Suche

Tadah

Claudia Jucker: Zürich – Berlin retour.

Mit ihrem Blog Hoi Berlin hat sie uns alle auf ihr Auslandabenteuer Berlin mitgenommen. Seit ein paar Monaten ist sie nun mitsamt Kindern, Mann und Katze zurück in Zürich. Mit im Gepäck ein grosser Haufen Heimweh aber auch viel Dankbarkeit.

Bilder von Julia Bochanneck

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3126

Claudia Jucker bloggt auf Hoi Berlin über Familiendinge, neuste Entdeckungen, Gedanken als Mutter und Frau und natürlich über Berlin. Die letzten drei Jahre aus Berlin, jetzt wieder aus Zürich. Zudem arbeitet sie als Freelance Texterin und ist ausserdem Schweizer Vertreterin der nachhaltigen Berliner Reiseplattform Good Travel und des Reisedepeschen Verlags. Mit ihrem Mann, ihren Mädchen (9 und 5 Jahre alt) und ihrer Katze Frau Lina Büsensen wohnt sie in Zürich.
HoiBerlin.com

 

Tadah: Zürich – Berlin retour. Zwei Städte, zwei Herzensangelegenheiten. Für wen schlägt Dein Herz?
Das pauschal zu beantworten ist unmöglich. Es kommt bei beiden Städten auf die jeweiligen Lebensumstände, und (vor allem in Berlin) auf die Jahreszeit an. Sicher ist, dass ich mich in beiden Städten pudelwohl fühle und mich so bewege, wie man sich eben bewegt, wenn man sich auskennt und mit der Stadt und ihren unausgesprochenen Regeln vertraut ist.

Berlin hatte schon immer was Magisches für mich. So vieles ist möglich, so vieles kann passieren, wenn man offen ist und hinschaut. In Zürich aber auch. Umso mehr, seit ich zurück bin. Vermutlich hat es wohl eher mit mir als mit den Städten zu tun. Für wen also mein Herz schlägt? Für beide Städte gleichermassen.

Wenn ich heute entscheiden müsste, Zürich oder Berlin, dann wäre es Zürich. Hier sind meine Wurzeln, meine Freundinnen, meine Familie und die Wertvorstellungen, die ich mir für meine Kinder wünsche. Berlin bleibt in meinem Herzen und ist auf jeden Fall die Stadt, in der ich ganz viel Zeit verbringen möchte, aber ohne den Berliner Alltag im Nacken. Es ist der Geburtsort meiner kleinen Tochter. Ein Ort gespickt mit persönlichen Geschichten, einschneidenden Erinnerungen, tiefen Freundschaften, Höhen und Tiefen, unendlicher Freiheit und Freude, Frust und Alleinsein, Neuentdeckungen, nie enden wollenden Strassenzügen, beissendem Wind, dunklen Tagen, stinkenden U-Bahn-Schächten, durchtanzten Nächten, leckerstem Essen aus der ganzen Welt und verrücktesten Begegnungen.

 

Berlin ist der Typ, den du unbedingt haben willst, über den du aber weisst, dass er dir langfristig nicht gut tun wird.

 

Was macht denn dieses Berlin so aus?
Berlin ist eine Grossstadt. Bunt und quirlig, aber auch dreckig und ungeschliffen. Ich denke, es ist dieser multikulturelle Mix, der eine unglaubliche Anziehung und Faszination ausstrahlt. Das Leben in Berlin kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem im Winter, wenn’s schon um 15 Uhr eindunkelt und wenn dir der beissende Wind um die Ohren pfeift. Das muss man echt aushalten können. An einem Elternabend in der Kita haben sie im Herbst von der dunklen Zeit gesprochen die uns bevorstünde. Ich dachte, die übertreiben masslos. Erst als es dann soweit war, wusste ich, was damit gemeint war und sie hatten Recht. Berlin ist für mich so ein bisschen wie der Typ, den ich unbedingt haben will, von dem ich aber weiss, dass er mir auf die Dauer nicht gut tun wird, weil er mich mit seiner Unzuverlässigkeit und seinem Freigeist fertig macht, aber wenn wir eine gute Zeit zusammen haben, dann ist er perfekt.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3055

Ist Berlin wirklich so kreativ, wie alle sagen?
Ja, das würde ich so unterschreiben. In Berlin ist alles möglich. Da ist dieses Gefühl, das dir die Stadt gibt. Wenn du in Berlin eine Idee hast, dann spürst du: Ja klar, probiere es aus! Mach es! Du schaffst das! Niemand zeigt mit dem Finger auf dich, wenn du scheiterst. Jemand hat mal gesagt: Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen. Das passt ziemlich gut zum Berliner Geist wie ich finde.

