Viele Mütter fragen sich, wie sie Job und Familie unter einen Hut bringen sollen. Wir haben bei einer nachgefragt, die es wissen muss. Denn Tina Aeberli ist nicht nur die beste Footbagspielerin der Welt, sie hat auch ihr Medizinstudium mit Bravour gemeistert. Und dabei drei Kinder bekommen.

Tina Aeberli ist dreifache Mutter, studierte Humanmedizinerin auf dem Weg zu ihrem Facharzttitel, achtfache Europameisterin und sechsfache Weltmeisterin im Footbag und ganz einfach ein Tausendsassa.
Noch keine 30 und schon dreifache Mutter. Alles geplant?
Ich wollte schon immer Kinder. Und ich dachte schon immer, dass ich sie gerne früh haben möchte. Meine Eltern haben mich auch eher jung bekommen. Bereits in der Primarschule habe ich gemerkt, dass ich es nicht lässig finde, wenn der Vater schon 60 ist, wenn die Kids in die Schule kommen. Wie viele Kinder ich haben möchte, darüber habe ich mir aber nie konkret Gedanken gemacht.
Und Du wolltest auch schon immer Medizin studieren?
Als ich mir überlegt habe, ob ich diese Richtung einschlagen will oder nicht, dachte ich, ich müsse einen Grundsatzentscheid treffen. Denn ich glaubte zu wissen, dass Medizin nicht in Frage käme, sollte ich eine Familie haben wollen. Zuviel Arbeit und zu unregelmässige Arbeitszeiten…
Nun, Du bist Ärztin. Irgendwas hat Dich also umgestimmt?
Ich habe erst Umweltnaturwissenschaften an der ETH studiert. Doch nach einem halben Jahr habe ich mich für das Medizinstudium angemeldet – auch wenn ich meine Studienrichtung an sich super fand. Ich habe mir gesagt: «Jetzt probierst Du mal diesen Numerus Clausus und dann schaust Du weiter.»
Es ist der beste Beruf, den es auf der Welt überhaupt gibt.
Du hast bestanden und hast Dein Studienfach gewechselt. Hast Du das jemals bereut?
Nein. Das Medizinstudium fand ich super toll. Und auch der Beruf ist an und für sich ein Traumberuf. Aber der Weg ist steinig. Zumal unter den Ärzten immer noch sehr veraltete Strukturen und Sichtweisen verbreitet sind.
Geschlechterbezogen?
Leider, ja. Vor allem was das Familienmodell und die Arbeitszeiten anbelangt.
Das heisst, der Beruf respektive das Studium sind nicht vereinbar mit einer Familie.
Genau. Zumindest die Phase, in der du im Spital deine Dienste absolvieren musst, ist eigentlich gänzlich inkompatibel mit einer Familie. Damit das überhaupt möglich ist, musst du als Mutter extrem rundrum organisieren und viele Abstriche machen im Privatleben. Nachher, also wenn du fertig bist und zum Beispiel als Hausarzt oder Pädiater arbeitest, da bin ich der festen Überzeugung: Es ist der beste Beruf, den es auf der Welt überhaupt gibt. Und genau das ist auch mein Ziel.
Wie lange noch bis dahin?
Nach dem Studium steht die Assistenzzeit an. Da bin ich jetzt im ersten Jahr. Und je nach Facharztrichtung, die man einschlagen möchte, dauert das noch fünf bis sechs Jahre. Dies in einem 100%-Pensum wohlgemerkt. Es dauert bei mir also noch einen ganzen Moment.

Wann hast Du Dein erstes Kind bekommen?
In der Halbzeit meines Studiums, mitten in den Semesterferien.
Du hast dann pausiert?
Nein, nach einem Monat ging das Studium wieder los.
Wie ging das denn?
Das Medizinstudium ist so aufgebaut, dass du viele Vorlesungen hast, in denen du keine Anwesenheitspflicht hast. Dann wiederum gibt es Kurse, in die du gehen musst. Dies umfasst vor allem die praktischen Blöcke in den Spitälern. Ich habe mir gedacht, ich probiere mal all diese obligatorischen Kurse zu absolvieren. Das ging ganz gut, zumal diese immer nur maximal zwei Stunden dauern.
