Die Schweiz ist ein Land mit grosser humanitärer Tradition - Devika Hasler ist das beste Beispiel dafür. Als junge Mutter gründete sie mitten in der Flüchtlingskrise nicht nur einen Verein zur soziokulturellen Integration, sondern nahm auch gleich einen minderjährigen Flüchtling bei sich zu Hause auf.

Devika Hasler ist Gründerin und Präsidentin des Vereins Colors sans Frontières, der Begegnungsraum für Flüchtlinge und Einwohner in Zürich schafft. Sie arbeitet zudem in einer sozialen Einrichtung für Jugendliche, ist selbstständige Grafikerin und Mutter einer knapp dreijährigen Tochter. colorssansfrontieres.ch
Tadah: Die Flüchtlingskrise hat in uns allen Emotionen geweckt und Entsetzen hervorgerufen. Statt aber einfach nur zuzuschauen, hast Du das Zepter selbst in die Hand genommen. Erzähl!
Gemeinsam mit Freunden habe ich 2015 den Verein Colors sans Frontières gegründet. Ziel ist es, einen Begegnungsraum in der Stadt Zürich zu schaffen, in dem alle Kulturen willkommen sind. In dem sich Flüchtlinge und langjährige Einwohner treffen, um gemeinsam etwas zu erleben.
Wie kam es zu dieser Idee?
Der Bereich Bildung war nach der akuten Flüchtlingswelle in Zürich relativ gut abgedeckt. Es gab viele Angebote von ehrenamtlichen Vereinen und freiwilligen Helfern. Im Bereich Soziokultur lief aber ziemlich wenig. In diesem Segment wollte ich also das Angebot erweitern, um den Flüchtlingen auch ein Stück Heimat zu bieten.
Wie hat es konkret angefangen?
Auf I care for you, der ersten Schweizer Crowdfunding-Plattform für soziale und humanitäre Projekte, waren wir das erste Projekt überhaupt. Wir haben darüber versucht 10'000 Franken zu bekommen, um einigermassen kostendeckend zu arbeiten. Wir brauchten Geld für die ersten Essen, für Einrichtung – denn damals hatten wir auch noch eigene Räumlichkeiten –, für die ersten Investitionen. Wir waren nie profitorientiert, aber helfen kostet nun mal.
Und diese 10'000 Franken habt Ihr auch erhalten?
Ja. Dank dem Geld konnten wir starten. Der Verein wurde gegründet und parallel dazu organisierten wir im AOZ Zentrum Juch bereits Kurse. So kam die Idee, dass auch Aktivitäten am Wochenende sehr schön wären – auch, um die Vermischung mit dem Quartier zu fördern. Wir wollten die Leute, die hier wohnen mit den Flüchtlingen in Kontakt bringen, ihnen zeigen, dass dies Menschen wie du und ich sind – mit Sorgen und Ängsten aber auch mit Freuden und Spass.


Wie war die Akzeptanz?
Durchwachsen. Das Problem in der Stadt Zürich ist die immense Vielfalt an Angeboten. Wenn du also mit etwas Neuem kommst und das ist nicht extrem hipstermässig aufgestellt, sondern irgendwie ganz normal, dann hat es natürlich nicht den gleich grossen Anreiz wie eine coole Geschäftseröffnung im Kreis 4.
Also enttäuschend?
Nein. Das ist und war völlig ok. Die Leute, die kommen, entscheiden sich bewusst dafür und wissen auch, warum sie hier sind. Das ist uns sehr wichtig. Die Teilnehmerzahl ist sehr konstant. Und wir haben auch eine gute Konstanz, was die Zahl von neuen Besuchern und von Stammgästen anbelangt.
Es muss diese Momente im Leben geben, in denen man ohne Anforderungen und Erwartungen sein und mit den Menschen Zeit verbringen kann.
Wie haben denn die Flüchtlinge auf Euer Angebot reagiert?
Wenn sie hier sind, geniessen sie gerade das, was wir ihnen bieten. Also das Essen, das Beisammensein, das Ungezwungene. Und das ist auch gut. Es muss für sie diese Momente im Leben geben, in denen sie ohne Anforderungen und Erwartungen sein und mit den Menschen Zeit verbringen können. Ohne Zwang und einfach nur zum Spass.
Reaktionen von den Flüchtlingen kommen vor allem dann, wenn wir Anlässe nicht durchführen. Sie fragen uns dann ganz erstaunt: «Was soll ich denn machen am Wochenende? Wo soll ich denn hingehen, wenn das nicht ist?» Das ist das Schöne, das uns auch anspornt: Auch wenn es nur drei Leute sind, die dann nicht wissen, wo sie hinsollen, dann ist das genug, um zu sagen: Wir machen weiter. Das hier lohnt sich.