Sind so auch die Menschen in Berlin?
Die Stimmung und die Menschen in Berlin sind sehr unkompliziert und sehr direkt. Als Schweizer Mimose ist das manchmal hart, aber mit der Zeit habe ich diese Direktheit schätzen gelernt. Du weisst, woran du bist. Und das finde ich gut. Der Grundtenor in der Stadt ist schon laut und ruppig und ganz oft passierte es mir, dass vor meiner Nase, einfach jemand die Tür zugeknallt hat oder sie nicht aufgehalten hat. Dieses für sich schauen oder seine Meinung offen kundzutun, ist und war schon sehr ungewohnt, auch als ich schwanger war.
Aber auf der anderen Seite gibt es in dieser Stadt diesen Mix, der unglaublich viele Kulturen vereint. In Berlin kommst du eben auch mit extrem vielen Leuten einfach so ins Gespräch. Du kannst einen supertollen Abend verbringen mit Leuten, die du nicht kennst. Es kann unverbindlich sein, aber auch was daraus entstehen. Es ist ein Kommen und Gehen in der Stadt und das spürt man

 

Für die Menschen, die schon so lange da wohnen, ist es krass zu sehen, wie sich die Stadt wandelt. Auch in welchem Tempo sie es tut.

 

Berlin trieft nur so von Geschichte. Wie nimmt man das wahr wenn man da wohnt?
Die Vergangenheit ist in Berlin omnipräsent. Es gibt sehr viele Denkmäler, die sehr imposant sind und die mir teilweise eine Gänsehaut und Tränen in die Augen gejagt haben. An diesem Gefühl hat sich auch nichts geändert als ich nicht mehr als Touristin da war, sondern als Einwohnerin. Bei uns vor dem Haus hatte es beispielsweise Stolpersteine. Mit diesen im Boden verlegten Gedenktafeln wird an das Schicksal der Menschen erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus gestorben sind. Es begleitet einen und man wird daran erinnert. Es schwingt immer mit und das finde ich wichtig.
Und dann natürlich die Geschichte von Ost und West. Gerade in unserem Quartier, dem Prenzlauer Berg, der früher ja in Ostberlin lag, leben auch heute noch viele Leute, die schon in der ehemaligen DDR hier wohnten. Sie erzählen sehr spannende Geschichten, wie’s früher zu und her ging. Auch darüber, wie das Quartier früher war: heruntergekommen und die Häuser verrusst von den alten Kohleheizungen. Ich glaube, für diese Menschen, die schon so lange da wohnen, ist es krass zu sehen, wie sich die Stadt wandelt. Auch in welchem Tempo sie es tut.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3039

Ihr seid vor über drei Jahren also mit Sack und Pack, Kind und Katze auf in den Norden, hinein in den Prenzlauer Berg. Wie kam es dazu?
Mein Mann bekam ein Jobangebot. Wir hatten wenig Zeit zu überlegen, ob wir das machen sollen, ich hatte gerade herausgefunden, dass ich mit unserem zweiten Kind schwanger war und es war in etwa nach dem Motto jetzt oder nie und Berlin hatten wir eh schon lange im Auge. Es passte also prima. Wir haben dann sehr kurzfristig unsere Zelte abgebrochen und sind mirnichtsdirnichts mit all unserem Inventar, Katze, Maus und Mips im Bauch in den Winskiez mitten im wunderbschönen Prenzlauerberg umgezogen.

 

Das macht man doch nicht, wenn man Kinder hat.

 

War es klar, dass es nur ein Umzug auf Zeit war?
Nein. Wir sind gegangen und haben nicht gewusst, wie lange wir bleiben. Das war vor allem für manche Familienmitglieder hart. Es war für sie schwierig nachzuvollziehen, warum wir diese heile Welt hier verlassen, um nach Berlin zu ziehen. Das macht man vielleicht während dem Studium, aber doch nicht, wenn man bereits Kinder hat. Wir hingegen fanden das genau passend und stimmig. Ich hatte das Gefühl, Berlin sei die perfekte Stadt mit einem kleinen Kind und einem Baby.