Wie hast Du Dich organisiert mit dem Baby?
Durch diese kurzen Kursdauern ging das gut auf. Meine Mitstudentinnen, die nicht in der gleichen Kursgruppe wie ich waren, haben auf meine Tochter aufgepasst. Und sie ging dann auch bereits mit vier Monaten zwei Tage die Woche in die Krippe. An diesen Tagen hatte ich dann Zeit, um zu lernen. Und obwohl ich mir anfangs nicht sicher war, ob ich die Prüfungen schreiben würde, habe ich es getan.
Du hast also keine Vorlesungen besucht und trotzdem bestanden?
Ja. Ich habe das Glück, dass ich relativ schnell lerne. Und auch wenn – oder vielleicht gerade weil – es viel Stoff war, ging es gut. Wenn du wenig Zeit zur Verfügung hast, dann machst du halt nur das Wichtigste. Medizinstudenten haben die Tendenz alles auswendig lernen zu wollen. Dafür fehlte mir schlichtweg die Zeit.
Hast Du durch Dein Studium etwas am Muttersein mit Deinem erstem Kind verpasst?
Ich hatte anfangs ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich sie so früh in die Krippe gebe. Aber wenn ich so zurückschaue, dann war es gut. Ich habe zwar früh wieder angefangen, Dinge zu tun, aber trotzdem war ich im Studium flexibler als bei der Arbeit. Ich konnte zum Beispiel in die Krippe zum Stillen und bin dann nach Hause, um weiter zu lernen.
Du hast gestillt?
Ja, bis sie knapp ein Jahr alt waren. Und das beide Kinder.
Wann kam denn Nummer 2?
Im Wahlstudienjahr, dem praktischen Jahr, das wir absolvieren müssen, bin ich wieder schwanger geworden. Anfangs des letzten Studienjahrs kam das Baby zur Welt. Man muss dazu sagen: Das letzte Studienjahr ist vor allem Vorbereitung aufs Staatsexamen. Man hat Kurse in den Spitälern, aber vor allem geht es darum, nochmals alles zu lernen.
Wenn du wenig Zeit zur Verfügung hast, dann machst du halt nur das Wichtigste.
Und auch das ging?
Ich muss zugeben, dass ich mir da schon mehr Gedanken gemacht habe und auch mehr Zweifel hatte. Ich hatte bis dahin keine Zeit verloren, ich hätte mein Staatsexamen um ein ganzes Jahr schieben können. Das wäre wohl gegangen. Aber alles in allem sind sie vom Studiendekanat her nicht sehr entgegenkommend.
Investition in Bildung und Frauen – und dann keine Unterstützung?
Mehr als 50% der Studierenden sind Frauen und wir haben einen akuten Ärztemangel. Trotzdem steigen sehr viele Frauen aus, nachdem sie ein Kind bekommen haben. Aussteigen kam für mich nie in Frage. Aber ich habe mir überlegt, zu pausieren. Die beiden Ärzte, bei denen ich in der Praxis mein Wahlstudienjahr gemacht habe, haben mich dann zum Staatsexamen überredet. Sie haben auf ihre Art und Weise Druck gemacht. Und sie haben mir gesagt: «Du schaffst das!» Das hat mir Mut gemacht.
Und Du hast Dich also zum Staatsexamen angemeldet?
Ich habe mir nicht fix in den Kopf gesetzt, an die Prüfungen zu gehen, sondern habe einfach mal angefangen zu lernen. Und ich habe gesehen, dass es geht. Doch es kam der Moment, an dem ich mich entscheiden musste. Die Anmeldung für das Staatsexamen kostet 3000 CHF. Ich wusste, wenn ich mich anmelde, dann muss ich mir wirklich Mühe geben. Ich hatte Zweifel, aber…
Aber sie waren nicht berechtigt. Richtig?
Nein, schlussendlich gar nicht.


Wie waren den die Reaktionen von Deinen Kommilitonen?
