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Tadah

Christina Braun: mit Baby durch Europa.

Mit Kindern zu reisen ist anstrengend. Viel zu viel Gepäck, viel zu viele Risiken und viel zu viel Stress. Dachten wir. Bis wir Christina Braun auf einem Teil ihrer Europareise begleitet haben. Mit im Gepäck: ein glückliches Baby und tausend Geschichten vom Abenteuer.

Bilder von Julia Bochanneck

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Christina Braun ist Spanisch- und Englisch-Lehrerin. Als Weltenbummlerin ist sie – wann immer sie kann – unterwegs. Als frischgebackene Mutter hat sie nun ihr Baby eingepackt und reist zwei Monate durch Portugal, Spanien, Frankreich und die Schweiz.

TadahWann hast Du Dich entschieden, diese Reise zu machen?
Da ich Spanischlehrerin bin, wollte ich schon länger mal nach Spanien und mir alle Städte anschauen. Klar war für mich, dass diese Reise eine Weile dauern würde und auch sollte. Die sechs Wochen Sommerferien, die ich habe, waren dafür zu kurz. Also habe ich mich kurzerhand entschlossen, diese Reise mit Baby in meiner Elternzeit zu machen.

Und der Papa?
Er hat sein eigenes Unternehmen und muss arbeiten. Er konnte uns somit nicht begleiten. Klar hatte er gemischte Gefühle. Auf der einen Seite kannte er meine Reiselust und er fand gut, dass ich das machen wollte. Auf der anderen Seite wusste er auch, wie sehr er uns vermissen würde.

Reisende soll man ziehen lassen.
Genau. Und er wusste ja auch ganz klar, dass ich wieder zurückkomme.

Wie hast Du dich gefühlt, als es endlich losging?
Furchtbar!

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Wieso bloss?
Ich habe mich lange Zeit sehr gefreut. Als es dann aber losging, wurde ich total nervös. Habe ich alles eingepackt? Habe ich alles richtig gebucht? Habe ich an alles gedacht, was ich unterwegs brauchen würde? Und der Abschied vom Papa war wirklich furchtbar. Mein Freund hat zwar versucht, es so kurz wie möglich zu halten und mir ein gutes Gefühl zu geben, aber ich habe das nicht hinbekommen.

Du hast Dir Vorwürfe gemacht?
Und wie. Ich habe mich in den ersten Stunden wie eine Rabenmutter gefühlt, die dem Papa das Kind wegnimmt. Ich habe mich auch gefragt, ob das egoistisch ist, was ich mache. Und ob ich gar nicht auf die Bedürfnisse meines Kindes eingehe.

Wie hast Du es geschafft, die Reise trotzdem zu geniessen?
Ich musste mich beruhigen. Also habe ich mir gesagt: «Wenn ich auf halber Strecke merke, das passt nicht, dann nehme ich einfach den Flieger und geh nach Hause.» Ich war ja nicht im Dschungel, sondern in Spanien. Und mit jeder Etappe kam mehr Sicherheit und mehr Freude.

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Wie haben andere Mütter auf Dein Vorhaben reagiert?
Ganz unterschiedlich. Die, die mich kennen mit : «Oh Mann, typisch.» Viele haben mit Bewunderung reagiert. Im Sinne von: «Finde ich toll, dass Du Dich sowas traust.» Auf der anderen Seite gab es auch genug Mütter, die mich total entgeistert angeschaut haben: «Dein Ernst? So lange, so weit weg? Ohne Partner? Was, wenn was passiert?»

Und wie hat der Kleine den neuen Alltag aufgenommen?
Der hat das ganz toll gemacht. Ich habe echt das Gefühlt, er liebt es. Wir sind immer unterwegs, es ist immer etwas los, wir sind draussen… Er hat Spass. Das sage ich nicht, weil ich es mir wünsche, sondern weil er dauernd am Lachen ist. Er ist happy. Ich glaube wirklich, ihm passt das alles.

