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Tadah

Clare Howard: Vom Auswandern und Ankommen.

Clare Howard war schon an vielen Orten zuhause. Aktuell ist ihr Dihei Zürich, wo sie 2018 ihren eigenen Blumenlieferdienst BLOEM gegründet hat. Sie spricht mit uns über Heimat, Kompromisse und das grösste Abenteuer überhaupt: das Leben selbst. Aber eins nach dem anderen.

 


Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit unseren Partnern von

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Clare Howard ist Gründerin des Blumen-Lieferdiensts BLOEM. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem 16 Monate alten Sohn wohnt sie in Zürich.

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Tadah: Du bist in England geboren, in die Niederlande, dann nach Deutschland und später nach Brüssel gezogen. Und bist 2017 mit Deinem Mann in Zürich gelandet. Weshalb Zürich?
Es war ein ziemlich spontaner Umzug – mein Mann und ich waren eigentlich gar nicht auf der Suche nach etwas Neuem in beruflicher Hinsicht. Wir waren glücklich und hatten ein gutes Leben. Aber das Leben ist voller Überraschungen und wir waren ready für ein neues Abenteuer. Wir kündigten also unsere Jobs, haben alles eingepackt und zogen nach Zürich. Im Prinzip fingen wir wieder bei Null an. Alles war neu: das Land, die Leute, die Kultur, die Sprache. Mein Mann begann einen neuen Job und ich war das erste Mal arbeitslos und wusste noch nicht, wie sich mein Leben hier gestalten würde. Aber es fühlte sich gut, erfrischend an – Zürich war sehr einladend.

 

Das Leben ist voller Überraschungen und wir waren ready für ein neues Abenteuer.

 

Vermisst Du England?
Ich glaube, es ist nicht so einfach, nur mit Ja oder Nein zu antworten. Ich habe England bereits 2006 verlassen. Obwohl der Ort, an dem meine Eltern leben, für immer «mein Zuhause» sein wird, bin ich glücklich, dass ich in den letzten Jahren auch andere Länder Zuhause nennen konnte. Ich werde meinen Eltern immer dankbar sein, dass sie mich ermutigt haben, meine Flügel auszubreiten und die Welt zu entdecken. Jetzt, da ich selbst Mutter geworden bin, realisiere ich, dass dies viel Mut erfordert. Und: Natürlich vermisse ich Familie und Freunde, aber heutzutage ist es so einfach, in Kontakt zu bleiben. Skype, Facetime und Whatsapp haben die Art und Weise, wie wir leben und miteinander kommunizieren, positiv verändert.

Trotzdem sind Freundschaften anders, wenn die besten Freunde nicht hier leben, oder?
Ich glaube, dass wahre Freundschaft keine Distanz kennt. Man begegnet vielen Menschen auf seinem Weg, einige kommen, andere gehen. Aber die, die bleiben – egal unter welchen Umständen – sind diejenigen, die ein Leben lang da sind. Natürlich frage ich mich manchmal, ob das Leben besser oder einfacher gewesen wäre, wenn ich näher an meinem Zuhause geblieben wäre. Aber die Realität ist, dass ich mir mein Leben nicht anders vorstellen kann, wie es jetzt ist. Es war nicht immer einfach, in einem fremden Land neu anzufangen (in den letzten 15 Jahren habe ich in fünf verschiedenen Ländern gelebt), aber es hat mich erfüllt und ich bin dankbar für die Person, die ich geworden bin. Und für die Freunde, die ich fürs Leben gefunden habe.

In fünf verschiedenen Ländern? Wow. Wo hast Du überall gelebt?
In England lebte ich in Hythe, in Holland in Groningen, in Belgien in der Hauptstadt Brüssel, in Deutschland in Mannheim und nun in der Schweiz in Zürich.

Welches davon ist Deine Heimat?
Für mich ist Heimat nicht ein Ort, sondern ein Gefühl. Heimat ist für mich dort, wo ich mich wohl, sicher und glücklich fühle. England wird immer meine Heimat bleiben, egal was passiert, denn dort bin ich geboren und aufgewachsen. Aber im Moment betrachte ich die Schweiz auch als Heimat und als den Ort, an den ich mich zurücksehne, wenn ich weg war. Seit ich hierher gezogen bin, habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet und mein erstes Kind bekommen – dies ist unser Zuhause, wo wir glücklich sind.

 

Für mich ist Heimat nicht ein Ort, sondern ein Gefühl. Heimat ist für mich dort, wo ich mich wohl, sicher und glücklich fühle.

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Du führst seit 2018 Deinen eigenen Blumenlieferdienst BLOEM – was hast Du davor gemacht?
Vor BLOEM habe ich für Henkel gearbeitet. Ich begann meine Karriere im Bereich HR & Employer Branding und wechselte nach vier Jahren ins Key Account Management. Vom Verkauf von Wäscheprodukten zu Blumen – ein nicht sehr typischer Karriereweg. Doch es war einer, der mir Selbstvertrauen gab und geholfen hat, 2018 mein eigenes Unternehmen zu gründen.