Sie ist es nicht?
Ich bin ein wenig auf die Welt gekommen. Es wird einem vermittelt, dass Berlin total cool und easy ist – vor allem mit Kindern. Man sieht all die lässigen hippen Eltern, die cool ihren Kinderwagen durch den Kiez schieben und an jeder Ecke einen Latte trinken, aber das ist es eben nicht. Oder besser: nicht immer. Das hatte ich unterschätzt. Und das, obwohl ich Berlin mit Kind schon kannte. Denn ich war mit Maus bereits einmal für vier Monate da gewesen – anlässlich eines Atelierstipendiums.

Was war denn anders?
Das Timing, die Situation. Mips kam Ende Oktober zur Welt, es war kalt, wir haben niemanden gekannt, mein Mann war geschäftlich sehr eingebunden und ich war mausbeinallein und stark gefordert. Ich wusste ja nicht, wie es in Deutschland zu und her ging. Es ist eben schon ein grosser Unterschied zum Leben in der Schweiz. Auch wenn man das im ersten Moment nicht erwarten würde. Wir mussten uns komplett neu organisieren und dann war da noch ein Baby und eine Vierjährige, die mit der neuen Konstellation und ihrem neuen Geschwisterchen klar kommen musste. Da war die Sprache, das Soziale, das neue Umfeld. Und keine Grosseltern, Freunde oder Bekannte, die mal kurz einspringen oder aushelfen konnten. Das war schon sehr hart.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3020
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3002
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3014

Hast Du je gezweifelt?
Nein. Lustigerweise nicht. Ich habe mehr der Situation als der Stadt die Schuld gegeben. Zudem Berlin ja auch viele unglaublich tolle Seiten hat.

Erzähl!
Im Sommer fühlt sich die Stadt an wie Urlaub. Die Tage sind lang, die Stimmung ausgelassen, überall fröhliche Leute, an jeder Ecke wird Eis gegessen oder Kinder malen mit Strassenkreiden auf den Gehsteig. Das Leben findet draussen statt und die Stadt holt alles nach, was sie in der dunklen Zeit verpasst hat.
Was auch toll ist, dass ich ein Jahr in Elternzeit war. Ich konnte Mips ganz anders und bewusster geniessen und hatte so auch mehr Zeit mit beiden Kindern zusammen. Das ist ein grosser Luxus, den ich mir für die Schweiz auch wünschen würde. Auch mein Mann nahm zwei Monate Elternzeit, wie viele andere in seinem Büro auch.

Spulen wir einen Schritt zurück. Du bist in Berlin angekommen und warst schwanger. Wie war das?
Ich war total unvorbereitet. Denn auch hier dachte ich, dass es total easy sei. Ich bin angekommen und musste mir zuerst einmal eine Frauenärztin suchen. Es gibt einfacheres im Prenzlauer Berg. Ich sass stundenlang am Telefon. Entweder ich kam nicht durch oder bekam zu hören, dass sie keine neue Patientin nehmen. Durch einen Tipp einer Bekannten habe ich dann irgendwann eine gefunden.

Wo hast Du geboren?
Das war auch so eine Sache, denn du hast tausend Möglichkeiten. Von verschiedensten Kliniken bis zur Hebamme zuhause. Hinzu kommt, dass der Standard wirklich ein anderer ist als in der Schweiz. Das Krasse war, dass ich den direkten Vergleich hatte. Deswegen hat es mich wohl auch so schockiert.

 

Berlin ist jetzt voll am boomen. Aber Berlin ist in vielen Belangen noch immer runtergerockt, es wird viel improvisiert und überall gibt’s Baustellen. Buchstäblich.

 

Was genau?
Hier wird dir im Krankenhaus dein Essen serviert, aber in Berlin, da wo ich war, gibt’s halt nur ein kaltes Buffet, wo man sich selbst bedienen muss. Morgens und abends.
Meine Hebamme sagte mir, nimm deinen eigenen Bademantel und Handtücher mit. Und schau, dass dir dein Mann was zu essen bringt. Ich hab mir nur gedacht: Das kann doch nicht wahr sein? Es ist ja keine dritte Welt hier. Aber ich war so froh, hatte ich das dabei. Sie wusste, wovon sie sprach.