Du hast den Verein mit vier Freunden gegründet. Übriggeblieben sind vom ursprünglichen Vorstand Du und Dein Freund. Was ist mit den anderen passiert?
Geschichten, die das Leben schrieb. Verschiedene Lebensumstände, neue Ziele, Ideologien, die sich geändert haben und so weiter. Der Anreiz zum Mitmachen war ganz unterschiedlich. Momentan sind wir aber wieder komplett besetzt und unser Vorstand besteht aus sechs Mitgliedern: aus einer Kindergärtnerin, einer Logopädin, einer kaufmännischen Angestellten, einer angehenden Studentin der sozialen Arbeit, einem Wirtschafter, meinem Freund und mir.
Wir suchen wieder neue Leute, denn bis anhin haben wir von Event zu Event gearbeitet und konnten so nur immer gerade das Tagesgeschäft abarbeiten.
Wohin soll Colors sans Frontières?
Jetzt haben wir wieder ein bisschen Schnuuf und werden grösser. Wir suchen neue Leute, denn bis anhin haben wir von Event zu Event gearbeitet und konnten so nur immer gerade das Tagesgeschäft abarbeiten. Da bleibt natürlich vieles liegen. So ist das aber wohl, wenn alles auf Freiwilligenarbeit basiert.
Jemanden anzustellen ist kein Thema?
Eigentlich nicht. Ich möchte gerne, dass dieser Freiwilligengedanke bleibt. Aber ja, vielleicht merkt man irgendwann, dass die Leute ihre Arbeit besser machen, wenn man sie dafür bezahlt. Aber momentan läuft es wirklich super.



Als Du Colors sans Frontières gegründet hast, wurde deine Tochter gerade ein Jahr alt. Wie hast Du Dich organisiert?
Mayuri wurde fast nie fremdbetreut und wenn, dann nur von den Grosseltern. Für mich war es wichtig, dass meine Arbeit Sinn macht. Ich habe also nicht aus wirtschaftsorientierten Gründen gehandelt, damit ich mir Ende Monat eine neue Tasche kaufen kann. Die Zeit ging meiner Tochter ein wenig ab, ja. Aber ich bin trotzdem den ganzen Tag da und ich mache sonst so viel mit ihr, dass ich eigentlich nie ein schlechtes Gewissen hatte. Klar gibt es immer Situationen, in denen du vielleicht mal ein wenig genervt reagierst, aber das sind wenige.
Wie sieht Dein Alltag aus?
Ich arbeite zwischen 20 und 30 % in in einer sozialen Einrichtung für Jugendliche. Das sind Nacht-, Wochenende- und Feiertagsschichten. Es gibt Wochen, die sind heftig, da hab ich zwei Nachtschichten, eine Wochenendschicht plus einen Event von Colors. Zudem bin ich noch selbstständige Grafikerin. Wenn da auch noch ein Auftrag ansteht, dann wird es echt eng. Aber wenn etwas in den Druck muss, dann muss es in den Druck. Dann kann es nicht warten. Ich arbeite dann, wenn Mayuri schläft, abends und in der Nacht. Denn der Rest meiner Zeit investiere ich in Colors und meine Tochter.
Das tönt extrem stressig. Was sagt Dein Freund dazu?
Bei ihm ist es nicht anders. Gemeinsame Zeit wird weniger. Aber für uns stimmt es momentan so. Wir kommen gut aneinander vorbei, haben aber trotzdem noch Momente zu zweit und als Familie.
Wir haben uns gesagt, dass wir die Situation immer wieder neu beurteilen müssen und wenn sie für uns nicht mehr stimmt, dann werden wir etwas ändern.
Wann?
Immer wieder. Wir nehmen viel Zeit raus für Ferien. Wir sind zum Beispiel fünf Wochen am Stück nach Sri Lanka gegangen. Das ist Zeit nur für uns und wir leben das dann auch viel bewusster. Wir haben uns aber auch gesagt, dass wir die Situation immer wieder neu beurteilen müssen und wenn sie für uns nicht mehr stimmt, dann werden wir etwas ändern.