Wie kam's dazu?
BLOEM wurde im April 2018 gegründet, acht Monate nachdem ich nach Zürich gezogen war. Ich hatte meinen alten Job gekündigt und wollte mir etwas Zeit nehmen, um diese neue Stadt zu geniessen und herauszufinden, was ich als Nächstes tun wollte. Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, was das sein sollte. Vor allem wollte ich nicht ins Corporate Life zurückkehren. Also begann ich, mich nach Stellen in kleineren Unternehmen und Start-ups umzusehen. Gleichzeitig stellte ich fest, dass es schwierig war, schöne Blumen zu einem bezahlbaren Preis zu bekommen. Ich war schon immer ein Flowergirl, genau wie meine Mutter und Grossmutter.

 

Vom Verkauf von Wäscheprodukten zu Blumen – ein nicht sehr typischer Karriereweg.

 

Wie Tadah entstand also Deine Businessidee aufgrund eines fehlenden Angebots aus Deinem eigenen Bedürfnis heraus?
Genau. Ich stellte fest, dass die meisten Blumenläden das gleiche, begrenzte Angebot hatten und dass die Blumen im Laden oft schon blühten und das Ende ihres Lebenszyklus erreicht hatten. In den Niederlanden kauft man keine Blumen, die gerade blühen. Das ist wie Geld wegwerfen. Blumen sollten immer frisch und die Knospen noch geschlossen sein, damit man sich zu Hause oder im Büro möglichst lange an ihnen erfreuen kann. Ich gebe zu, dass die Idee nicht von einem Tag auf den anderen geboren wurde, aber ich fing langsam an, einen kleinen Samen in meinem Kopf zu pflanzen und spürte, dass eine Marktlücke bestand. Es gab keinen bequemen und flexiblen Blumenlieferdienst, der frische und saisonale Sträusse anbietet. Also begann ich, den Markt zu analysieren, recherchierte, wie ich an Blumen herankommen könnte, und erstellte eine Website. Ich habe alles von Grund auf selbst gemacht, meine Mission: delivering happiness in the freshest form.

Ein schöner Claim. Was liebst Du an Blumen?
Ich liebe es, wie Blumen Freude ausstrahlen und wie sie sofort die Atmosphäre und Stimmung in einem Raum verändern. Was mir aus meiner Zeit als Blumenkurierin immer in Erinnerung bleiben wird, ist, dass die Kunden die Tür immer mit einem breiten Lächeln im Gesicht geöffnet haben. Obwohl die Arbeit mit Blumen viel anstrengender ist als die meisten Leute denken, ist sie auch sehr therapeutisch. Die Arbeit mit einer der Kreationen der Natur ist sehr befriedigend. Für mich sind Blumen Glück in der frischesten Form.

 

Für mich sind Blumen Glück in der frischesten Form.

 

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Dann kam Matias. Was hat sich verändert?
Matias wurde im Mai 2020 geboren, zwei Jahre nachdem ich mit BLOEM begonnen hatte. Leider hatten wir einen schwierigen Start. Nach seiner Geburt wurde er unerwartet in die Notaufnahme des Kinderspitals gebracht. Ich hatte nur zehn Minuten mit ihm, bevor er weggebracht wurde. Mein Mann durfte aufgrund der Covid-Vorschriften nicht bei mir bleiben, und so wurden wir drei in einem Moment getrennt, der eigentlich einer der glücklichsten unseres Lebens hätte sein sollen. Das Wichtigste ist jedoch, dass nach einer Woche auf der Neonatologie alles in Ordnung war und er jetzt glücklich und gesund ist. Das allein war schon ein Weckruf: Wenn dir dein Kind weggenommen wird, ohne dass du weisst, ob alles okay sein wird, wird dir noch mehr bewusst, wie kostbar das Leben ist und was für ein Wunder es ist, ein Kind auf die Welt zu bringen.

 

Ich bin dankbar, dass ich das tun kann, was mir am Herzen liegt, während ich meinen Sohn grossziehe.

 

Zum Glück! Mami und gleichzeitig Geschäftsführerin eines neuen Unternehmens zu sein – funktionierte das von 0 auf 100?
In vielerlei Hinsicht bin ich dankbar, dass ich diese zwei Jahre vor Matias hatte, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und zu etablieren. Auf der anderen Seite habe ich immer noch das Gefühl, dass es so viel zu tun gibt. Ich habe immer noch so viele Ideen, aber nicht mehr genug Zeit.

Diesen Struggle kennen wir nur allzu gut.
Ja, es war und ist nicht immer einfach, sich mit der Tatsache anzufreunden, einen Kompromiss finden zu müssen, um auch mein Leben als neue Mama geniessen zu können. Es war aber unbedingt notwendig: Zu akzeptieren, dass ich zum Beispiel nicht gleichermassen Gas geben kann oder bis in die frühen Morgenstunden arbeiten kann, mit dem Wissen, dass mir allenfalls eine unruhige Nacht bevorsteht. Aber das ist ok, denn es gibt mehr im Leben, und das Leben ist besser mit Matias.