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Du hast mit der Planung begonnen, da warst Du noch schwanger. Wie bist Du vorgegangen?
So richtig geplant habe ich die Reise nicht. Ich habe mir Start- und Rückkehr-Zeitpunkt offen gelassen. Und so kam eins zum anderen. Wir hatten Kurzurlaub in Malaga geplant – ganz unabhängig von meiner Reise. Da kam mir die Idee, diese Station als Zwischenstopp einzuplanen. So habe ich mir also überlegt, wann ich abfahren müsste, um zum gegebenen Zeitpunkt in Malaga zu sein. Im Grossen und Ganzen war einfach klar: Ich will mehrere Wochen unterwegs sein, möchte aber nicht die ganze Zeit alleine reisen.

Mit wem warst Du denn unterwegs?
Ich habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis Werbung gemacht. Im Sinne von: Wer hätte Lust, eine kürzere oder längere Etappe gemeinsam mit uns zu bestreiten? So haben sich dann die Leute mit ihren Destinations- und Datenwünschen gemeldet. Dann habe ich angefangen, die Bausteine zusammenzufügen. Die eine Freundin kommt nach Barcelona, die andere nach Madrid, so ist peu à peu die ganze Route entstanden.

Du hattest immer Begleitung?
Die ersten fünf Tage sind wir von Zürich nach Nizza gefahren – alleine. Das waren die Tage, an denen ich ultranervös war. Ich wurde mir der ganzen Verantwortung, die ich mir aufgelastet hatte, erst jetzt so richtig bewusst. In Nizza kam dann die erste Freundin für eine Woche dazu. Und ab da war immer jemand dabei – bis am Schluss.

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Zeit für Dich zu haben, hat Dir das nicht gefehlt?
Zwischendurch hatte ich mal einen Tag für mich. Rückblickend hätte ich das öfters haben sollen. Auch wenn es toll ist, immer jemanden um sich zu haben. Aber manche Tage sind doch sehr anstrengend und man hätte sich am Abend mal etwas Zeit für sich selbst gewünscht.

Hast Du eine feste Reiseroute geplant? Oder das Tempo dem Kleinen angepasst?
Ich wusste schon, welche Städte ich mir anschauen wollte. Die Dauer der Fahrten und die einzelnen Teilabschnitte habe ich aber komplett nach dem Kleinen ausgerichtet. Ich bin dann gefahren, wann er schlief, damit es für ihn am angenehmsten ist. Es ging nach seinem Rhythmus. Deshalb hat es wohl auch so wunderbar geklappt.

Wie verläuft denn so ein typischer Reisetag?
Er wacht auf – vor mir, natürlich. Meist ist das so gegen 07:00 Uhr. Nach dem Schmusen und Aufstehen bekommt er seinen Brei und ich mein Frühstück. Dann packen wir, und los geht's.

Früher Vogel fängt den Wurm.
So früh ist es dann doch nicht. Packen mit Baby dauert einfach. Bis wir loskommen ist meist schon 10:00 Uhr. Was aber super ist, denn dann steht schon wieder sein nächstes Schläfchen an und ich kann in Ruhe fahren. Am neuen Ort angekommen, suchen wir nach unserer Unterkunft, essen zu Mittag, schauen uns die Stadt an und dann ist auch schon wieder Zeit fürs Bett. Also zumindest fürs Baby.

Du bist nie ausgegangen?
Ich war selten unterwegs. Mir war wichtig, dass er seinen Schlaf bekommt. Ich habe deswegen drauf geachtet, dass wir ein Appartement hatten, damit ich mit meiner Begleitung doch noch einen geselligen Abend haben konnte.