Woran liegt das?
Geld spielt eine grosse Rolle, es ist einfach nicht in den gleichen Mengen vorhanden wie in der Schweiz. Dann der Fakt der Grossstadt und die Nachkriegszeit. Berlin ist jetzt voll am boomen. Aber Berlin ist in vielen Belangen noch immer runtergerockt, es wird improvisiert und überall gibt's Baustellen. Buchstäblich.
Es gibt daher auch wesentliche kulturelle Unterschiede, im Bezug auf Geld. Zum Beispiel kam einmal eine Nachbarin zu uns, um zu fragen, ob sie Kaffee ausleihen könne. Für mich war das ja keine Frage, aber ihr war es mega wichtig, dass sie mir das zurückzahlt. Und zwar quasi sofort. Sie wollte auf keinen Fall Schulden bei mir haben. Oder eine andere Nachbarin hatte uns mal ihre Wohnung untervermietet, weil wir Besuch aus der Schweiz hatten und meinte dann, sie sollen bitte kein Bad nehmen, weil sie das zu viel kosten würde. Die Leute fragen dich hier auch unvermittelt nach deinem Gehalt oder wieviel du für deine Wohnung zahlst. Das Thema Geld schwingt immer mit und ist nicht so ein Tabuthema wie in der Schweiz.
Ein anderer Punkt ist, dass du immer alles abschliessen musst. Es wird geklaut, was nicht niet und nagelfest ist. Leider wird auch häufig eingebrochen und uns haben sie sogar mal in der Kita die Windeln aus dem Fach gestohlen.
Viele Unterschiede liegen aber auch daran, dass Berlin eine Grossstadt ist. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis du endlich mal zur Stadt raus bist und auch die stundenlangen Wartezeiten beim Arzt sind bezeichnend. Manchmal triffst du auf total versiffte Spielplätze mit Glasscherben und Hundekacke und in vielen Stadtteilen hat Berlin ein richtig gehendes Problem mit Hundehaufen. Im Prenzlauerberg kommt regelmässig der «Wurstsauger» vorbei, um die Haufen aufzusaugen, aber man muss schon kucken, wo man hin tritt. Das nervt. Vor allem mit kleinen Kindern. Dafür beschwert sich keiner, wenn sie abends noch spielen oder laut sind.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3046
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3051
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3097
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3049

Neben der Elternzeit ist Deutschland ja auch für seine Kinderbetreuung bekannt.
Genau. Das ist wirklich extrem cool. Die Kita kostet 23 Euro im Monat. Sie ist also eigentlich kostenlos und du bezahlst nur Essensgeld. Das war dann gleichzeitig auch mein grösster Kulturschock als ich zurück in der Schweiz war. Denn ich hatte verdrängt, was wir hier an Kinderbetreuungsgeld ausgeben müssen.

Wie viele Tage waren die Kinder fremdbetreut?
Fünf. Auch das ist in Berlin völlig normal. Und mir kam das sehr gelegen. Unsere Mädels waren glücklich, konnten mit anderen Kindern spielen und ich konnte arbeiten. Meistens bin ich sie um vier immer abholen gegangen und dann hatten wir noch unsere meist sehr entspannten Stunden zusammen.

Wir sprechen immer über Dich. Aber wie war denn Berlin für die Kinder?
Für Maus anfangs schwierig. Veränderungen liegen ihr nicht so. Das erste Jahr hat sie konsequent nur Schweizerdeutsch gesprochen. Nach einem Jahr, als sie sich sicher fühlte, hat sie dann von einem Tag auf den anderen ins Hochdeutsche geswitcht und es war ein perfektes Hochdeutsch, wie ich es nie hinbringen würde. Von dem Moment an als sie sich wohl fühlte, war sie aber total glücklich. Und Mips fühlt sich immer dort am liebsten, wo der Bär steppt. Hauptsache, sie ist in einem grossen Rudel unterwegs.

Die Kinder waren dann so glücklich, dass der Umzug zurück schwierig wurde?
Genau. Maus sagt auch heute noch, dass sie zurück nach Berlin möchte, weil da ihre Freundinnen und ihre Lieblingsschule sind. Und auch Mips hing sehr stark an ihren Kita-Freunden.