Was hat sich für Dich verändert seit Du Mutter bist?
Nicht viel. Mayuri ist pflegeleicht. Sie ist umgänglich, ich kann sie überallhin mitnehmen und sie ist glücklich. Zudem ist sie quasi nie krank und fremdelt nicht. Ihr Naturell ist auch ein Grund, wieso ich das alles machen kann. Hätte ich ein krankes Kind oder nur schon ein Kind, das mehr an mit klebt, dann wäre es wieder anders. Wir leben sehr im Hier und Jetzt. Und wenn sie sich ändern, dann passen wir uns an.
Als 6-Jährige ging ich sünnele, weil ich dachte, ich müsse braun werden. Ich war der festen Überzeugung so zu sein, wie alle anderen: weiss.
Wie hast Du Deine Kindheit erlebt?
Ich wurde adoptiert und bin in einer Zürcher Agglomerationsgemeinde in einfachen, aber sehr liebevollen Verhältnissen aufgewachsen. Das einzige Problem war, dass ich quasi das einzige Ausländerkind im Quartier war. Dies in einem Viertel, in dem viele Familien mit rechtsorientiertem Gedankengut lebten, die dann auch noch relativ ungebildet waren: die gefährlichste Mischung überhaupt. Ich war immer Klassenbeste und dazu ein kleines herziges Ding, dass sein Mami gern hatte und sich aufgehoben fühlte in seiner Familie. Das rief Eifersucht hervor. Das ist bei Kindern so. Und sie suchen sich dann ihre Opfer aus. Entweder du hast eine Brille, du hast Sommersprossen oder du bist halt dunkel. Kinder sind fies.
Wie war das für Dich?
Ich nahm das ganz lange gar nicht wahr. Als 6-Jährige ging ich sünnele, weil ich dachte, ich müsse braun werden. Ich war der festen Überzeugung so zu sein, wie alle anderen. Ich sah mich so, wie ich sie sah: weiss. Bis ich gemerkt habe, die anderen haben etwas gegen mich, weil ich anders bin.


Du bist später auf Spurensuche gegangen, um deine biologischen Eltern zu suchen.
Ich ging auf Wurzelsuche und habe sie gefunden. Es war nicht einfach, auch weil ich nicht wusste, in welchem Kontext meine leiblichen Eltern lebten. Als ich meine biologische Mutter fand, haben wir eine DNA-Analyse gemacht. Ich wollte nicht mein ganzes Leben lang denken, dass ich sie gefunden habe und dann wäre sie es am Schluss gar nicht gewesen. Die Analyse wurde bestätig. Mein leiblicher Vater war bereits vor langer Zeit gestorben und meine leibliche Mutter hatte einen neuen Mann. Dieser wusste aber von ihrer Vergangenheit. Sie ist eine starke, emanzipierte Frau, die für den Lebensunterhalt der ganzen Familie aufkommt. Auch meine Adoptivmutter ist eine bodenständige, starke Person. Ich weiss also genau, woher ich die Leidenschaft habe, für Frauen, ihre Rechte und ihre Autonomie einzustehen.
Ich bin schon immer viel gereist. Das haben wir auch als Mayuri zur Welt kam weitergezogen.
In Deinem Leben spielt das Reisen eine grosse Rolle. Auch mit Kind. Wieso?
Mein Vater war Flugzeuchmechaniker, damals bei der SR Techniks. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir Kinder die Welt entdecken. So bin ich schon immer viel gereist. Als Single, und auch zusammen mit meinem Freund, ging die Entdeckerei dann weiter. Gemeinsam sind wir viel herumgekommen. Das haben wir auch so weitergezogen, als Mayuri zur Welt kam. Wir legen Wert darauf, dass unsere Tochter auch die einfachen, ursprünglichen Formen des Lebens als natürlich erkennen kann. Unsere Reiseziele sind daher etwas unkonventionell. Ein Privileg, welches wir als Schweizer bewusst auf dem Radar haben sollten.
Wir fliegen nach Gambia, fahren aber auch ins Tessin.
Andere fahren nach Mallorca oder ins Tessin, Du nach Gambia, Tanzania, Sri Lanka...
Das klingt abenteuerlich. Aber wir haben in Gambia zum Beispiel bei Quasi-Verwandten gewohnt – in einem einheimischen Dorf. Aber ja, in einer Umgebung, die wir so nicht kennen. Es war super spannend. Ausser, dass Mayuri krank wurde und hohes Fieber hatte. Darauf muss man vorbereitet sein, aber auch das war alles in einem Rahmen, den ich gut managen konnte. Schliesslich kann das genauso gut in Zürich passieren. Zudem: Wir fahren auch ins Tessin.