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Ohne was wärst Du nicht ausgekommen?
Ohne den Reisewasserkocher. Der war wahnsinnig oft in Gebrauch. Für den Schoppen und den Brei, um die Fläschchen zu desinfizieren, um Mittagessen darin warm zu machen oder, um mir selbst einen Kaffee oder Tee zu brauen. Er lief quasi ununterbrochen. An zweiter Stelle kommt die Babytrage. Ohne Trage wär es schlicht nicht gegangen. Auf Platz drei fungiert mein Rucksack. Ich hatte erst eine grosse Schultertasche: unglaublich unpraktisch. In Valencia hab ich mir dann den Rucksack gekauft. Und bin seither ein riesen Fan davon.

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Wir sind jetzt fast am Ende Deiner Reise. Bist Du froh, dass Du bald daheim bist oder willst Du am liebsten gleich wieder los?
Ich bin seit jeher ein Nomadenkind. Ich reise für mein Leben gern und habe viel Zeit im Ausland verbracht. Wenn man einmal Blut geleckt hat, packt's einen immer wieder. Jetzt, wo es dem Ende zugeht, habe ich gemischte Gefühle. Ich freue mich sehr auf meinen Partner. Aber ich könnte schon noch eine Weile so weitermachen, wenn er uns jetzt begleiten würde.

Hat sich die Bedeutung von «Zuhause» verändert?
Wenn man «Daheim» als Bild eines klassischen Hauses sieht, dann ist es mir egal, in welchem Haus ich bin. Wenn der Kleine da ist, ist alles Zuhause. Wenn ich es als Gefühl ausdrücken muss, dann ist Daheim bei meinem Partner. Ich vermisse also unsere Räume nicht (auch wenn es da sehr schön ist).

Wie hat diese Reise Deine Beziehung zu Deinem Sohn verändert?
Ich habe nun viel Vertrauen zu mir selbst und viel mehr Vertrauen auch zu meinem Kind. Ich dachte immer, ich brauche jemanden an meiner Seite, damit alles gut geht. Mittlerweile weiss ich: Ich krieg's auch alleine hin. Klar habe ich mir oft meinen Partner an die Seite gewünscht, weil es einfacher gewesen wäre. Aber wenn man keine Möglichkeit hat, dann schafft man alles auch alleine. Der Kleine spürt meine Souveränität und mein Vertrauen und ist deswegen sehr entspannt.

Wenn Du Zuhause ankommen wirst: Was wirst Du am allermeisten vermissen?
Das Unterwegssein. Dass ich immer an einem anderen Ort bin, etwas Neues erlebe und entdecke.

Und was wirst Du gar nicht vermissen?
Meine Reisetasche und das Packen. Das war mit Abstand das Mühsamste.

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Welcher Stopp war für Dich der Schönste bis jetzt?
Total begeistert war ich von Madrid – eine Wahnsinnsstadt. Da war so viel los, so viele schöne Eindrücke. Da habe ich so viele Menschen getroffen, meine Arbeitskollegin war per Zufall da. Da war alles so stimmig. Eine andere schöne Etappe war die im Süden Spaniens, von Valencia bis Malaga. Granada zum Beispiel. Die Woche, die ich mit meinem Partner verbringen konnte, war in einem anderen Sinn sehr schön, obschon ich den Ort schon kannte. Die Etappe mit meinem Papa war wunderschön, weil man Familie bei sich hat und sich irgendwie auch mehr entspannen konnte. Oder aber die Etappe, auf der mich eine andere Mutter mit ihrem Baby begleitet hat.

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Wie schwierig stellst Du Dir den Gang zurück in den Alltag vor?
Gar nicht. Ich weiss ja, wie schnell man wieder drin ist. Auspacken, waschen und schwupps ist man zurück im Alltag. Nach 1-2 Wochen fühlt sich die Reise schon wieder weit weg an.

Und zu guter Letzt: Würdest Du es wieder tun?
Sofort! Ich müsste ja eigentlich gar nicht aufhören, wenn mein Schatz bei mir wäre. Aber ich habe auch schon wieder ein neues Projekt im Hinterkopf. Aber ich warte eine Weile, bis ich das meinem Partner gegenüber äussere. Der lässt mich so schnell nicht wieder weg.

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