Es gab Leute, die dachten, ich sei nicht ganz normal. Ich war nicht mehr viel an der Uni und die Leute, mit denen ich direkt im Kontakt stand, die haben viele Fragen gestellt. Es hat sie wirklich interessiert. Sie haben aber alle gut reagiert. Aber es gab sicherlich Situationen, die waren auch schwierig.
Zum Beispiel?
Im letzten Jahr hast du eine Pathologieprüfung. An der Prüfung wird ausgelost, ob du Histo- oder Makropathologie hast. Die Makropathologie ist eine Prüfung, die du an toten Organen absolvierst, die in Formaldehyd eingelegt sind. Dafür gibt es einen Vorbereitungskurs. Ich durfte diesen Kurs weder schwanger noch stillend besuchen, weil diese Lösung sehr giftig ist. Was aber wäre passiert, wenn ich für Makro ausgelost worden wäre? Der Direktor des Pathologieinstituts hat dann selbstständig eine Entscheidung getroffen: Ich bekam zugesichert, dass ich Histopatho machen darf. Das war ein minimer Vorteil – ja. Und da gab es Leute, die das nicht verstanden und es sehr unfair fanden.
Studieren, arbeiten, Prüfungen schreiben: Das kann alles unmöglich ohne Unterstützung funktionieren.
Mein Freund kommt aus Katalonien, seine Eltern sind dementsprechend nicht hier und auch finanziell ist es eher schwierig. Er kam mit 18 in die Schweiz und wurde nicht unterstützt. Meine Eltern haben mir schon unter die Arme gegriffen – aber weniger als diejenigen meiner Mitstudenten. Aber ich konnte uns durch den Sport immer einen Batzen dazuverdienen.
Der Sport? Erzähl!
Ich spiele Footbag. Und durch meine Erfolge durfte ich viele Kurse geben und auch viele Auftritte bei Firmen und Veranstaltungen absolvieren. Damit konnte ich mein Studium finanzieren. Durch meinen Ruf und meine Titel konnte ich in kurzer Zeit viel Geld verdienen.
Wie kamst Du denn zum Footbag?
Ich habe als Kind gerne Fussball gespielt. Ich hatte immer gerne Bälle. Aber die starren Strukturen von diesen Fussballvereinen haben mir nie entsprochen und mir immer ein wenig Angst gemacht. In der Oberstufe war ich dann in einem Sportlager und habe mir diesen Kurs Footbag ausgesucht. Da habe ich gesehen, dass das mega cool ist und ich habe nebenbei angefangen zu trainieren.
Und dann bist Du nebenbei Europa- und Weltmeisterin geworden?
Ich habe viel geübt und es hat mir unglaublich viel Spass gemacht. Mit 14 hast du aber auch Zeit dafür. Anfangs war es nur Spass, dann kamen die ersten Turniererfolge…
Du spielst immer noch?
Ja. Die Kinder kommen mit zum Training und ich habe auch noch gewisse Ambitionen. Auch wenn die WM diesen Sommer nicht drin liegt – das Baby ist dann noch viel zu klein.




Von wegen Baby, wie ist es eigentlich als Ärztin schwanger zu sein?
Ich arbeite in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem Ambulatorium, mein Alltag ist also wie in einer Praxis. Ich komme nicht mit gefährlichen Dingen in Berührung. Ich hätte ein 10-Stunden-Soll, aber das Arbeitsgesetz erlaubt es nicht, dass ich länger als 9 Stunden arbeite. Bei der letzten Schwangerschaft war es schwieriger. Da war ich viel in den Spitälern und immer wieder an anderen Orten. Du musst dich immer neu orientieren. Wo röntgen sie? Oder du musst in ein Zimmer das abgesperrt ist, hochinfektiös, gefährlich. Während des Studiums lernst du, mit diesen Risiken umzugehen – für dich. Aber plötzlich ist da diese zusätzliche Komponente deines Babys.
Ich möchte mein Kind Zuhause gebären. Nicht weil ich Ärzten grundsätzlich misstraue, aber weil ich den Spitalalltag kenne und weiss, unter welchem Stress die Leute da arbeiten und wie viele Fehler, da doch immer noch passieren.