Hast Du ein schlechtes Gewissen deswegen?
Nein, denn ich bin überzeugt, dass sie längerfristig sehr davon profitieren kann. Auch weil sie jetzt sehr verbunden sind mit Berlin. Wir gehen zudem sehr regelmässig und halten den Kontakt aufrecht.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_2977
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_2987
Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3139

Wie war das Abschiednehmen. Haben die Kinder erfasst, dass es ein Abschied «für immer» ist?
Nein. Mips kannte zwar nichts anderes als Berlin, aber sie war noch zu klein. Zudem nimmt sie die Dinge einfach, wie sie sind. Sie ist total geerdet.
Und auch Maus hat die Situation eigentlich sehr souverän gemeistert. Ich weiss noch auf dem Pausenplatz, als sie ihrer besten Freundin Tschüss sagen musste. Ich versteckte mich, weil ich meine Tränen nicht mehr zurück halten konnte. Maus hingegen hat das erstaunlich gefasst ertragen. Ich glaube, sie konnte es einfach auch nicht so gut einschätzen.

Wie war es zurück in Zürich?
Maus hat erst hier erfasst, dass sie in eine neue Klasse muss, mit neuen Kindern. Da hat sie mir auch extrem leid getan und ich hätte nicht tauschen wollen. Sie ist eine treue Seele und schickt regelmässig Briefe nach Berlin. Das macht sie in Eigenregie. Sie kennt alle Adressen ihrer Freundinnen auswendig und weiss, dass sie die Briefe mit 1.50 frankieren muss. Leider kommt nicht so viel zurück, wie sie sich erhofft. Aber das kann man leider nicht steuern. Als Mama tut mir das manchmal schon leid. Sie gibt sich richtig Mühe und schreibt und zeichnet von Herzen. Vielleicht ist es auch ein Teil des Abschiednehmens.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3169

Würdest Du es wieder auswandern?
Ich möchte es auf alle Fälle nicht missen. Es war für uns alle eine super Erfahrung. Auch von dem, was wir in die Schweiz mitnehmen, wie wir heute das Leben und die Schweiz (anders) wahr nehmen, wie wir die Sachen sehen. Wir sind viel dankbarer geworden und es ist uns viel bewusster, was wir hier für ein Wahnsinnsleben haben.

Siehst Du Zürich nun mit anderen Augen?
Ja. Ich geniesse es sehr. Ich habe so viele neue Dinge gesehen und entdeckt. Ich bin wie ein kleines Kind. Zürich hat sich sehr gewandelt finde ich. Es hat so viel zu bieten. Ich habe lange gedacht: Berlin ist mega cool, das ist DIE Stadt. Jetzt, wo ich wieder hier bin, merke ich, wie toll Zürich eigentlich ist. Und schätze meine Stadt wieder ganz neu.

 

Angefangen zu schreiben habe ich dank und wegen Berlin. Um diese Stadt ein Stück weit zu verdauen und mein Element zu finden, in dem ich mich wohlfühle. So habe ich mit Hoi Berlin angefangen.

 

Was ist für eine Claudia gegangen und was kam für eine zurück?
Ich habe schon immer gerne geschrieben. Manchmal frage ich mich, warum ich erst beim Film gelandet bin und nicht direkt geschrieben habe. Ich bin aber der Typ, der halt einfach mal ausprobiert und schaut ob‘s passt. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich weiss: Das was ich mache, ist das, was ich will. Das hatte ich bis anhin nie. Angefangen zu schreiben habe ich dank und wegen Berlin. Um diese Stadt ein Stück weit zu verdauen und um unsere skurrilen Abenteuer zu teilen. Anfangs in Form von Newslettern an Freunde, später als Blog. So hab ich mit Hoi Berlin angefangen.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3192

Hat bloggen etwas Exhibitionistisches? Das digitale Tagebuch – zugänglich für alle?
Exhibitionistisch hat etwas Negatives. Ich habe das nie so empfunden. Schreiben oder bloggen ist für mich wie ein Kick. Es gibt mir einen positiven Adrenalinschub, es tut mir gut, das zu machen. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch sehr privat ist. Aber wenn du im Ausland bist, hast du auch eine andere Offenheit. Zudem: Die Leute haben ja immer noch die Wahl, ob sie es lesen wollen oder nicht und mein Freundeskreis hat mich anfangs sehr bestärkt, ich soll mit meinen Texten nach aussen gehen. Ich bin heute froh um diesen Schritt.

 

Ich blogge für mich und bin sehr intuitiv. Es ist ein Hobby, das mich sehr erfüllt.