Wie sieht es mit der Familienplanung aus?
Wir nehmen diese Planung, wie sie kommt. Das Leben spielt sowieso sein eigenes Spiel. Für mich ist zudem das Thema Adoption immer noch aktuell.
Es wäre als ein Minderjähriger obdachlos geworden. Unvorstellbar. Für uns war der Fall klar.
Ihr hattet für ein Jahr quasi ein zweites Kind. Ihr habt nämlich einen minderjährigen Flüchtling bei Euch aufgenommen.
Wir haben uns damals bei der Flüchtlingshilfe gemeldet, weil wir uns vorstellen konnten, jemanden bei uns aufzunehmen. Es ging wider Erwarten alles relativ schnell und schon bald zog ein 17-jähriger Eritreer bei uns ein. Er hatte einen B-Status und der Kanton hat keinen Platzierungsauftrag für Flüchtlinge mit B-Status. Heisst: Er wäre obdachlos geworden. Unvorstellbar.
Kannst Du Dich noch an den Tag erinnern, an dem er einzog?
Natürlich. Wir hatten ihm viel zu viel bereitgestellt. Wir hatten Kleider organisiert, ein Velo, sind mit ihm in die Ikea gefahren, um sein Zimmer einzurichten. Wir waren euphorisch, freuten uns und wollten eine bodenständige Grundlage bieten.
Und er?
Er war sehr verhalten und schüchtern. Er kam an einen Ort, an dem er ja nichts kannte. Zudem hatte er eine Vergangenheit, einen Rucksack, den er mit sich trug.

Wie lief das Familienleben?
Wir wollten ihm einen normalen Alltag erleben lassen. Ich habe da vieles offen gelassen und ihm viele Entscheidungen überlassen. Wir haben zusammen gegessen, den Alltag gemeistert, er ging in die Schule. Es war eigentlich ganz normal.
Wie habt Ihr Euch verständigt?
Da wir keine gemeinsame Sprache hatten, war die ganze Wohnung mit Piktogrammen tapeziert. Aber durch das Reisen bin ich es gewohnt, mit Händen und Füssen zu kommunizieren. Genau das haben wir auch getan.
Integration ist nicht einfach. Auch in diesem Fall nicht?
Wir waren sehr realistisch. Wir wollten ihm einen guten Startschuss geben. Natürlich konnte er aber auch nicht alles annehmen, was wir zur Verfügung stellten. Die Materialschlacht und das behütete Verhältnis können einen erdrücken, gerade wenn man seit 10 Jahren Vollwaise und auf sich alleine gestellt ist. Man muss sich das wirklich bewusst sein: Dieser Mensch hat so viel erlebt. Da ist ein junger Erwachsener, der reifer ist als manch 25-jähriger Schweizer, der in ein Familienleben mit einem kleinen Kind kam. Vieles hat er nicht gebraucht oder genutzt. Und so hat sich irgendwann herauskristallisiert, dass er vielleicht in einer Wohnung mit Gleichaltrigen, in einer WG, besser aufgehoben wäre.
Er trinkt nicht, geht nicht in den Ausgang – das passt nicht ins coole Zürcher WG-Leben.
Und diese habt Ihr für ihn gefunden?
Leider nein. Wir haben einfach keine WG gefunden, die in seinem Budget liegt. Er ist ein sehr ruhiger, zurückgezogener junger Mann. Er trinkt nicht, geht nicht in den Ausgang – das passt nicht ins coole Zürcher WG-Leben. Dies spricht zwar für ihn, aber in der schnelllebigen, konsumfreudigen Gesellschaft war es schwierig ihn als WG-Gspöndli zu vermitteln. Er ist also zurück in einen Container gezogen.

Ihr seid gescheitert?
Auf keinen Fall. Und wir würden es jederzeit wieder machen. Es war vielleicht nicht so erfolgreich, dass wir ihn in die Gesellschaft integrieren konnten, aber gescheitert? Nein. Ich glaube nicht, dass ein Leben in einer bodenständigen Familie während einem Jahr einfach so spurlos an einem vorbeigeht. Das ist etwas, was er in einem späteren Zeitpunkt seines Lebens wieder aufnehmen kann. Er hat etwas gesehen, was er im Container nicht erleben kann. Er weiss, wie er sich bilden kann, diese Strukturen haben wir ihm aufgezeigt. Und genau dabei geht es auch bei Colors.
Alles geht um Inklusion.
Wie meinst Du das?
Alles geht um Inklusion. Diese Werte möchten wir vermitteln. Und so übernehmen Flüchtlingen mit der Zeit Verantwortung. Wir leben hier in einer Individualgesellschaft, sie kommen hingegen oft aus Kollektivgesellschaften. Unsere Aufgabe ist es also, ihre Autonomie zu fördern.
Haben solche Projekte in der Schweiz Zukunft?
Die Leute haben Lust zu helfen, aber keine Lust, Zeit zu investieren. Viele sind aber durchaus bereit zu helfen, wenn man sie mit konkreten Projekten angeht. Ich hoffe, dass dies die Zukunft ist, ja.