So wie's scheint, hast Du diesen Kompromiss gefunden und kannst gut zwischen beiden Rollen jonglieren.
Es ist möglich, beides zu tun, aber du musst dich anders organisieren und die Zeit, die du arbeitest, optimieren. «Be kind to yourself» und gönn dir selbst ein wenig mehr Zeit, wenn du sie brauchst. Ich bin dankbar, dass ich das tun kann, was mir am Herzen liegt, während ich meinen Sohn grossziehe. Ich liebe es, Mutter zu sein, und ich denke es ist wichtig, ein Vorbild zu sein und Matias zu zeigen, dass ihm die Welt zu Füssen liegt, wenn er hart arbeitet und sich engagiert.

 

Es ist möglich, beides zu tun, aber du musst dich anders organisieren.

 

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Wie organisierst Du Dich in der Familie?
Bevor Matias geboren wurde, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich war mir nicht sicher, wie ich mich als neue Mutter fühlen werde und was ich mir für mein Kind wünschen würde, aber ich wusste auch, dass ich BLOEM nicht aufgeben wollte.

Arbeitet Dein Mann Vollzeit?
Ja, er hat ebenfalls einen sehr intensiven Job. Und da wir unsere Familien nicht in der Nähe haben, war uns klar, dass es nicht immer einfach sein wird. Um ehrlich zu sein, sind wir dankbar, dass mein Mann dank Covid in der Zeit als Matias klein war, nicht verreisen musste. Als er 5,5 Monate alt war, fing er an, zwei Tage die Woche in die KiTa zu gehen, was inzwischen auf vier Tage erhöht wurde.

 

Da wir unsere Familien nicht in der Nähe haben, war uns klar, dass es nicht immer einfach sein wird.

 

Und bevor Matias in die KiTa ging?
Da arbeitete ich, wann immer ich konnte, z.B. zwischen den Schläfchen. Der grösste Teil der täglichen Blumenarbeit wurde von meinen Mitarbeitern erledigt. Für mich war es wichtig, die Blumenlieferungen am Laufen zu halten. Zum Glück waren die Veranstaltungen wegen Covid nicht sehr gefragt. Obwohl ich nicht sagen würde, dass ich völlig abschalten konnte – ich glaube, das kann man nie, wenn man ein eigenes Unternehmen führt – konnte ich einen Schritt zurücktreten und diese ersten Monate als frischgebackene Mutter geniessen.

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Wie hast Du Dich verändert, seit Du Mutter bist?
Das ist eine schwierige Frage. Obwohl ich versuche, mich nicht als anders zu betrachten, bringt die Geburt eines Kindes natürlich ein neues Mass an Verantwortung und Verletzbarkeit mit sich. Ich bin immer noch dieselbe Clare, nur meine Prioritäten haben sich leicht verschoben, und ich weiss, dass sie sich weiter verschieben werden, wenn unsere Familie wächst und wir in verschiedene Lebensabschnitte eintreten.

Und was hast du in Deiner bisheriger Zeit als Mutter gelernt?
Ich war schon immer jemand, der andere vor sich selbst gestellt hat, aber ich denke, dass ich als Mutter gelernt habe, dass ich mich selbst öfter in den Vordergrund stellen muss, damit ich mein bestes 'Ich' für meine Familie sein kann. Selfcare ist etwas, woran ich immer noch arbeite. Ich denke, es ist so wichtig, sich ab und zu etwas Gutes zu gönnen, sei es ein Blumenstrauss, eine Maniküre oder einfach eine Auszeit vom «Mutter-Sein». Ein Kind grosszuziehen ist der beste Job der Welt, aber auch einer der schwersten – wir alle wollen das Beste für unsere Kinder, aber das kann auch dazu führen, dass wir das Gefühl haben, das ganze Gewicht auf unseren Schultern zu tragen. Wenn du dein Bestes gibst, tust du genug. Be kind to yourself!

 

Ein Kind grosszuziehen ist der beste Job der Welt, aber auch einer der schwersten.

 

Wir könnten es nicht besser sagen, Danke für die Worte, Clare. Noch zum Abschluss: Wo bist Du in fünf Jahren? Wo in zehn?
Wenn du mir die gleiche Frage vor fünf oder zehn Jahren gestellt hättest, hätte ich sie wahrscheinlich völlig falsch beantwortet. Das Leben ist ein Abenteuer. Ich habe immer versucht, das anzunehmen, was auch immer in meinen Weg kommt und ich glaube, dass alles aus einem Grund geschieht. Wo ich sein werde, weiss ich nicht. Mein grösster Wunsch ist es, eine glückliche und gesunde Familie zu haben, wo auch immer das sein mag. Lass uns in fünf Jahren nochmals sprechen.

Abgemacht. 

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Betreuungssituation:
Clare arbeitet 80% und ihr Mann Cedric 100%. Sohn Matias (15 Monate alt) geht vier Tage pro Woche in die KiTa.


Bilder von Dominic Wenger