 

Bloggst Du für Dich oder Deine Leser?
Ich blogge für mich und bin da sehr intuitiv. Es ist ein Hobby, das im Moment in ein Seitenbusiness umkippt, weil ich gewisse Anfragen und Kooperationen mache, für die ich finanziell entschädigt werde und die mir auch zeigen, dass sich all die Arbeit und Mühe, die ich bis jetzt in Hoi Berlin reingesteckt habe, gelohnt hat. Bloggen erfüllt mich. Und ich habe gemerkt, es kommt auch an. Ich werde in letzter Zeit immer häufiger von fremden Menschen angesprochen oder auch angeschrieben, die mich bestärken und die mir sagen, dass sie mich und meine Art zu bloggen sehr schätzen. Die Fotos, die Texte und auch die Tatsache, dass ich kein typischer, aufgeräumter Mamablog bin. Das authentisch sein kommt sehr gut an.
So möchte ich es auch nicht ändern durch irgendwelche absurden Werbeverträge oder Produkte, die nicht zu mir passen. Zudem habe ich den Luxus, Hoi Berlin so freigeistig zu gestalten, wie ich will, weil ich nebenbei noch Textaufräge habe, die mir (mehr oder weniger) ein regelmässiges Einkommen sichern.

Von wegen Kiludo: War Basteln schon immer Deins?
Ja. Schon als Kind. Ich konnte mich stundenlang beschäftigen damit. Meine Eltern sind auch sehr kreativ, da hab ich wohl einiges von ihnen mit auf den Weg bekommen.

Haben Deine Kinder das auch?
Total. Maus vor allem. Sie hat vor kurzem ja auch einen eigenen Beitrag für Hoi Berlin gemacht.

Deine Kinder kommen auch im Blog vor. Fotos von ihnen sind online. Findest Du das kein Problem?
Ich habe das von Anfang an so entschieden und mit meinem Mann abgesprochen. Ich weiss, es ist ein heikles Thema. Aber ich wähle die Fotos wirklich sehr bewusst auf. Und immer mit der Frage im Hinterkopf: Könnten sie sich dafür einmal schämen, damit ein Problem haben? Es gibt also nichts Intimes online über die Kinder. Ich probiere es nach meinem besten Gutdünken zu machen. Ich habe sie ja auch nicht mit Namen drin sondern mit Maus und Mips – so haben wir sie schon immer genannt. Es gab auch schon Leute, die dachten unsere Kinder heissen wirklich so. Sie werden mit der ganzen Digitalisierung ohnehin anders aufwachsen und haben einen anderen Zugang.

Wie finden es die Kinder?
Maus ist sich etwas am distanzieren, sagt ganz klar, dass sie weniger präsent sein will. Das ist natürlich auch voll ok. Ich frage sie jedes Mal, ob sie mitmachen will. Sie muss aber nie, sondern darf, wenn sie Lust hat. Sie möchte lieber häufiger hinter der Kamera stehen und würde am liebsten nur Hotels testen und reisen.

 

Hoi Berlin ist für mich nicht einfach ein Mamiblog. Längerfristig darf es sich auch von den Kindern wegbewegen, weil die Kinder sich ja auch von mir wegbewegen werden.

 

Wo möchtest Du hin?
Langfristig möchte ich mein Geld ganz klar mit dem Schreiben und Gestalten verdienen. Ich finde gerne Geschichten, suche nach dem etwas anderen Ansatz. Ich scheue da auch keinen Aufwand. Hoi Berlin ist mein Portfolio, meine Piste, um zu starten. Mit dem Geld zu verdienen, das ich liebe, ist mein Ziel. Hoi Berlin ist für mich kein typischer Mamiblog. Meine Kinder sind dafür schon zu alt. Längerfristig darf es sich auch von den Kindern wegbewegen, weil sie sich ja längerfristig auch von mir wegbewegen werden. Es soll eine ganz natürliche Entwicklung sein. Hoi Berlin geht also mit mir mit, es ist an mich gekoppelt und nicht an die Kinder. Ich versuche auch andere Themen reinzubringen. Aber klar, im Moment spielen sie eine zentrale Rolle in meinem Leben.

Tadah_Hoi_Berlin_IMG_3172

Betreuungssituation:
Claudia arbeitet 60% als Freelancerin für diverse Print- und Onlinemagazine und nimmt gerne auch neue Aufträge an. Maus geht zur Schule und Mips in den Kindergarten. Beide gehen in den Hort oder zu Nachbarn.