfe von aussen» werden sollte. Ganz gleich, ob dies ein Angebot wie das Eure oder aber ein Angebot von anderen ist oder eben das meine.

Erzähl uns davon, von Deinem Angebot.
Mein Angebot umfasst die individuelle Beratung in meiner Praxis oder online und ein digitales Angebot mit Workbooks wie «Mehr Kraft für erschöpfte Eltern». Ausserdem habe ich ein Kursangebot zum Kinderschlaf sowie zu Kinderkrankheiten und -unfällen.

 

Die Müdigkeit durch die unterbrochene Nachtruhe lässt langsam nach, je älter die Kinder werden. Aber der Mental Load bleibt mit den Jahren gleich oder nimmt sogar zu.

 

Guter Kinderschlaf bedeutet ja auch guter Elternschlaf, oder?
Dass Eltern oft eine grosse Müdigkeit spüren, wird zwar naheliegend auf die unterbrochene Nachtruhe zurückgeführt, hat aber weitere, vielfältige Gründe. Einer dieser Gründe ist bei Frauen die hormonelle Veränderung durch die Schwangerschaft, Geburt und die ganze Stillzeit hindurch, welche die Schlafqualität nachweislich beeinflusst.

Weitere körperliche Ursachen für Müdigkeit, wie zum Beispiel ein Eisenmangel, werden gerade bei Eltern von Babys oft übersehen, da die Müdigkeit eben primär auf den Schlafmangel zurückgeführt wird. Hier empfiehlt es sich, Abklärungen zu machen oder allenfalls die Supplementierung der Nahrung mit natürlichen Eisenprodukten in Betracht zu ziehen.

Was ermüdet uns Eltern denn sonst noch?
Auch die psychologischen Prozesse einer Elternschaft können als ermüdend erlebt werden, wie zum Beispiel der veränderte Lebensrhythmus oder die pausenlose 24h-Zuständigkeit fürs Kind.
Sich in der Rolle als Mutter oder Vater einzufinden, ist ein unbewusster Prozess, der ermüdend sein kann.

Du sprichst von Mental Load, richtig?
Genau. Darunter versteht man das Organisieren von zahlreichen Alltagsaufgaben im Haushalt oder für die Familie, die in der Summe sehr ermüdend sind. Die Müdigkeit durch die unterbrochene Nachtruhe lässt langsam nach, je älter die Kinder werden. Aber der Mental Load bleibt mit den Jahren gleich oder nimmt sogar zu.

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Junge Eltern haben oft wenig Schlaf, sind dauermüde. Was für Tipps hast Du für sie?
Wenn es um den Schlaf der Kleinsten geht, gibt es unendlich viele Vorstellungen, in welchem Bett, zu welcher Uhrzeit oder unter welchen Bedingungen dieser stattfinden soll.

Aber Hand aufs Herz: Die Vorstellungen passen selten zu den konkreten Bedürfnissen der Familienmitglieder und müssen immer wieder überdacht werden. Vielleicht schläft das Kind der Freunde schon früh im Kinderzimmer, aber man selbst schläft besser im Familienbett, damit man zum Stillen nicht aufstehen muss.

Ausserdem finde ich es wichtig, dass Eltern über die normale Schlafentwicklung von Babys und Kindern informiert sind. Denn es kann für müde Eltern sehr entlastend sein, zu wissen, dass sie keinen «schlechten Schläfer», sondern ein Kind mit altersgerechten Bedürfnissen haben.

 

Klar gelingt es nicht immer, gelassen und ruhig zu bleiben und nach Lehrbuch zu reagieren.

 

Kannst Du als Familienbegleiterin daheim immer wunderbar selbst anwenden, was Du anderen Familien rätst?
Es ist mir wichtig, dass ich meinen Kindern gegenüber authentisch bin. Klar gelingt es nicht immer, gelassen und ruhig zu bleiben und nach Lehrbuch zu reagieren.

Oder nehmen wir das Beispiel Ernährung: Die zuckerarme Ernährung von Kleinkindern ist im Alltag absolut sinnvoll. Dennoch haben meine Kinder schon sehr früh vom süssen Sonntagskuchen probiert. Die totale Konsequenz gibt es bei uns nicht und muss es auch nicht geben.

 

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Die klassische Rollenverteilung des vollzeitarbeitenden Vaters und der niederprozentig arbeitenden Mutter wird meist noch als logische Konsequenz der Familiengründung angesehen.

Wie vereinbarend ist Dein jetziger Job mit Deinem Privatleben?
Solange der Alltag nach Plan läuft, lassen sich Arbeit und Familienleben wunderbar vereinbaren. Ich kann meine Arbeitszeit grösstenteils dann einplanen, wenn die Kinder durch Schule und Hort betreut sind. Dennoch ist jedes unvorhergesehene Ereignis wie Krankheit oder Unterrichtsausfall auch mit einem möglichen Verdienstausfall verbunden, wenn ich vereinbarte Termine kurzfristig absagen muss.

Was könnte in der Schweiz diesbezüglich in Deinen Augen besser laufen?
Die klassische Rollenverteilung des vollzeitarbeitenden Vaters und der niederprozentig arbeitenden Mutter wird meist noch als logische Konsequenz der Familiengründung angesehen. Aber nicht alle Eltern sind freiwillig in diesem Familienmodell, sondern mangels Alternativen. Also braucht es Arbeitgeber und flexible familienergänzende Betreuung, die eine bessere Vereinbarkeit ermöglichen.

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Wo stehst Du in 5 Jahren, liebe Eva?
Privat wünsche ich mir, dass ich meine Kinder gesund und glücklich durch die herausfordernde Schulzeit begleiten kann.

In Bezug auf meine Selbständigkeit wünsche ich mir, dass ich meine Tätigkeit so weiterführen und dazu spannende neue Projekte anpacken kann.

Das wünschen wir Dir beides von ganzem Herzen. 

Gute Nacht, Baby: ein Kurs für erholsameren Schlaf
Am 25. Juni 2022 gibt Eva Monteneri ihren Kurs bei Tadah. Wir freuen uns auf Eure Anmeldung. Hier geht es zu den Tickets. 

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Betreuungssituation:
Eva arbeitet 80%.  Ihre Töchter Roberta und Matilda sind an drei Tagen am Mittagstisch im Hort. An zwei Nachmittagen betreut Eva die beiden. An diesen zwei Nachmittagen bleibt ihre Praxis geschlossen. Ihr Mann arbeitet 100%. 


Bilder von Vanessa Bachmann