Schwanger mit Deinem Fachwissen. Ist das einfacher oder bist Du genau gleich schwanger wie jede andere Frau – mit all den geistigen Aussetzern, die dazugehören?
Das ist sehr individuell. Ich weiss Bescheid über all diese Dinge, die schief laufen könnten. Aber ich hatte mich bei meinem ersten Baby schon vorher entschieden, dass meine Tochter im Geburtshaus zur Welt kommt.
Wieso?
Weil es bei einer normal verlaufenden Geburt nicht unbedingt ein Spital und Ärzte braucht. Ich möchte, wenn es aus medizinischer Sicht nicht indiziert ist, lieber nicht mit dem Spital in Kontakt kommen. Nicht weil ich den Ärzten grundsätzlich misstraue, aber weil ich den Spitalalltag kenne und weiss, unter welchem Stress die Leute da arbeiten und wie viele Fehler, da doch immer noch passieren. Die Atmosphäre im Geburtshaus ist ganz anders. Und es war super. Mein zweites Kind ist dann zuhause auf die Welt gekommen.
Auch das eine bewusste Entscheidung? Du, Dein Freund und Deine Hebamme?
Ja. Und unsere Tochter. Aber sie schlief im Zimmer nebenan.
So wird also auch Dein drittes Kind zuhause auf die Welt kommen? *
Wenn alles klappt, ja gerne. Der Schritt vom Geburtshaus zu einer Hausgeburt ist klein. Die Hebamme kann auch ein Neugeborenes erstversorgen, sie hat alles dabei. Zudem wohne ich in der Stadt Zürich und wir sind bei einem Notfall in fünf Minuten im Unispital. Ich würde es nicht machen, wenn ich sehr abgelegen wohnen würde. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass diese Hebamme, die dich die ganze Schwangerschaft begleitet hat, sehr gut abschätzen kann, ob alles gut kommt, ob sie sich, dir als Mutter und dem Baby das zutraut.
Es wird die gleiche Hebamme?
Ja. Und sie es ist auch die Hebamme, die bereits mich zur Welt gebracht hat. Sie war damals aber noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn im Spital.
Wenn sie Fieber haben, denkst du dir, das wird schon wieder gut. Als Ärztin weisst du, manchmal haben Kinder auch Fieber und es ist etwas mega Schlimmes.
Wie ist es denn als Mami mit Kindern zu arbeiten?
Im Moment fällt es mir einfach zu trennen, denn meine Patienten sind im Kindergartenalter und älter. Aber in meinen Spitalzeiten – zum Beispiel im Kindernotfall – da waren schon Situationen, die kritisch waren. Und in denen du dir denkst: «Oha, hat mein Kind das vielleicht auch?» Sonst wenn sie Fieber haben, denkst du dir, das wird schon wieder gut. Aber da merkst du plötzlich, manchmal haben Kinder auch Fieber und es ist etwas mega Schlimmes.
Eine Déformation Professionnelle?
Nicht wirklich. Denn du bekommst auch das Gefühl, wann ist es wirklich gefährlich. Klar, das ist nicht etwas, was du schnell lernst, aber ich glaube, ich kann das schon recht gut. Mein Kleiner hatte auch schon ein perforiertes Trommelfell mit Eiterausfluss und ich wusste: Jetzt musst du eigentlich Antibiotika geben. Ich kann dann aber auch je nach Situation und Zustand des Kindes adäquat reagieren und einschätzen, was genau das beste Vorgehen ist. Und mir dann zum Beispiel erlauben, noch 24 Stunden zu warten, bevor ich mit Antibiotika einsteige. Meist bessert es von alleine. So bin ich auch schon um Interventionen herum gekommen. Mir persönlich hilft es also eher. Es kommt aber sehr auf die Persönlichkeit, die Erfahrungen und deine Lehrmeister an.

* Seit unserem Interview sind schon einige Wochen vergangen und Tina ist inzwischen dreifaches Mami. Eloi ist am 4. Juli 2017 geboren. Wie geplant: Zuhause. Und wie erhofft: glücklich und gesund.